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Jugendroman:Gehirnwäsche

Die französische Autorin, sie arbeitet in der Prävention gegen den IS, erzählt, wie die Freundschaft zweier siebzehnjähriger Frauen fast daran zerbricht, als eine von ihnen in die Fänge des IS gerät und in den Krieg in Syrien ziehen will.

Von Roswitha Budeus-Budde

Wie kann es geschehen, dass Mädchen in Europa vom IS rekrutiert werden, um nach Syrien in den Kampf zu ziehen? Die französische Autorin Dounia Bouzar arbeitet als Religionsanthropologin in der Prävention gegen die infamen Strategien des IS und therapiert auch jugendliche Rückkehrer aus dem Krieg. Ihre Erfahrungen über Jahre finden sich in ihrem Jugendbuch "Djihad, mon ami", der Freundschaftsgeschichte zweier siebzehnjähriger Mädchen aus Paris.

Sarah, eine aufgeklärte und, wie sie immer betont, französische Muslimin, und Camille, Tochter aus christlich bürgerlichem Hause, sensibel und eher eine Außenseiterin, sind ABFFL (Allerbeste Freundinen fürs Leben). Das ändert sich, als sie für die Schule ein Referat über die Lebensmittelindustrie verfassen sollen. Zwar sind beide entsetzt über die Umweltzerstörung - die schon der Anbau der Rohstoffe für Nutella verursacht, -, doch Camille reagiert verstört. Ihr Misstrauen gegenüber der Welt der Erwachsenen verstärkt sich. Sie recherchiert nächtelang im Internet, findet überall Seiten, die sie bestätigen. Sie steigert sich in den Wahn, von einem politischen Lügennetz umgeben zu sein, als sie die "versteckten Wahrheiten" über die "Illuminaten" findet oder Hinweise, "dass die Attentate auf Charlie Hebdo und den Supermarkt Hyper Cacher vom Innenministerium geplant seien, "damit die Franzosen den Islam ablehnen".

Dounia Bouzar zeigt, wie geschickt das Internet für die Propaganda des IS genutzt wird. Camille bekommt den Freundschaftsantrag eines "Rekrutierers", der mit schockierenden Videos ihre Ängste verstärkt, dem sie bald als Einzigem vertraut, und darum seiner Parole glaubt, dass nur der Kampf für den wahren Islam die Welt retten kann. Denn die infame Strategie der Gehirnwäsche kann nur funktionieren, wenn es gelingt, dass Opfer zu isolieren. Wenn die Eltern, wie hier der Vater, schockiert über das Verhalten seiner Tochter, wütend und mit Ablehnung auf ihre Verschleierung reagieren. Und auch Sarah sie nicht mehr erreichen kann, die erst sehr spät merkt, was mit Camille geschieht. Die hat sich inzwischen einer Gruppe von Kämpfern angeschlossen, um heimlich über die syrische Grenze in den Krieg zu ziehen.

In "Djihad, mon ami" bewährt sich, trotz aller Dramatik, am Schluss die Freundschaft der beiden Mädchen. Denn die Autorin verwendet die bewährte klassische Form der Exempelgeschichte, um sich mit einer deutlichen, sehr emotionalen Botschaft an ihre Leserinnen zu wenden. Sie appelliert an sie, niemals Freunde aufzugeben, denn "Liebe und Freundschaft sind stärker als der Tod". (ab 13 Jahre)

Dounia Bouzar: Djihad, mon ami. Aus dem Französischen von Sarah Pasquay. Knesebeck Verlag, München 2017. 156 Seiten, 14,95 Euro.

© SZ vom 26.06.2017
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