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Jugendroman:Gestrandet in Georgia

Die wundersame Rettung des Mädchens Louisiana, das in dem Folgeband zu "Little Miss Florida" von seiner Großmutter auf eine geheimnisvolle Flucht durch die USA mitgenommen wird und plötzlich alleine ist.

Von Siggi Seuss

Erstaunlich, wie es Kate DiCamillo immer wieder gelingt, ihr Lebensthema in märchenhaft-sentimentale Geschichten zu verpacken, die sich am Ende von der Düsternis zum Hoffnungsvollen wenden. Die amerikanische Autorin ("Winn Dixie", "Despereaux", "Edward Tulane") verwandelt Erfahrungen von Schmerz, Einsamkeit, Trennung und Verlust zu kleinen literarischen Überraschungen, in denen ihre leidenden Heldinnen oder Helden nach langer Reise durch bedrohliche Gefilde Menschen finden, die sie trotz der Zerrissenheit der Suchenden als liebenswerte Geschöpfe annehmen.

So war es auch in DiCamillos Roman "Little Miss Florida" von 2016. Er erzählte von der Freundschaft dreier Mädchen. Die Bedauernswerteste unter ihnen, die zehnjährige Louisiana Elefante, gewann am Ende einen Talentwettbewerb und sicherte sich und ihrer Granny mit dem Gewinn für einige Zeit den Lebensunterhalt. Nun, in der Folgegeschichte "Louisianas Weg nach Hause" ist das Mädchen zwölf Jahre alt und mit ihrer Großmutter in einer Klapperkiste von Florida aus auf der Flucht vor nicht näher beschriebenen dunklen Elementen. Man schreibt das Jahr 1977. Es scheint ein Fluch auf Louisiana und ihrer Großmutter zu lasten. Die Eltern - Hochseilartisten ertranken beim Untergang eines Ozeandampfers. Grannys Vater - ein begnadeter Zauberkünstler - verschwand auf Nimmerwiedersehen, unmittelbar nachdem er seine Frau auf offener Bühne zersägt, aber nicht mehr zusammengesetzt hatte. Und nun will Granny offenbar eine Mission erfüllen, die sie zum Ursprung des Fluches, in ein Kaff in Nebraska führt.

Die beiden stranden mit leerem Tank bereits in einer Kleinstadt in Georgia. Ende des Road Movies. Granny ist nach einer radikalen Zahnoperation außer Gefecht gesetzt. Das Mädchen begegnet derweil seltsamen Menschen in wundersamen Milieus, die man bereits so oder ähnlich aus anderen DiCamillos Bücher kennt. Ein Junge mit einer zahmen Krähe auf dem Dach eines Motels. Vom Leben gezeichnete, missgelaunte, aber auch gütige Menschen, die alle mehr oder minder erfolgreich versuchen, ihren Alltag zu bewältigen. So wächst in der Ich-Erzählerin Louisiana zwar langsam die Angst, sie sei allein auf der Welt, gleichzeitig reift aber auch die Erkenntnis, dass nur sie selbst sich helfen könne.

Das sind nun nicht unbedingt spektakuläre Einsichten. Wie allerdings Kate DiCamillo - wiederum von Sabine Ludwig flüssig ins Deutsche übertragen - die Ereignisse zu einer fantastisch-realistischen Erzählung zusammenfügt, mit viel Atmosphäre, mit Witz, überraschenden Wendungen und hohem Symbolgehalt, das zeichnet die Geschichte aus, in der Louisiana schließlich nach Hause findet, auch wenn dieses Zuhause ganz anders aussieht, als sie es sich erträumt hatte. (ab 10 Jahre)

Kate DiCamillo: Louisianas Weg nach Hause. Aus dem Englischen von Sabine Ludwig. dtv, München 2020. 208 Seiten, 12,95 Euro.

© SZ vom 20.11.2020
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