Münchner Volkstheater:Das Mädchen und der Dorfnazi

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Münchner Volkstheater: Alles so bräunlich hier: Die aus Berlin geflüchtete Dora (Maral Keshavarz, rechts) trifft in der brandenburgischen Provinz auf Menschen von einem ganz anderen Schlag.

Alles so bräunlich hier: Die aus Berlin geflüchtete Dora (Maral Keshavarz, rechts) trifft in der brandenburgischen Provinz auf Menschen von einem ganz anderen Schlag.

(Foto: Gabriela Neeb)

Christian Stückl inszeniert am Münchner Volkstheater Juli Zehs Bestseller "Über Menschen" - mit Anleihen bei Harry Potter und Pippi Langstrumpf.

Von Reinhard Brembeck

"Nazi." - "Großstadttante." Für eine Liebeserklärung ist das so windschief wie ungewöhnlich, aber völlig ausreichend. Zumindest am Münchner Volkstheater, dessen Chef Christian Stückl Juli Zehs letztjährigen Erfolgsroman "Über Menschen" für die Bühne adaptiert und inszeniert hat. Stückl liebt den Minimalismus. Sein Ausstatter Stefan Hageneier hat ihm im Halbrund ein leicht verwaschenes Fotopanorama vom Brandenburger Flachland aufgespannt, das von Bäumen, Grün, Windrädern durchzackt ist. Im Zentrum der Bühne steht ein kahles, kaltes Betontrapez, auf das die Protagonisten, vorwiegend skurrile und vom Dasein beschädigte Dorfbewohner, über Leitern und eine nach hinten führende Freitreppe rauf- und runterkraxeln. Hier in der Provinz, weit weg von Berlin, lebt es sich unbehaust auf Platte, die DDR ist hier gut im Gedächtnis, die Moderne nicht angekommen.

Die Werbetexterin Dora, kinderlos, liiert, Berlin-müde, hat sich auf dieser kargen Betonplatte niedergelassen, auf der anfangs bloß ein Klappstuhl liegt, es werden in den pausenlosen zwei Stunden nur wenig mehr Requisiten, die neue Heimat ist sichtbar eine unbewohnbare. Maral Keshavarz spielt diese kettenrauchende Dora mit Ringelshirt und kniekurzer roter Latzhose, was sehr ökomodisch ist, die Figur aber vor allem als noch nicht ganz erwachsen ausweist. Dora ist eine typische grüne Großstadtfrau, vegan, links, ausländerfreundlich, ökologisch-biologisch bewusst, politisch korrekt. Das ist sie sie auch wegen ihres klimaaktivistischen Lebensabschnittsgefährten Robert, bei dem 2020 in den ersten Monaten der Coronaseuche diese Gutmenschenideale zu einem unerbittlichen Rechthabermessianismus mutieren. Max Poerting (in der Aufmachung eines Fahrradkuriers) kann diese Überheblichkeitsnummer sehr gut, darf aber nicht viel mehr von der Psyche seines Robert zeigen.

Stückl schickt einen echten Hund auf die Bühne und ein kurioses Zwillingsmännerpaar

Jetzt ist Dora aus ihrer Berlin-Bubble geflohen, wo sie sich im Lockdown zunehmend unwohl und entfremdet fühlte. Maral Keshavarz staunt mit großen Augen eine ihr allenfalls aus den Medien bekannte Dorfwelt an, deren Widersprüche sie anfangs mit Hilfe von Youtube-Wahrheiten zu bändigen sucht. Die AfD-wählenden Dörfler sind ihr fremd, der altbekannte Stadt-Land-Antagonismus findet hier eine moderne Fortsetzung. Stückl kürzt das Personal auf ein paar exemplarische Figuren, rafft und dialogisiert die Handlung und lässt zur Freude der Zuschauer einen leibhaftigen Hund mitspielen. Das Strohblumen verhökernde schwule Nachbar-Pärchen ist bei ihm ein kurioses Zwillingsmännerpaar in überlangen Strickpullis, sie sehen aus wie in die Jahre gekommene Harry Potters (Steffen Link, Julian Gutmann). Dann sind da noch die nachts malochende, tagsüber alleinerziehende Mutter Sadie und ein alkoholabhängiger Underdog samt seiner aufgekratzt pubertierenden Tochter.

Münchner Volkstheater: Dora (Maral Keshavarz) freundet sich mit Franzi an (Anne Stein), der Tochter des selbst ernannten "Dorfnazis" Gote.

Dora (Maral Keshavarz) freundet sich mit Franzi an (Anne Stein), der Tochter des selbst ernannten "Dorfnazis" Gote.

(Foto: Gabriela Neeb/Volkstheater München)

Sie alle haben ein neugieriges Herz für die ihnen zugelaufene Großstadtfrau, sind aber gleichzeitig fremdenfeindlich, Kahlschädel Gote summt das Horst-Wessel-Lied und nennt sich offiziell den "Dorfnazi". Dora ist perplex und abweisend ob dieser Mischung aus Zu- und Abneigung. Während ihr Hirn die gängigen Gut-Böse-Schemata abruft, verliebt sich ihr Körper ausgerechnet in den Dorfnazi. Und der sich in sie. Das ist das Unerhörte - und auch ein wenig Kitschige - an der Geschichte. "Romeo und Julia" auf dem Lande. Der in seiner Körperspannung großartige Jakob Immervoll ist als Gote das Pendant zu Dora: ein nie erwachsen gewordener Junge, ohne Bildungshintergrund, aber mit viel Aggressionspotenzial. Einer, der sich via Ausländerhatz und Gewalt sozialisierte. Aber eigentlich ist er ein Seelchen, das mit ähnlich großen Augen wie Dora in und auf die Welt blickt. Das ist ein starker Kitt für eine sentimentale Liebesgeschichte, die "Über Menschen" vor allem ist.

Das Setting aber lässt die Konflikte lange auf Stufe "kuschelig" köcheln. "Über Menschen" produziert einen Überschuss an gegenseitigem Verständnis, was die Verletzungen der Menschen auf der Bühne kaum spürbar macht. Pola Jane O'Mara lächelt das Elend ihrer überforderten Sadie in Pragmatismus weg. Anne Stein als Gote-Tochter Franzi ist eine herrlich aufgedrehte Mischung aus Pippi-Langstrumpf und Prinzessin Lillifee. Julian Gutmann, einer der beiden Zwillinge, gibt einen nietzscheanischen "Übermenschen"-Monolog als Kabarettnummer zum Besten: "Die rechte Hand halt ich dabei, als trüg ich die Fackel der Freiheitsstatue. Dann streck ich den Arm mit flacher Hand nach vorn: Hitlergruß. Als nächstes...Sozialistenfaust..."

Alles alles verwischt und vermischt sich, so ist das Leben, Widersprüche muss man aushalten können: Das sind so die Botschaften, die schnuckelig bei dieser Produktion mitschwingen, das orange-braune Sepialicht auf der Bühne tut ein Übriges. Aber Juli Zeh weiß natürlich, dass ihre Harry-Potter-Pippi-Langstrumpf-Alice-im-Wunderland-Idylle nur Schein sein kann. Also baut sie dazu harsch eine Gegenthese auf. Gote ist todkrank. Bevor er Selbstmord begeht, gesteht er Dora, dass er nach der Wende an den ausländerfeindlichen Gewalttaten in Rostock-Lichtenhagen teilgenommen hat. Mit dem kurz aufblitzenden Traum einer unmöglichen Liebe räumt Christian Stückl genauso auf wie Juli Zeh. Er hinterlässt einen beunruhigenden Theaterabend voll existenziell entkernter Menschen.

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