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Juli Zeh über ihr neues Buch:Verloren im Wind der Veränderung

Buchmesse Leipzig

Die Schriftstellerin Juli Zeh ist auch Volljuristin.

(Foto: Jens Kalaene/dpa)

Juli Zeh über ihren Roman "Unterleuten", die neue Sehnsucht nach dem Landleben und das Epochengefühl der Überforderung

interview Von Antje Weber

Unterleuten ist ein brandenburgisches Dorf mit eigenen Regeln: Probleme klärt man hier selbst, unter Ausschluss der Polizei. Als ein Windpark geplant wird, eskaliert der Streit allerdings. Für die zugezogenen Städter ist dieser eigenwillige Kosmos kaum zu verstehen; die Leser von Juli Zehs neuem großen Gesellschaftsroman "Unterleuten" (Luchterhand) jedoch lernen die Dorfwelt und ihre Abgründe in den wechselnden Perspektiven vieler Figuren ziemlich gut kennen.

SZ: Sie wohnen selbst in einem Dorf in Brandenburg. Redet noch jemand mit Ihnen nach dem Roman?

Juli Zeh: Bis jetzt schon. Aber ich glaube auch nicht, dass die Leute mir Ärger machen werden. Zum einen sind hier alle wahnsinnig nett, zum anderen interessieren die sich nicht so brennend für meine schriftstellerische Tätigkeit. Die interessieren sich mehr dafür, wer ich bin, wenn ich hier bin.

Sie haben angeblich Züge von sich selbst in allen elf Hauptfiguren untergebracht. Sind Sie sicher, dass sich nicht dennoch der eine oder andere Dorfbewohner wiedererkennt?

Passieren kann das sowieso. Die Erfahrung hat mich gelehrt, dass sich meistens Leute wiedererkennen, an die man beim Schreiben noch nicht einmal gedacht hat - die Leute lesen ja alle ihr eigenes Buch und sehen ihre eigenen Figuren. Das macht mir immer ein etwas mulmiges Gefühl, aber es bringt nichts, sich verrückt zu machen.

Das Dorf in Ihrem Buch wird ja von Klatsch und Tratsch bestimmt. Sie persönlich lieben aber gerade die Freiheit des Dorflebens - ist das nicht das Gegenteil?

Nicht unbedingt. Zunächst ist es ein Unterschied, ob man durch eine hierarchische Obrigkeit reguliert wird, also Polizei und Ordnungsämter. Es hat mich in den Zeiten meiner städtischen Existenz irgendwann zur Rage gebracht, dass es für jeden noch so kleinen Quadratmeter Vorschriften gibt. Das ist auf dem Dorf nicht der Fall. Wenn mein Nachbar zu mir sagt: He, kannst du mal die Musik leiser machen oder deinen Hund wegnehmen, ist das etwas völlig anderes. Und Klatsch und Tratsch beschränkt nicht unbedingt die Freiheit: Das kann auch etwas sehr Lustvolles sein. Und man kann ja dabei lernen, dass es einem vielleicht nicht so wichtig ist, was die Leute über einen reden. Das zu lernen, stärkt dann auch das eigene Selbstbewusstsein.

Stimmt der Eindruck, dass es Ihnen bei diesem Buch besonderen Spaß gemacht hat, die Figuren aufeinander zu hetzen und einfach auch gut zu unterhalten?

Total. Das Buch hat so wenig Arbeit im anstrengenden Sinne gemacht wie kein Text zuvor. Es hat zwar sehr lange Zeit in Anspruch genommen, aber in meiner Erinnerung war das ein durchgehend problemfreier Schreibprozess - und das ist nun wirklich etwas, was man nicht von vielen Texten sagen kann. Dieser hat mir große Freude gemacht, und er hat vor allem von Anfang an einen sehr starken Eigenwillen gehabt. Ich musste nie Energie investieren. Ich hatte das Gefühl, dass ich eher aus dem Text Kraft schöpfe, als dass ich Kraft hineintun muss.

Sie haben ja zehn Jahre an diesem Roman gearbeitet. Erstaunt Sie selbst der inzwischen heraufgezogene Trend zum Landleben-Buch, von Saša Stanišić bis zu Dörte Hansen?

Er erstaunt mich gar nicht, denn von Anfang an wusste ich, dass ich ein Thema am Wickel habe, das in Zukunft enorm wichtig werden wird. Ich habe zwischendrin mal ein bisschen Schnappatmung bekommen, als ich gemerkt habe, dass alle naselang Bücher erscheinen, die in der Provinz spielen, am besten auch noch in der ostdeutschen. Meine Sorge war, dass mein Buch irgendwann erscheint und alle sagen, ach, jetzt hat die Juli Zeh auch noch über die Provinz geschrieben. Aber ich konnte es nicht beschleunigen, es hat halt so lange gedauert, wie es gedauert hat.

Teilen Sie also die These, dass Gesellschaftsromane heute nur noch als Dorfromane möglich sind?

Das glaube ich nicht. Ich glaube sogar, dass der Gesellschaftsroman erst dann komplett ist, wenn man beide Seiten der Medaille beleuchtet und wenn dem Landroman der Stadtroman folgt. Das werde ich wahrscheinlich auch anstreben, denn erst dann ist die Waage im Gleichgewicht. Aber ich habe schon vor Jahren gemerkt, dass die Sehnsucht nach dem Ländlichen uns alle erfasst hat. Gar nicht unbedingt als konkreter Lebensentwurf, aber doch als innerer Trieb. Und dass das nicht nur eine flüchtige Modeerscheinung ist, sondern ganz viel über unsere Epoche aussagt.

Und zwar, dass wir alle vor den Zumutungen dieser Gesellschaft flüchten wollen?

Ja, genau. Das Interessante ist: Dieses Streben woandershin ist dem Menschen sehr zu eigen. Aber will man woandershin, weil es spannend ist? Oder weil es unaushaltbar geworden ist, wo man sich befindet? Ich glaube, momentan ist das zweite der Fall. Die Leute sind nicht neugierig, sondern extrem bedrückt und wollen deswegen weg. Und wohin will man dann? Das finde ich auch sehr spannend: Dass man sich nicht mehr auf die Südsee-Insel mit den Palmen sehnt, in irgendeine Exotik hinein - weil man den Glauben an Exotik komplett verloren hat. Die Welt ist einfach klaustrophobisch geworden. Die westliche Kultur breitet sich so stark aus, alles hat sich angeglichen. Man müsste schon zum Mond fahren, um wirklich rauszukommen - oder eben in die Provinz. Das sind so die beiden Optionen: Weltraum oder Brandenburg.

Mit dem Begriff Heimatroman können Sie dabei allerdings nichts anfangen?

Der Heimatroman ist literaturhistorisch ja belastet, das ist keine Gattung, in der man sich noch bewegen kann. Die Frage ist auch, ob man mit dem Begriff Heimat noch etwas anfangen kann. Das ist ein ur-deutsches Wort und sehr abgehoben. Wenn wir über Heimat reden, meinen wir in Wahrheit ganz oft Identität. Wir meinen also nicht so sehr die Frage: Wo wohnen wir, und fühlen wir uns da wohl? Sondern: Wer sind wir, und fühlen wir uns mit uns selber wohl?

Genau mit dieser eigenen Identität haben Ihre Dorfbewohner ein Problem: Weil sie nicht wissen, wer sie sind. Weil da in der Mitte ein Loch ist.

Ja, das ist im Grunde das Thema des Romans: Dass die Leute nicht mehr wissen, wer sie sind, und deswegen auch nicht mehr wissen, was sie tun sollen. Denen fehlt es an Handlungsprinzipien, die treffen ihre Entscheidungen von Tag zu Tag. Eigentlich haben alle Figuren ein Problem mit dieser Frage.

Und sie haben alle ein Problem mit einem massiven Egoismus. Alle folgen letztlich eigenen Interessen. Steckt dahinter ein zutiefst pessimistisches Menschenbild?

Nein, dahinter steckt in Wahrheit ein zutiefst optimistisches Menschenbild! Weil von diesen Leuten letztlich keiner irgendetwas Böses möchte. Man kann denen ihren Egoismus vorwerfen, doch der ist eine Folge von diesem Loch in der Mitte der Persönlichkeit. Man findet bei allen etwas, was ihnen wichtig ist außerhalb ihrer selbst. Was denen verloren gegangen ist, ist das verbindende Element als Gemeinschaft. Sie orientieren sich eben nur daran, was ihnen persönlich wichtig ist, und daher wirken die so egoistisch. Das ist aber eine Folge eines Epochenzustands und nicht einer Charakterschwäche.

Aber da ist doch viel Lüge und Betrug, viel Schuld und Wut, und alles endet mit Gewalt. Das ist doch schon sehr düster, oder?

Der Dorfbewohner Kron zum Beispiel lügt, um seine Tochter nicht zu verlieren. Das kann man maßregeln und sagen: Das tut man nicht. Aber man kann auch das Motiv würdigen und einfach sehen, dass das tragische Figuren sind. Alle scheitern und versuchen, damit zurecht zu kommen. Einige von denen sind schon in der Vergangenheit gescheitert, wie zum Beispiel Gombrowski. Andere sind jünger und streben noch etwas an und laufen damit vor die Wand. Ich habe wirklich große Sympathien für jeden von denen. Das sind Menschen, die aus meiner Sicht sehr realistisch gezeichnet sind, sehr wenig romantisierend, sehr heutig. Und der Roman verzichtet auch darauf, am Ende noch so etwas wie eine auktoriale Sinnstiftung anzubieten.

All dieses Scheitern, die Unmöglichkeit, in dieser Gesellschaft klarzukommen - das kann ja schon frustrieren.

Das wird sehr unterschiedlich gelesen. Der Grund dafür ist wohl, dass dieser Roman ein Epochengefühl wachruft. Man liest den vor dem Hintergrund der Jahre 2015 und 2016, mit europäischen und globalen Problemen, bei denen wir das Gefühl haben, man kann die nicht lösen. Ich glaube, der Roman kitzelt einfach etwas wach, was schon da ist. Das liegt gar nicht so sehr daran, dass die Figuren scheitern. In Hochliteratur scheitern die Figuren immer! Dieser Frust oder diese Trauer, die man beim Lesen empfinden kann, kommt wohl daher, dass es dem Roman gelingt, extrem am Nerv eines Zeitgefühls zu sein. Das liegt außerhalb dieses Buches: dass wir das Gefühl haben, in einer riesigen Überforderung zu verharren und als Einzelne keine Chance haben, etwas dagegen zu unternehmen.

Könnte man Ihren Roman dann vielleicht mit einem Satz von Ingeborg Bachmann zusammenfassen: "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar"?

Auf jeden Fall, denn es ist ein aufklärerischer Satz. Aufklärung im guten, altmodischen Sinne ist das, was mich in der Beziehung zum Leser antreibt. Nicht im Sinne von Belehrung, sondern in dem Sinne, Leuten die Möglichkeit zu geben, sich selbst und ihre Zeit und ihre Umgebung möglichst genau anzuschauen.

Apropos Zumutung: Der Schriftsteller Wolfi im Buch, der ja auch von Ihrer Familie inspiriert ist, nervt seinen Nachbarn durch tägliches stundenlanges Rasenmähen. Was denken Sie als Betroffene und als Juristin: Wie viele Stunden Rasenmähen sind dem Menschen zumutbar?

Ehrlich gesagt, das weiß ich gar nicht. Mittagsruhe ist zwischen zwölf und zwei. Bei uns auf dem Dorf spielt so etwas aber keine Rolle, da sind wir ganz Unterleuten. Wenn man einander nicht stört, dann nicht deswegen, weil es Gesetze gibt, sondern weil es sich einfach nicht gehört. Auch das regelt man untereinander - und ohne jede Probleme.

Juli Zeh: Unterleuten, Lesung am Dienstag, 5. April, 20 Uhr, Literaturhaus, Salvatorplatz 1

© SZ vom 05.04.2016

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