Juli Zeh im Interview "Wir können Mitte auch ohne Mutti"

Die Schriftstellerin Juli Zeh

(Foto: Peter von Felbert/Luchterhand Literaturverlag)

Die Schriftstellerin Juli Zeh über Merkels Rückzug, das ewige Lamento im Land und Widerstand gegen rechts.

Interview von Verena Mayer

Was hält uns zusammen, welche Gesellschaft streben wir an, was bedroht unsere Freiheit? Das sind die Fragen, die sich die Schriftstellerin Juli Zeh in ihren Romanen stellt. Die 44-Jährige ist eine der bekanntesten Intellektuellen Deutschlands. Die promovierte Juristin setzt sich für Bürgerrechte im digitalen Zeitalter ein, immer wieder meldet sie sich in politischen Debatten zu Wort.

Frau Zeh, 2018 haben sich Künstlerproteste, Großdemonstrationen, eine Sammlungsbewegung formiert. Woher kommt diese Mobilisierungswut?

Wir erleben eine unerfreuliche Wiederkehr von Fremdenhass, dazu eine strategische Überschreitung von sprachlichen Grenzen. Man geht immer genauso weit, wie es das Tabu gerade noch zulässt. Hat sich die Öffentlichkeit an das Wort "Asyltourismus" gewöhnt, kommt der "Vogelschiss", das lässt die Gemüter hochschlagen. Ich dachte selbst einige Male, ich muss einen Aufruf starten, habe aber die Füße still gehalten.

Warum?

Das endet oft in einem Lagerdiskurs, die Linken gegen die Rechten. Der Essay, der Aufruf, die Petition führen ja nicht dazu, dass sich die Leute vom Rechtspopulismus abwenden. Man denke nur an den Schriftsteller Uwe Tellkamp, der sich bei einer Diskussion in Dresden mit falschen Zahlen zur Einwanderung blamierte, die von Pegida hätten stammen können. Der Aufschrei danach hatte etwas Diffamierendes, und die Folge war, dass sich rechte Intellektuelle zur "Erklärung 2018" zusammenschlossen, die eine weitere Radikalisierung einleitete.

Liegt es an den sozialen Medien, dass man sich immer schneller über alles aufregt?

Bestimmt. Die AfD ist eine Partei, in der sich Einfluss auch daran misst, wer die größte Reichweite auf Facebook hat. Die sozialen Medien sind keine Tools, sondern die Wirbelsäule der Partei. Daher wird sie sich auch weiter radikalisieren, und der Politiker, der etwas zu sagen hat, wird Höcke sein. Der Mann ist ja inzwischen berühmt. Als er auf der Buchmesse auftrat, sperrten Hundertschaften der Polizei seine Lesung ab, das war, als ob Michael Jackson käme.

Ein Phänomen sind gerade die politischen Bewegungen, ob das Bernie Sanders' "Our Revolution" in den USA ist, Jeremy Corbyns "Momentum" in der Labour Party oder die linke Sammlungsbewegung um Sahra Wagenknecht. Reichen die Mittel des Parlamentarismus nicht mehr aus, um etwas zu verändern?

Es reicht eher die normale Sexyness einer Partei nicht mehr aus. Der Eindruck ist: Den Parteien laufen die Wähler weg, also machen wir jetzt eine Bewegung. Das ist schneller, flexibler, entspricht vielleicht dem modernen Lebensgefühl besser als die Beständigkeit und oft auch Behäbigkeit einer Partei. Man darf darüber nur nicht vergessen, dass Bewegungen dieser Art die Parteipolitik vielleicht ergänzen, aber sicher nicht ersetzen können.

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Haben Sie noch Vertrauen in die klassische Politik?

Natürlich, es ist alles gut in Deutschland. Das ist das Irre: Die Institutionen sind intakt, die Parteien, der Rechtsstaat. Es gibt nichts, was aus dem Ruder laufen würde. Umso bizarrer sind die Politikverachtung, die Abwendung vom System. Da fragt man sich, wofür man noch kämpfen soll, wenn alles prima funktioniert und die Leute trotzdem aggro sind.

Was wurde eigentlich aus der guten alten Mitte?

Das, was wir als Gegenposition zu rechts behandeln, ist nicht links, das ist ja die Mitte. Die Mitte ist ruhig, solange alles einigermaßen läuft, die wird man nicht mit Plakaten an der Ecke sehen. Aber wenn sie glaubt, es ist etwas radikal bedroht, dann hat man schnell ein paar Hunderttausend Leute, die etwas verteidigen wollen. So wie bei der "Unteilbar"-Demonstration in Berlin, als fast eine Viertelmillion für Grundrechte und Demokratie auf die Straße ging. Das ist großartig. In einer solchen Häufung hat sich die gesellschaftliche Mitte wahrscheinlich nicht mehr gerührt, seit es um die Entscheidung ging, ob Deutschland am Golfkrieg teilnehmen soll.

Und wie wird sich der Rückzug von Angela Merkel und ihrem Verständnis von Volkspartei auf die Mitte auswirken?

Ich würde das nahende Ende von Merkels Zeit als aktive Politikerin mal nicht überbewerten. Merkel hat in mancher Hinsicht gut regiert, vor allem war ihr Führungsstil neu und heilsam für die politische Szene. Aber wir können Mitte auch ohne Mutti. Auch das Ausscheiden eines Politikers ist ein ganz normaler demokratischer Prozess.

Fehlt es dem fortschrittlichen Lager vielleicht an Utopien? Einem neuen Willy Brandt, einem zweiten Rot-Grün?

Wenn man abkackt wie die SPD, gibt das ja auch Freiheit. Man könnte jetzt wirklich neu und innovativ denken. Was heißt "links" im 21. Jahrhundert? Wenn dann keiner mitmacht, ist das traurig. Aber noch trauriger ist es doch, es nicht einmal zu versuchen.

Die Sozialdemokratie ist überall in Europa im Niedergang. Ein Grund dafür ist, dass Linkssein heute nicht mehr den Kampf gegen die große Ungerechtigkeit meint, sondern jede Minderheit in ihrer Identität ernst genommen werden will.

Ja, das Umschwenken der Linken auf Identitätspolitik hat vieles zersplittert. Vor allem aber hat die Sozialdemokratie es verabsäumt, nach dem Ende der Industriegesellschaft die Arbeiterklasse neu zu definieren. Es ist ja nicht so, dass wir in der digitalen Gesellschaft keine benachteiligte Gruppe mehr hätten. Aber als freiberuflicher Friseur, als Krankenschwester oder ewiger Volontär fühlt man sich vom Begriff des Arbeiters nicht angesprochen. Dabei ist Arbeit das Zukunftsthema. Es wird in der digitalisierten Welt nicht genug davon für alle geben, gleichzeitig steigt der Bedarf an Tätigkeiten wie Pflege und Kinderbetreuung, die nicht angemessen zu bezahlen sind. Diese beiden Faktoren muss man doch nur zusammenbringen, und man hat ein Modell für die nächsten hundert Jahre. Aber so etwas wird von der Sozialdemokratie nicht mal angedacht, im Gegenteil, sobald jemand ein Wort wie "Grundeinkommen" in den Mund nimmt, rennen alle schreiend davon.

Ihr neues Buch "Neujahr" handelt von einem jungen Elternpaar, das sich Arbeit und Familie gleichberechtigt aufteilt, aber daran scheitert. Der Mann hat Panikattacken, die Frau zieht es zu einem anderen. Ist unsere Gesellschaft einfach nicht bereit für moderne Rollenbilder?

Wenn es kein Modell gibt, an dem man sich orientieren kann, wenn man der Erste ist, der etwas probiert - dann kommt man an eine Grenze. Weil man jeden verdammten Tag von Neuem überlegen muss, wer verdient das Geld, wer bringt die Kinder zum Arzt, das ist ein ständiges Ausverhandeln. Das finde ich prägend für unsere Zeit, wir stecken nicht nur politisch in einer Identitätskrise, sondern auch bei den Geschlechtern. Religion kann man wegemanzipieren, den patriarchalen Vater auch, aber wenn die Familienzusammensetzung, die Geschlechteridentität, die intimsten Dinge neu gedacht werden müssen, geht es ans Eingemachte.

2018 war auch das 50. Jubiläum der 68er- Bewegung. Für die Historikerin Christina von Hodenberg ging die eigentliche Revolution nicht von den Dutschkes, Fischers und Cohn-Bendits aus. Sondern von denen, die im Privaten dafür sorgten, dass man sich die Hausarbeit teilt, gleichberechtigt lebt. So wie die Eltern in Ihrem Roman.

Ja, es gibt unbewusstes politisches Wirken. Am Ende wird vielleicht die Art, wie Mann und Frau ihr Leben privat gestalten, die größere Veränderung bewirken als diejenigen, die eine Petition starten oder eine Sammlungsbewegung.

Sie selbst leben seit zehn Jahren in einem ostdeutschen Dorf. Ist das Leben seit der Flüchtlingskrise ein anderes geworden?

Bei mir nicht, weil die Leute in meinem Beisein ein bestimmtes Sprachverhalten unterlassen und Rücksicht nehmen. Ich weiß aber von Freunden aus anderen Dörfern, dass sich die Offenherzigkeit beim Äußern von Fremdenfeindlichkeit um den Faktor 10 000 multipliziert hat. Egal, in welcher Situation, es reicht, dass man im Café sitzt und eine Frau mit Kopftuch läuft vorbei. Das ist schwer, denn man wäre von seinem Moralempfinden verpflichtet, einen krassen Streit vom Zaun zu brechen. Aber das geht im Dorfalltag ja nicht immer, man muss zusammenleben.

Viele sagen, die Gräben verlaufen nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen Stadt und Land. Sehen Sie das auch so?

Hier draußen sagen Eltern noch zu ihren Kindern: "Hör auf zu heulen, sonst fängst du dir eine." Da gibt es noch ein paar Jahrzehnte Rückstand in der Entwicklung bestimmter Werte. Auf der anderen Seite hat das enorme Vorteile. Auf dem Dorf weiß man noch, was Hilfsbereitschaft und Loyalität bedeuten. Die Bindungen zwischen den Menschen sind stark, dafür interessiert man sich nicht so sehr für den Staat und seine Politik. Es werden wenig Nachrichten konsumiert, viele benutzen das Internet nicht.

Hat sich diese Kluft verschärft?

Als ich herzog, gab es noch nicht mal Internet. Da ist was passiert. Aber gleichzeitig wird sehenden Auges zugelassen, wie Infrastruktur sich in Nichts auflöst. Kein Wunder, dass sich die Leute von der Politik abwenden, wenn die letzte Regionalbahn gestrichen wird, der letzte Arzt die Praxis verlässt und die letzte Apotheke schließt. Das wird wie die Neudefinition von Arbeit eines der großen Themen der nächsten Jahrzehnte werden. Es kann doch nicht sein, dass in einem der reichsten Länder der Erde auf dem Land keine Schulbusse fahren.

Sie wurden als streitbare Intellektuelle bekannt, waren viel in Talkshows. Zuletzt wurde es aber ruhiger um Sie, woran liegt das?

Für meine Gebiete Bürgerrechte und Digitalisierung gibt es derzeit keine Bühne, das interessiert niemanden. Ich kann nur hoffen, dass den Leuten das Thema Flüchtlinge irgendwann zum Hals raushängt.

Sie selbst werden bald eine andere Bühne haben - Sie wurden als Richterin für das Landesverfassungsgericht von Brandenburg nominiert.

Darauf freue ich mich sehr. Nicht nur, weil ich Volljuristin bin und es mein Traum war, als Richterin zu arbeiten, bis mir die Schriftstellerei dazwischenkam. Sondern auch, weil die kleinen Verfassungsgerichte zu Schlüsselinstitutionen werden. Wenn sie etwa über Klagen rechter Parteien entscheiden müssen, die darauf abzielen, die Arbeit in den Parlamenten aufzuhalten. Das ist eine schöne Möglichkeit, dem Land zu dienen, ohne parteipolitisch aktiv sein zu müssen.

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