Im Kino: "Titane" von Julia Ducournau:Da fliegt dir das Blech weg

"Titane" von Julia Ducournau

Mordwerkzeug in der Hochsteckfrisur: Alexia (Agathe Rousselle) ist am Anfang des Films "Titane" eine gefährliche Psychopathin.

(Foto: Verleih)

Nach der Goldenen Palme von Cannes ist "Titane" von Julia Ducournau der Filmhype des Jahres. Hält das brutale Werk, was die Aufregung in den Medien verspricht?

Von Juliane Liebert

Es ist schwierig, Hypes nicht mit einer gewissen Grundabwehr zu begegnen. "Titane" von Julia Ducournau gilt schon jetzt für viele als der Film des Jahres, und wenn "viele" sich auf einen extrem brutalen Film einigen können, in dem eine empathieunfähige Serienmörderin Sex mit einem Auto hat, davon schwanger wird und dann als Transgender-Feuerwehrmann untertaucht, dann denkt man sich schon so: Hm, ja, wirklich, ihr habt also alle auf einmal Spaß daran, zuzusehen, wie sich eine schwangere Frau mit einer eisernen Haarnadel im Unterleib rumrührt, um ihr Kind loszuwerden? Extremkunst, Entkörperlichung, alles klar. Wie jeder kunstinteressierte Fünfzehnjährige, der was auf sich hält, ja auch "de Sade" liest, um vor seinen Kumpels anzugeben. Es waren zwei harte Jahre. Andere schauen Youtubevidos, in denen sich Leute Pickel ausdrücken. Whatever floats your boat.

So einfach ist das natürlich dann doch nicht. Das Kino ist eine gewalttätige Kunstgattung, die im dunklen Raum auf der hellen Leinwand mit manipulativer Montage und Kadrage ihre Traumwirklichkeit erzwingt. Das gilt für alle Filme, für "Titane" gilt es noch mehr, weil die Regisseurin nach eigener Aussage körperlichen Schmerz benutzt, um den Zuschauer zu zwingen, zu empfinden, was auch die Charaktere fühlen. Während sie zugleich versucht, mit ihrer Protagonistin eine Figur zu erschaffen, mit der man sich nicht identifizieren kann. Ihre Alexia ist irrational gewalttätig, brutal, kalt, unvorhersehbar. Man kann nicht fühlen, was sie fühlt, es sei denn auf der rein körperlichen Ebene des Schmerzes, den sie sich und anderen zufügt.

Sie ist ein aggressives Kind, das seinen Vater bei einer Autofahrt so lange belästigt, bis der einen Unfall baut. Ihr wird eine Titanplatte in den Kopf eingesetzt. Von dem Punkt an gilt ihre sexuelle Liebe Autos. Sie arbeitet als Tänzerin in einer sexy Autoshow und ermordet gelegentlich recht wahllos Freund und Feind mit einer eisernen Haarnadel. Schon bald hat sie Bondagesex mit einem warm angeleuchteten Cadillac, einer nahezu spirituellen Erscheinung. Ab dem Punkt fließt Motoröl aus ihren Geschlechtsteilen, und da sie es bei einer Mordserie in einer WG nicht schafft, alle zu erwischen, zündet sie ihre Eltern an und besorgt sich eine neue Identität. Und zwar als der seit Jahren vermisste Sohn eines Feuerwehrkapitäns, Adrien. Dazu bricht sie sich die Nase und bindet sich Brüste und Babybauch ab. Der Feuerwehrkapitän stellt sich als mindestens so irre wie sie heraus. Er rammt sich jeden Abend Testosteronspritzen in den Arsch und ignoriert jegliche Hinweise, dass sein wiedergefundener Sohn eine hochschwangere Psychopathin ist - bis er selbst zum Mörder wird. Die Gewalt ist dabei so omnipräsent, dass sie nahezu komisch wird.

Eine bedingungslose Liebe, die dem Wahnsinn entspringt

Wäre das alles, wäre es nach dreißig Minuten öde in seiner Extremität. Aber die Regisseurin schafft es, den Film in der zweiten Hälfte in einen vergleichsweise liebevollen Familienfilm zu verwandeln. Der neue Feuerwehrvater hält Alexia, die jetzt Adrien ist, in ihrer Gefühllosigkeit nämlich etwas entgegen, das noch stärker ist. Und zwar, nicht lachen: bedingungslose Liebe. Diese Liebe entspringt zwar klar seinem Wahnsinn; er ist so unfähig, seinen verlorenen Sohn aufzugeben, dass er lieber seine ganze Liebe einer Hochstaplerin gibt, als sich von die Idee zu verabschieden, Adrien sei zurückgekehrt. Seine Gefühle sind tatsächlich nahezu bedingungslos. Selbst dann noch, als Alexia in höchster Not ihr wahres Gesicht preisgibt, ihn zu verführen versucht, ihm ihren zerschundenen Körper zeigt. Als die Illusion, die er so verzweifelt aufrechterhalten hat, zerspringt. Selbst da bleibt die Liebe zum anderen Menschen sein stärkstes Motiv. Und er wird belohnt.

"Titane" von Julia Ducournau

Ein alternder Körper voller Stereoide: Vincent Lindon als liebessehnsüchtiger Feuerwehrmann in "Titane".

(Foto: Verleih)

Obwohl die Auflösung der Geschlechter eines der Hauptthemen des Filmes ist, wurde er vom Filmmagazin Indiewire als transfeindlich kritisiert. Die Hauptfigur sei keine Transperson, sondern ein Crossdresser. Die beiden Vorgänge, die für wirkliche Transmenschen essenzielle Momente der Selbstfindung sind — sich die Brüste abbinden, sich Testosteron spritzen — würden im Film als widerlich und schmerzhaft dargestellt. Als etwas, was eine Mörderin tut, um sich eine andere Identität zu erschleichen. Als der Polizeichef seinen neuen Sohn seinen Untergebenen vorstellt, sagt er: "Ich bin für euch Gott, und das ist mein Sohn, also ist er für euch Jesus." Woraufhin einer von ihnen spöttelt: "Ich wusste nicht, dass Jesus weiß und schwul war." Der Logik nach wäre Alexias Verwandlung von der Frau zum Mann eine Transformation zum Sohn Gottes mehr als eine Geschlechtsänderung, und das Auto, das unsere Mörderin bereits am Anfang des Filmes fickt, der heilige Geist. Wirkliche Liebe erfahren kann sie jedoch erst, als sie ihr wahres Wesen preisgibt. Das wiederum wäre eine Botschaft auf Kalenderspruch-Niveau: Nur wer sein wahres Wesen zeigt, kann wahre Liebe erfahren. Und, im Falle des Vaters: Nur wer aufgibt, was er verloren hat, wird bekommen, was er sich ersehnt.

Ob man diese Weisheiten nun in Form eines Bodyhorror-Filmes sehen mag oder nicht, hängt von der Stärke des jeweiligen Magens und dem persönlichen Verhältnis zum eigenen Auto ab. War man nicht doch manchmal, nachts so allein mit ihm auf der Autobahn, in Versuchung, sich seinen öligen Innereien hinzugeben? Aber im Ernst. Julia Ducournau spricht in Interviews über fluide Identitäten und die Monster, die wir zulassen müssen. Könnte man "Titane" nur als krasse Illustration von Gender- und Ermächtigungsdiskursen abhaken, wäre es ein in seiner Abgefahrenheit öder Film. Aber er überrascht einen immer wieder von Neuem, und sei es nur, weil plötzlich eine alte Frau zum Rhythmus der Macarena wiederbelebt wird. Er sperrt sich bis zum letzten Moment dagegen, klare Antworten auf all die Fragen zu geben, die er aufwirft, und behauptet sich damit als Kunstwerk - über das Geschwätz der Diskursmoden hinaus.

Titane, Frankreich, Belgien 2021 - Regie und Buch: Julia Ducournau. Kamera: Ruben Impens. Musik: Jim Williams. Mit Agathe Rousselle, Vincent Lindon, Laïs Salameh, Garance Marillier, Dominique Frot. Verleih: Koch Film, 108 Minuten. Kinostart: 07. 10. 2021.

© SZ/kni
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