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Jugendliteratur:Flucht im Feuer

Als die Enkelin von ihrem Großvater erfährt, unter welcher Schuld er seit dem Abwurf der Atombombe leidet, versucht sie ihm zu helfen.

Von Franziska Augstein

Was passiert nach einem atomaren Feuersturm? Ein junger Japaner namens Ichiro - er erzählt diese Geschichte - , sein Freund und dessen kleine Schwester Keiko erleben am 6. August 1945, wie in Hiroshima die Atombombe explodiert. Die beiden jugendlichen Männer erleiden schwere Brandverletzungen. In Sichtweite brennt alles lichterloh. Das Feuer frisst sich fort und kommt näher. Sie müssen rennen. Der Ich-Erzähler bemerkt: "Worte genügen nicht, um auszudrücken, was wir gerade erleben." Der Asphalt kocht unter ihren Füßen. Mit Müh und Not erreichen sie den Fluss. Dessen Wasser steigt, bald wird man nicht mehr stehen können. Zu Tode geschwächt, gibt der Freund seine kleine Schwester Keiko in Ichiros Hände. Dann übergibt er sein Leben dem Wasser.

Weil bis dahin kein dramaturgischer Knoten geknüpft wurde, hätte es an sich nicht allzu viele Seiten gebraucht, um so weit zu kommen. Was in der Wirklichkeit ein Leben prägen kann, ist in der Erzählung sehr oft schwierig zu vermitteln. Die Flucht vor dem Feuer, so einfühlsam und zart sie geschildert ist, ähnelt bis zur 81. Seite ein wenig den minutenlangen Verfolgsjagden in Action-Filmen. In "Der letzte Papierkranich" geht es so weiter: Ichiro hält die kleine Keiko in den Armen und will sie retten: "Es ist ein Grund für mich, zu kämpfen." Dann kämpft er sich, mit ihr als Bürde, weiter voran Richtung Krankenhaus. Schließlich aber verlassen ihn die Kräfte. Er setzt das Kind ab und verspricht ihm: Er werde Hilfe holen. Das misslingt.

Es folgen Monate der Pflege in einem Spezialhospital unter den Händen einer hübschen, lieben amerikanischen Krankenschwester. Es folgt ein Leben (er hat die Krankenschwester geheiratet). Und während all der Zeit hat er jeden Tag immer einen Gedanken: Er ist schuldig. Er hat seinen Freund nicht gerettet, der gestorben ist dafür, dass er dessen kleine Schwester rette. Und die hat er auch nicht gerettet. Immer wieder erzählt die Autorin von seinen Schuldgefühlen: "Meine Schuld lastet zu schwer auf mir, als dass ich glücklich sein könnte." Das Gefühl von Schuld - unabhängig davon, was genau das Individuum getan oder eben nicht getan hat - ist und war in Japan sehr viel ausgeprägter als in Europa. Wenn in einem japanischen Unternehmen etwas grundlegend falsch gemacht worden war, nahm in jedem Fall der Chef die Schuld auf sich (so war es jedenfalls noch in den 1990er Jahren). Deutschen Lesern indes mag es recht unverständlich sein, warum jemand sich schuldig fühlen sollte, nachdem seine Physis beim besten Willen nicht mehr mitmachte. Zudem versäumt Kerry Drewery zu schildern, wie der tagein tagaus vom Gefühl der Schuld besessene Ichiro überhaupt einen ordentlichen, liebevollen Ehemann abgeben kann, solange er Keiko nicht wieder gefunden hat.

Die britische Autorin ist so vernarrt in alles Japanische, dass sie manche Passagen in ihrem Buch in der Form von Haiku-Gedichten hat setzen lassen - bloß dass echte Haikus keine für einen Roman nötige Information übermitteln. Alles geht gut aus. Auch Weisheiten werden auf Sonderseiten vermittelt, diese zum Beispiel: "Wag es, zu wünschen, zu versprechen, zu träumen, zu hoffen, immer." Gefaltete Papierkraniche spielen eine symbolische Rolle. Welche: das mögen die Leser selbst herausfinden. Was die Schuldfrage angeht, ergibt sich allerdings ein großes Loch, zu groß für jeden netten Papierkranich, kratergroß: Wenn jemand über den Abwurf der Atombombe über Hiroshima schreibt und Wesentliches über Schuld sagen will, dann sollte diese Autorin bitteschön auch die Frage aufwerfen, inwieweit die Vereinigten Staaten Schuld auf sich luden, als sie Hiroshima auslöschten. (ab 14 Jahre)

Kerry Drewery: Der letzte Papierkranich - Eine Geschichte aus Hiroshima. Mit Illustrationen von Natsko Seki. Aus dem Englischen von Meritxell Janina Piel. Artrium Verlag (Arctis), Hamburg 2020. 304 Seiten, 19 Euro.

© SZ vom 28.12.2020
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