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Juli Zeh über das Generali-Modell:"Der Selber-Schuld-Gedanke macht uns alle unfrei"

In "Corpus Delicti" ist es der Staat, der Sensoren in den Toiletten einbaut, um zu überwachen, ob sich die Bürger gesund ernähren. In der Realität ist es nun ein Versicherungskonzern mit ökonomischen Interessen. Ist die Überwachung durch Konzerne leichter zu umgehen als die staatliche?

Ich fürchte, das macht kaum noch einen Unterschied. Auch hier zeigen sich neue Mechanismen: Im 20. Jahrhundert gingen Unterdrückung und diktatorische Methoden von Staaten aus. Inzwischen erleben wir, wie große Konzerne immer mehr Macht gewinnen, sich zum Teil gar nicht mehr an Politik und Gesetze gebunden fühlen. Totalitäre Strukturen kleiden sich heute ins Gewand von Serviceangeboten.

Im Fall der Krankenversicherung droht ein ganz konkretes Problem: Erst profitiere ich vom Rabatt, dann - wenn man alt oder krank wird - wendet sich das Belohnungssystem gegen mich. Müsste der Staat solche Geschäftspraktiken nicht verhindern und seine Bürger durch Gesetze schützen?

Unbedingt! Die Politik muss endlich kapieren, mit was für einer Entwicklung wir es da zu tun haben. Es geht hier keineswegs um das Wohl des Einzelnen, sondern einzig und allein um die Interessen von mächtigen Konzernen. Es ist die Aufgabe von Politik, das Individuum davor zu schützen, zum Objekt von Interessen zu werden. Im Grunde ist das der Geist unserer gesamten Verfassung. Es regt mich wahnsinnig auf, wenn immer gesagt wird: Dann sollen die Leute halt andere Produkte kaufen, nicht zu Facebook gehen, kein Smartphone verwenden und kein Fitnessarmband und so weiter. Erstens ist das Heuchelei - wir können uns einer immer weiter vernetzten Welt nicht entziehen. Zweitens reduzieren solche Argumente die Politik auf Konsumentscheidungen der Einzelnen. Das ist unverantwortlich.

Die Währung ändert sich: Wir bezahlen künftig mit Daten. Wo ist der Haken bei diesem Geschäft?

Zum einen bei der Transparenz: Wir wissen gar nicht, was unsere Daten wert sind, also wissen wir auch nicht, wie viel wir für eine Leistung bezahlen. Momentan ist das Geschäft mit Daten in den meisten Fällen Abzocke - der Verbraucher bekommt eine lächerliche Prämie für einen Datensatz, der womöglich sehr viel Geld wert ist. Zum anderen ist "Geld" als Währung ein anonymisiertes Zahlungsmittel - und übt schon genug Macht und Einfluss auf unser Leben aus. Daten sind aber personalisiert, sie verraten alles über uns. Wir bezahlen mit unserer Intimität. Dadurch begeben wir uns immer weiter in die Hände von Akteuren, die unser Verhalten und unsere Entscheidungen steuern.

Versicherungen sollten eigentlich Solidargemeinschaften sein: Viele teilen sich die Risiken von wenigen. Ist die Solidarität in unserer Gesellschaft bedroht?

Ganz klar: ja. Die Idee der Individualisierung von Tarifen - der "Gesunde" soll weniger bezahlen als der "Kranke" oder "Anfällige" - widerspricht komplett dem Solidaritätsgedanken. Längst verlieren die meisten Menschen den Sinn für Solidarität. Sie fragen: "Warum soll ich für den Bluthochdruck von dem fetten Kerl da aufkommen? Soll der doch weniger essen!" Die Leute fangen an zu vergessen, dass persönliche Freiheit nicht aus individueller Höchstleistung resultiert, sondern aus gemeinschaftlichem Zusammenstehen. Denn Freiheit braucht Absicherung, und die gibt es nur durch Solidarität. Der Selber-Schuld-Gedanke macht uns alle unfrei.

© Süddeutsche.de/hgn/hum

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