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Jugendliteraturpreis 2016:Herzblut und schwarze Flügel

Deutscher Jugendliteraturpreis 2016

Ausgezeichneter Chronist: Klaus Kordon, der viel mit geschichtlichen Stoffen arbeitete, wurde für sein Lebenswerk geehrt.

(Foto: Arne Dedert/dpa)

Es war wie immer eine der größten Veranstaltungen der Buchmesse: In Frankfurt wurde der Jugendliteraturpreis 2016 vergeben. Er wird angesichts der Flüchtlingskrise von Jahr zu Jahr immer politischer.

Von Roswitha Budeus-Budde

Würde der Jugendliteraturpreis 2016 ein kritisches Echo finden, wie es in den vergangenen sechzig Jahren seines Bestehens oft geschehen war? Den Festabend, wieder mit 1 000 Besuchern die größte Veranstaltung der Frankfurter Buchmesse, moderierte Vivian Perkovic. Sie erinnerte an berühmte frühere Preisbücher und schien selbst, mit schwingendem Rock und Pferdeschwanz, direkt aus den Sechzigerjahren zu kommen. Joke van Leeuwen als Vertreterin der Gastländer Niederlande und Flandern unterhielt unter dem Motto "Ick been een Nederbelg - Ich bin eine Niederflämin" die begeisterten Besucher durch ein Spiel mit der Sprache, schließlich war sie vor ihrer Zeit als Jugendbuchautorin eine bekannte Kabarettistin.

Und die Preise selbst? Sie mischten ästhetische mit politisch brisanten Auszeichnungen. So zeigte Anton von Hertbruggens Bilderbuch "Der Hund, den Nino nicht hatte" (Bohem Press) mit einem Text von Edward van de Vendel, den Rolf Erdorf übersetzt hat, eine magisch versponnene Welt. Sie dient einem Jungen als Zuflucht, in der er mit seinem Fantasiehund Abenteuer erlebt. Und die junge Illustratorin Kristina Gehrmann, die für "Im Eisland" (Hinstorff Verlag) den Sachbuchpreis erhielt, nutzt die Grafic Novel, um im Manga-Stil die Geschichte der Expedition John Franklins zu erzählen. Auch in der Sparte Jugendbuch wurde mit dem Abenteuerroman "Die Mädchenmeute" (Rowohlt Rotfuchs) der Berliner Autorin Kirsten Fuchs, in dem es eine Gruppe junger Frauen ins Erzgebirge verschlägt, ein ästhetisch anspruchsvolles Werk ausgezeichnet, dem die Jury "große erzählerische Kraft" bescheinigte.

Die Jugendliteratur wird zunehmend politisch, und sie entdeckt neue Formen

Die Jugendliteratur wird zunehmend politisch. Und auch die Preisbücher versuchen, für eine Welt zu sensibilisieren, die sich in der Sprache der offiziellen Politik oft nicht finden lässt. So erzählt Hayfa Al Mansour in "Das Mädchen Wadjda" (cbt Verlag) in der Übersetzung von Catrin Frischer aus ihrer eigenen Kindheit in Saudi-Arabien. Dieser seltene Einblick in die muslimische Welt ist zugleich eine realistische und hoffnungsvolle Geschichte über die Möglichkeit der Veränderung durch Mädchen- und Frauenpower.

Der Titel, den die Jugendlichen selbst in ihrer Jury als Preisbuch auswählten, "Sommer unter schwarzen Flügeln" von Peer Martin (Oetinger Verlag), setzt sich direkt mit der politischen Situation der Flüchtlinge in Deutschland auseinander. "Romeo und Julia" in Mecklenburg Vorpommern, sie ein syrisches Flüchtlingsmädchen, er Mitglied einer Gang, die einen Anschlag auf ein Flüchtlingsheim plant. Das sei, urteilte die Jury, voll harter Fakten und zugleich mit viel Herzblut geschrieben.

Zum Schluss wurde Klaus Kordon für sein Lebenswerk ausgezeichnet und stürmisch gefeiert. Die Sorge um die Zukunft hat ihn zu einem unermüdlichen Chronisten der deutschen Geschichte gemacht: "Wenn wir nicht wissen, woher wir kommen, woher sollen wir wissen, wohin wir gehen"?

© SZ vom 24.10.2016
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