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Jugendroman:Abelard mit Asperger

Laura Creedle: Die Liebesbriefe von Abelard und Lily

(Foto: dtv)

Die Liebesgeschichte unter besonderen Vorzeichen greift auf eine klassische historische Beziehung zurück.

Von Antje Weber

Vielleicht sollte man erst einmal die Liebesgeschichte von Abaelard und Heloise erzählen. Heloise d' Argenteuil lebte im zwölften Jahrhundert in Frankreich. Sie war, wie man bei Laura Creedle erfährt, "megaschlau und total gelangweilt von den Tätigkeiten, die damals so für Frauen üblich waren", also Nähen und Sticken. Ihr Onkel hatte Mitleid und besorgte Heloise einen Philosophielehrer. Dieser mindestens ebenso schlaue Peter Abaelard war auch noch "einer der heißesten Männer des Kontinents", es folgte, was folgen muss, bis die Affäre in Depression, Kloster und jahrelangem Briefverkehr endete.

Kann sein, dass in diesem ersten Absatz ein paar Leserinnen und Leser ausgestiegen sind, das ist eigentlich Schade. Doch für die wäre das Jugendbuch, das hier nun eingehender vorgestellt werden soll, sowieso nichts. Denn der Debütroman "Die Liebesbriefe von Abelard und Lily" der texanischen Autorin Laura Creedle ist tatsächlich stark von den Briefen der mittelalterlichen Vorlage inspiriert und auch sonst eine Lektüre für anspruchsvolle Leser. In diesem Fall sind es nur Lily und Abelard von der Highschool, die sich auf dem Smartphone Nachrichten schreiben - und dabei immer wieder sehr gewählte Zitate der historischen Vorbilder einbauen. Lily und Abelard sind allerdings auch keine gewöhnlichen Jugendlichen. Lily leidet an ADHS, Abelard am Asperger Syndrom. Megaschlau sind sie beide auch. Kurzum: Dies ist eine Liebe, die ebenfalls unter ziemlich heiklen Vorzeichen steht.

Wer jetzt die Befürchtung hegt, dieses Buch sei nur etwas für hochintelligente Nerds, der irrt allerdings. Creedle hat eine jugendgerechte, süffige Sprache mit vielen Dialogen gewählt, um diese "tragischste Liebesgeschichte ever" voranzutreiben. Und sie schreibt aus der Ich-Perspektive von Lily, was die Identifikation erhöht. Wie ihre Protagonistin leidet auch die Autorin an ADHS und Legasthenie, und man merkt dem Buch positiv an, wie gut sie sich im Thema auskennt. Denn es ist ja nicht so einfach, die Innenwelten einer Sechzehnjährigen zu beschreiben, die nicht lange still sitzen kann, schlecht zuhört und selbst zu viel redet, dauernd Dinge kaputt macht - und die das alles noch verstärkt tut, wenn sie ihre Medikamente nicht nimmt.

Lily selbst formuliert es so: "Manchmal glaube ich, ich leide nicht an einem Aufmerksamkeitsdefizit, sondern an einem Aufmerksamkeitsüberschuss. Zu viel von allem." Zu viel ist für sie auch, dass sie zuhause ein Zimmer mit der sehr viel perfekter funktionierenden Schwester teilen muss. Zu viel ist, dass sie seit der Trennung der Eltern ihren Dad schmerzlich vermisst und ihn nur wiedersehen darf, wenn sie in der Schule nicht weiterhin im entscheidenden Moment versagt. Zu viel ist, dass die ADHS-Medikamente Übelkeit auslösen und die eigentlich kreativ übersprudelnde Jugendliche so herunterdimmen, dass sie sich gar nicht mehr wie sie selbst fühlt: "Es nahm meinem Leben den Schmelz."

Nur weil sie das Medikament eigenmächtig abgesetzt und ihre Impulse nicht mehr so richtig unter Kontrolle hat, kommt es in der Schule zu einem folgenschweren Ereignis: Lily küsst Abelard. Was durch eine Fehlleistung des Gehirns ausgelöst wurde, hat weitreichende Folgen. Die Liebe der beiden Außenseiter folgt besonderen Gesetzen; Creedle schildert sie in all ihren Höhen und Tiefen, eingebettet in den komplizierten Schul- und Familienalltag der beiden. Sie beschreibt die Innen- und Außenwelten so plastisch, dass die Leser sich in die Jugendlichen und ihre speziellen Nöte gut einfühlen können. Und wie deren Liebe nun endet? Vorerst weder in einer Depression noch im Kloster. Und auch mit dem Mailverkehr ist noch längst nicht Schluss. (ab 14)

Laura Creedle: Die Liebesbriefe von Abelard und Lily. Aus dem Amerikanischen von Barbara Lehnerer. dtv junior, München 2021. 352 S., 16,95 Euro.

© SZ vom 09.04.2021
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