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Julia Phillips' Roman "Das Verschwinden der Erde":Feminismus am Ende der Welt

PETROPAVLOVSK-KAMCHATSKY, RUSSIA - FEBRUARY 21, 2020: A view of the Avacha Bay and Vilyuchinsky Volcano, 2,175m in heigh

Vulkane, Wälder und verblasster Sowjet-Glanz: Die Bucht von Petropawlowsk-Kamtschatski auf der russischen Halbinsel Kamtschatka.

(Foto: Yuri Smityuk/imago images/ITAR-TASS)

Julia Phillips erzählt in ihrem Roman "Das Verschwinden der Erde" einen Kriminalfall auf der russischen Halbinsel Kamtschatka. Sie ist Amerikanerin. Ist das ein Problem?

Von Nicolas Freund

"Verschwunden" kann man nicht steigern. Entweder jemand ist da, oder eben nicht. Aber es gibt Ausnahmen. Zum Beispiel, wenn eine junge Amerikanerin über verschwundene Mädchen im russischen Kamtschatka schreibt, einer Halbinsel, die nördlich von Japan in den Pazifik hineinragt.

Die Insel ist, obwohl ans Festland angebunden, nur per Schiff oder Flugzeug erreichbar. Wer sie über die Landbrücke erreichen möchte, braucht einen Hundeschlitten und viel Zeit. Lange war die Insel ganz abgeriegelt, denn zu Sowjetzeiten war die Region militärisches Sperrgebiet. Hier zu leben, kommt verschwunden zu sein schon ziemlich nahe. Was bedeutet es also anderes als ein gesteigertes Verschwinden, wenn an diesem Ort zwei kleine Mädchen entführt werden?

Julia Phillips ist Amerikanerin, sie ist in den USA geboren, in New Jersey aufgewachsen, sie hat in New York studiert und lebt in Brooklyn. Das ist wichtig, denn Phillips' Debütroman "Das Verschwinden der Erde" spielt nicht in den USA, sondern in einem der entlegensten Winkel Russlands, und alleine das macht ihn schon zu einer Besonderheit.

Die amerikanische Literatur geht selten über die Landesgrenzen hinaus

Denn so großartig die amerikanische Gegenwartsliteratur ist, so selten sieht sie doch über die Grenzen des eigenen Landes und der eigenen Gesellschaft hinaus. Dabei ist es gerade eine der Besonderheiten von Literatur, dass sie mehr als andere Künste erfahrbar und nachvollziehbar machen kann, was es bedeutet, jemand anders zu sein oder auch nur an einem anderen Ort zu leben.

Sieht Russland in Amerika und umgekehrt: die amerikanische Schriftstellerin Julia Phillips.

(Foto: Nina Subin)

Zuletzt ist allerdings gerade dieser Aspekt der Literatur in die Kritik geraten. Über etwas anderes als die eigenen Erfahrungen zu schreiben, sei im Zweifel kulturelle Aneignung, verweigere also denen, über die da geschrieben wird, das Anrecht auf eine eigene Stimme, so die Argumente der Kritiker. Gegen Phillips wurden diese Vorwürfe bisher glücklicherweise nur vorsichtig erhoben.

Die Probleme, über die sie schreibe, seien keine russischen, sondern amerikanische, die abgelegene Halbinsel exotisiere diese und diene vor allem als Kulisse, so manche Kritiker über ihren schon 2019 im englischen Original erschienenen Roman. Sie selbst gab zu, in erster Linie von amerikanischen und englischsprachigen Autorinnen wie Alice Munro beeinflusst zu sein, weniger von der russischen Literatur. Ist das nun ein Problem?

Zwei Mädchen werden entführt, das Verbrechen wühlt die Gemeinschaft auf - ein typischer Thriller

In ihrem Roman variiert Phillips ein typisches Muster amerikanischer Thriller: Ein, oder in ihrem Fall zwei Mädchen werden mutmaßlich entführt, und das Verbrechen wühlt eine ganze Gemeinschaft auf. Bei Phillips ist das Verbrechen aber nur noch Rahmenhandlung und lose wiederkehrendes Motiv. Ausgehend von dem Verschwinden erzählt der Roman in 13 kurzen Geschichten - eine für jeden Monat des Jahres und eine zusätzliche für die Silvesternacht - aus dem Leben verschiedener Frauen.

Es gibt eine indigene Studentin, die sich nicht zwischen zwei Männern entscheiden kann; es gibt das Wiedersehen zweier Freundinnen; eine Wissenschaftlerin, die ihrem entlaufenen Hund nachtrauert und zusah, wie ein dicker Mann zwei Mädchen in seinem auffällig sauberen Auto mitnahm; eine junge Frau, die mit eben jenem schusseligen Kollegen, der den Hund entkommen ließ, zum Zelten in die Wälder fährt und sich aufregt, dass der neue Freund ausgerechnet das Zelt vergessen hat.

In Details greifen diese Geschichten sanft ineinander, könnten aber jede auch für sich stehen, als Schnappschüsse aus dem Leben in einer Region, von der die meisten Menschen nicht einmal wissen, dass sie existiert. Diese Geschichten formen gemeinsam ein Mosaik, das kein Reiseführer sein, sondern, wie Phillips der amerikanischen Literaturzeitschrift The Paris Review sagte, Variationen von Gewalt gegen Frauen darstellen soll, von denen eine Entführung nur der Extremfall sei.

Ihre Sprache ist klar und präzise, aber nie kalt

Nun kann man einwenden, dass ein entlaufener Hund, ein unaufmerksamer Freund, ein Arztbesuch oder ein langweiliger Ehemann ganz andere Probleme sind, die auch nicht unbedingt mit Gewalt zu tun haben, als der Schmerz einer Ärztin, die schon zwei geliebte Männer verloren hat, oder das Leben einer jungen Frau, die in Russland ihre Homosexualität nur versteckt und unter großer Gefahr ausleben kann.

Der Roman suggeriert hier wegen der Verbindungen über Figurenkonstellationen und der strengen Form der Kalendererzählung eine Gleichwertigkeit der Geschichten und Schicksale, die manchmal besser für sich stünden, anstatt die tragische, letztlich aber harmlose Zerrissenheit einer Studentin zwischen zwei Männern unbedingt irgendwie in Beziehung zu einem möglichen Sexualverbrechen setzen zu müssen.

Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde. Roman. Aus dem Englischen von Pociao und Roberto de Hollanda. Dtv, München 2021. 376 Seiten, 22 Euro.

(Foto: Verlag)

Dieses etwas schief zusammengesetzte Mosaik schmälert aber nicht die Geschichten und die Welt von Kamtschatka, aus der sie erzählen und die neben dem feministischen Leitmotiv einen eigenen Sog entwickelt: Von der Trauer mancher über den verblassten Glanz der Sowjetzeit, von den indigenen Traditionen, von der wilden Natur, die nur wenige Autominuten außerhalb der Stadt mit Vulkanen und tiefen Wäldern eine urzeitliche Kulisse für die grundsätzlichen menschlichen Konflikte liefert, die Phillips in ihren Geschichten anreißt. Die Region ist ihr nicht fremd, neben Auslandssemestern in Moskau verbrachte sie ein Jahr auf Kamtschatka, reiste in abgelegene Orte, fuhr mit Hundeschlitten durch die Tundra und kehrte noch einmal für Recherchen dorthin zurück, als das Romanprojekt konkret wurde.

Die Sprache, in der sie nun von dieser versteckten Welt erzählt, ist klar und präzise, aber nie kalt. Die Kompositionen der Szenen ist meist perfekt gefügt und austariert. Die Übersetzung kommt dem nahe, auch wenn sie in Einzelfällen etwas unbeholfen ist, zum Beispiel, wenn die Polizei in einer abgelegenen Stadt angeblich eine "Filiale" betreibt und nicht etwa eine Außendienststelle.

Julia Phillips Debütroman ist eine kleine comédie humaine oder eher eine comédie feminine, ein Panorama einer kleinen, abgeschlossenen Welt, in der die Fremdheit, die diese Insel aus einer amerikanischen Perspektive hat, alle Probleme noch schärfer hervortreten lässt. Als sei es Phillips gelungen, zu steigern, was sich eigentlich nicht steigern lässt.

© SZ/fxs
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