bedeckt München 20°

Juli Zeh über das Generali-Modell:"Wir werden manipulierbar und unfrei"

juli zeh 3

Schriftstellerin Juli Zeh: Die düstere Vision ihres Romans "Corpus Delicti" erfüllt sich.

(Foto: David Finck (btb Verlag))

Der gläserne Patient: Generali lockt Kunden mit einer ermäßigten Krankenversicherung, wenn sie per App belegen, dass sie Sport treiben. Damit erfüllt sich eine düstere Roman-Vision der Autorin Juli Zeh. Sie warnt vor totalitären Strukturen im Gewand von Serviceangeboten.

Von Karin Janker

Als erster großer Versicherer in Europa setzt die Generali-Gruppe künftig auf die elektronische Kontrolle von Fitness, Ernährung und Lebensstil. Kunden erhalten Gutscheine und Rabatte, wenn sie gesund leben. Der Preis: Sie übermitteln der Generali über eine App regelmäßig Daten zum Lebensstil. Das neue Modell ist verlockend und problematisch zugleich. Es entspricht genau jener Zukunft, vor der Juli Zeh in ihrem Roman "Corpus Delicti" warnt. Ein Gespräch mit der Schriftstellerin und Juristin.

SZ.de: Frau Zeh, die Generali-Versicherung setzt Ihre düstere Vision um. Überrascht?

Juli Zeh: Leider kann ich nicht einmal sagen, dass es mich gruselt, weil es mich einfach nicht im Mindesten überrascht. Die Idee der Generali-Versicherung entspricht einer Mentalität, die sich längst flächendeckend ausgebreitet hat.

Die Versicherung will Kunden einen ermäßigten Tarif anbieten, wenn sie sich dafür selbst per App überwachen. Schritte zählen, Gewicht messen, Sport und Kalorienmenge dokumentieren. Der Lohn ist bessere Gesundheit - und ein günstigerer Preis. Hört sich doch gut an ...

Aber das Streben nach Sicherheit, Gesundheit, Schmerz- und Risikofreiheit führt letztlich zu einem totalitären Gesellschaftsmodell. Wir folgen derzeit dem Irrglauben, unser Schicksal, sprich unsere Zukunft beherrschen zu können, indem wir ständig alles "richtig" machen und uns unentwegt selbst optimieren - auf der Arbeit, bei Gesundheit und Ernährung, selbst bei Liebe und Sex. Alles ist Leistungssport. Wir glauben, dadurch Kontrolle über unser Leben zu gewinnen. In Wahrheit werden wir manipulierbar und unfrei.

Mia Holl, die Protagonistin Ihres Romans "Corpus Delicti", wehrt sich gegen die institutionalisierte Gesundheitsüberwachung. Wieso regt sich in unserer Gesellschaft so wenig Widerstand? Im Gegenteil: Die Quantified-Self-Bewegung der freiwilligen Selbstüberwacher wächst stetig.

Die Menschen haben Angst. Wir haben noch immer nicht gelernt, mit der persönlichen Freiheit umzugehen, die uns die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts beschert hat. Je mehr Möglichkeiten uns das Leben bietet, desto lauter klingt uns der Imperativ der Leistungsgesellschaft in den Ohren: Mach bloß keinen Fehler! Sei fit! Jung! Hübsch! Gesund! Leistungsfähig! Dann bekommst du Vorteile - Schnäppchen-Preise bei der Krankenkasse, vielleicht eine Beförderung im Job, ein längeres Leben. Als sei "Glück" ein Ziel, das sich erreichen lässt, wenn man sich nur an die Regeln hält. Die Leute merken gar nicht, dass sie sich verhalten wie ein Hamster im Rad.

Manche Versicherungskunden mögen darauf pragmatisch antworten: Ich bin jung, ernähre mich ohnehin gesund und gehe regelmäßig zum Sport - was spricht dagegen, dass ich meine Daten einem Konzern preisgebe, um Geld zu sparen?

Menschen ändern automatisch ihr Verhalten, wenn sie überwacht werden. Jeder kann das an sich selbst beobachten. Es reicht, wenn ein Auto anzeigt, wie viel Sprit es gerade verbraucht - schon fahren wir schonender. Steht ein Mensch vor einer Kamera, versucht er, ein liebenswertes oder cooles Gesicht zu machen. Der Mensch ist ein Sozialtier, und soziale Ordnungen beruhen immer auf Hierarchien, also Rankings. Je mehr wir "vermessen" werden, desto mehr werden wir verglichen. Und desto stärker gehorchen wir Mechanismen, die wir in Wahrheit nicht selbst kontrollieren, weil sie von Krankenkassen, Arbeitgebern, Schulen oder Sicherheitsbehörden entwickelt und angewendet werden.

"Der Selber-Schuld-Gedanke macht uns alle unfrei"

In "Corpus Delicti" ist es der Staat, der Sensoren in den Toiletten einbaut, um zu überwachen, ob sich die Bürger gesund ernähren. In der Realität ist es nun ein Versicherungskonzern mit ökonomischen Interessen. Ist die Überwachung durch Konzerne leichter zu umgehen als die staatliche?

Ich fürchte, das macht kaum noch einen Unterschied. Auch hier zeigen sich neue Mechanismen: Im 20. Jahrhundert gingen Unterdrückung und diktatorische Methoden von Staaten aus. Inzwischen erleben wir, wie große Konzerne immer mehr Macht gewinnen, sich zum Teil gar nicht mehr an Politik und Gesetze gebunden fühlen. Totalitäre Strukturen kleiden sich heute ins Gewand von Serviceangeboten.

Im Fall der Krankenversicherung droht ein ganz konkretes Problem: Erst profitiere ich vom Rabatt, dann - wenn man alt oder krank wird - wendet sich das Belohnungssystem gegen mich. Müsste der Staat solche Geschäftspraktiken nicht verhindern und seine Bürger durch Gesetze schützen?

Unbedingt! Die Politik muss endlich kapieren, mit was für einer Entwicklung wir es da zu tun haben. Es geht hier keineswegs um das Wohl des Einzelnen, sondern einzig und allein um die Interessen von mächtigen Konzernen. Es ist die Aufgabe von Politik, das Individuum davor zu schützen, zum Objekt von Interessen zu werden. Im Grunde ist das der Geist unserer gesamten Verfassung. Es regt mich wahnsinnig auf, wenn immer gesagt wird: Dann sollen die Leute halt andere Produkte kaufen, nicht zu Facebook gehen, kein Smartphone verwenden und kein Fitnessarmband und so weiter. Erstens ist das Heuchelei - wir können uns einer immer weiter vernetzten Welt nicht entziehen. Zweitens reduzieren solche Argumente die Politik auf Konsumentscheidungen der Einzelnen. Das ist unverantwortlich.

Die Währung ändert sich: Wir bezahlen künftig mit Daten. Wo ist der Haken bei diesem Geschäft?

Zum einen bei der Transparenz: Wir wissen gar nicht, was unsere Daten wert sind, also wissen wir auch nicht, wie viel wir für eine Leistung bezahlen. Momentan ist das Geschäft mit Daten in den meisten Fällen Abzocke - der Verbraucher bekommt eine lächerliche Prämie für einen Datensatz, der womöglich sehr viel Geld wert ist. Zum anderen ist "Geld" als Währung ein anonymisiertes Zahlungsmittel - und übt schon genug Macht und Einfluss auf unser Leben aus. Daten sind aber personalisiert, sie verraten alles über uns. Wir bezahlen mit unserer Intimität. Dadurch begeben wir uns immer weiter in die Hände von Akteuren, die unser Verhalten und unsere Entscheidungen steuern.

Versicherungen sollten eigentlich Solidargemeinschaften sein: Viele teilen sich die Risiken von wenigen. Ist die Solidarität in unserer Gesellschaft bedroht?

Ganz klar: ja. Die Idee der Individualisierung von Tarifen - der "Gesunde" soll weniger bezahlen als der "Kranke" oder "Anfällige" - widerspricht komplett dem Solidaritätsgedanken. Längst verlieren die meisten Menschen den Sinn für Solidarität. Sie fragen: "Warum soll ich für den Bluthochdruck von dem fetten Kerl da aufkommen? Soll der doch weniger essen!" Die Leute fangen an zu vergessen, dass persönliche Freiheit nicht aus individueller Höchstleistung resultiert, sondern aus gemeinschaftlichem Zusammenstehen. Denn Freiheit braucht Absicherung, und die gibt es nur durch Solidarität. Der Selber-Schuld-Gedanke macht uns alle unfrei.

© Süddeutsche.de/hgn/hum

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite