Jugendkultur Schüler aller Klassen: Vereinigt euch!

Ein Manifest der Parkland-Schüler aus Amerika und eine Ausstellung über Schul-Rebellen in Frankfurt zeigen: Es gibt kein Mindestalter für Proteste.

Von Andrian Kreye

Liest man die Erinnerungen von David Hogg und seiner Schwester Lauren an den Valentinstag dieses Jahres, als der 19-jährige Nikolas Cruz bei einem Amoklauf an der Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida, siebzehn Menschen tötete, dann erscheinen einem die Probleme an den deutschen Schulen Ende der Sechzigerjahre vergleichsweise gering. Das Buch, das nun unter dem Titel "#Never Again: Das Manifest einer Rebellion" auf Deutsch erscheint, wirkt wie ein Kriegsbericht aus einem Land, in dem bereits Grundschüler lernen, wie sie sich beim Amoklauf eines "active shooter" verhalten sollen.

Wenn David und Lauren Hogg im letzten Teil vom Beginn der Schülerbewegung "Never Again" für die Reform der Waffengesetze erzählen, drängt sich trotzdem der Vergleich mit der Ausstellung "Klassenkämpfe: Schülerproteste 1968 - 1972" auf, die im Museum für Kommunikation in Frankfurt zu sehen ist. Nicht zuletzt, weil sie Hoffnung macht, dass Amerikas Schüler vielleicht doch etwas bewegen könnten.

Waffengesetze in den USA Parkland-Schüler stellen sich tot
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US-Waffengesetze

Parkland-Schüler stellen sich tot

Mit einem sogenannten "Die-In" protestieren Überlebende des Schulmassakers von Parkland in einem Supermarkt. Das Unternehmen hatte an einen Politiker gespendet, der von der NRA unterstützt wird.

Wenn man zu jung ist, um 1968 schon auf die Barrikaden gegangen zu sein, aber alt genug, um sich an die ersten Schuljahre zu jener Zeit zu erinnern, kommen einem Bilder von damals in den Kopf. Beispielsweise an die Oberschüler in Parkas und Jeans, die vor der Gebeleschule in München standen und den Grundschülern Flugblätter in die Hand drückten, auf denen in großen Lettern "Schulkampf" stand. Von den Studentenprotesten hatte man gehört. Weil sie im Fernsehen zu sehen waren oder sogar auf Münchner Straßen. Der Schulkampf kam darin kaum vor. Dabei ging es um all das, was einem schon als Erstklässler das Leben schwer machte. Die Prügelstrafe zum Beispiel war noch allgegenwärtig. Die Zeiten des Rohrstocks und der Ledergürtel waren schon vorbei. Aber die spontane Ohrfeige, die Kopfnuss, der fliegende Schlüsselbund gehörten auch in einer ersten Klasse in besseren Gegenden zum Alltag. Da mochte der Hausmeister die Oberschüler als "Gammler" vertreiben, die Lehrerin vor den "Haschern" warnen. Konnte es nicht sein, dass die Gammler und Hascher doch recht hatten?

Rainer aus Nürnberg hatte lange Haare und fuhr per Anhalter. Das reichte für die private Revolte

Die Abschaffung der Prügelstrafe war nur eine von vielen gesellschaftlichen Umwälzungen, die eben nicht nur auf den spektakulären Barrikaden und Märschen erkämpft und in den mythisch coolen Kommunen verhandelt wurden. Der Kampf in den Klassenzimmern war mindestens so relevant.

Dass er in den Geschichtsbüchern kaum auftaucht, mag viele Gründe haben. Der notorische Anspruch auf Deutungshoheiten jener, die sich bis heute als 68er feiern, ist sicherlich einer. Ein anderer Grund mag darin liegen, dass Schulkindern kein politischer Wille und Kampfgeist zugetraut wird. Dabei zeigt die Frankfurter Ausstellung, dass die "Revolution in der Schulbank" so einige bewegte. Die Prügelstrafe war da nur eines von vielen Reizthemen, für die Minderjährige damals mindestens so leidenschaftlich kämpften wie ihre studentischen Zeitgenossen.

Die Schüler waren sich dessen damals sehr bewusst. Auf den Stufen zur Ausstellung stehen die Slogans aus Kritzeleien und Wandsprüchen von damals, die die Kampfrufe und Popkultur der Älteren ironisch aufnahmen. "Schüler aller Klassen: vereinigt euch" zum Beispiel, "Freiheit für alle Klassen", "Schüler, wollt ihr ewig streben" neben sehr ernst gemeinter Kritik am Schulsystem: "Nicht Diktat - Diskussion".

Wie schwer es alleine der Pop hatte, mit dem die Jugend sich erstmals eine eigene Kultur geschaffen hatte, erzählen dann die Artefakte aus dem Teenagerleben eines Schülers namens Rainer vom Hans-Sachs-Gymnasium in Nürnberg. Der analysiert in seinem Tagebuch Bob-Dylan-Texte, spielt in einer Band, trägt eine Mütze wie der Folksänger Donovan und fährt per Anhalter durchs Land. Was heute als Selbstverständlichkeit und Stil durchgeht, war damals ein privater Kampf gegen Familie, Schule, auch Mitschüler.

Neben den Schaukästen zu Rainer hängt der Aufsatz einer Fünftklässlerin mit dem Titel "Der kulturelle Einfluss des Siegers auf den Besiegten - auch in unserer Zeit", in dem sie die angelsächsischen Moden beklagt. Die 14-Jährige holt weit aus, beginnt mit dem Dreißigjährigen Krieg und beklagt, dass der Einfluss der Franzosen bis heute nachwirke, sodass "wir uns noch heute mit einem umfangreichen Fremdwörterelend plagen müssen".

Wie damals in der Bundesrepublik diffamieren die Konservativen heute die amerikanischen Schüler

Der private Widerstand ist jedoch nur der Auftakt der Ausstellung, die zeigt, wie wichtig es war, dass sich die Schüler gegen den Willen der Lehrer und meist auch der Eltern organisierten. Das Frankfurter Aktionszentrum Unabhängiger und Sozialistischer Schüler (AUSS) wurde zum Dachverband von bundesweit mehr als 100 Schülergruppen. Und sie fanden ihre eigenen Methoden des zivilen Widerstands.

Ganz so drastisch, wie es die Rote Schülerpresse mit ihrer Schlagzeile "Sprengt alle Schulen in die Luft" forderte, wurde es nicht. Doch überall im Land führten Schüler Buch über die Übergriffe ihrer Lehrer, sie beschrieben Schulbänke, Hefte und Löschblätter mit politischen Parolen, Jungen ließen sich die Haare wachsen, Mädchen trugen Miniröcke. Sie störten und verweigerten den Unterricht, organisierten lehrerlosen Selbstunterricht, sie marschierten an der Seite der Älteren gegen Notstandsgesetze und Atomwaffen. Und sie verbrannten auch ein Klassenbuch, jenes verhasste Symbol der Autorität. Einiges hatte Erfolg. 1972 wurde in fast ganz Deutschland die Prügelstrafe abgeschafft. Bayern folgte 1983.

Die Errungenschaften von damals mögen heute Selbstverständlichkeiten sein. Der Kampfgeist der Jüngeren ist nach wie vor nicht zu unterschätzen. Als ein Münchner Schuldirektor unlängst die Türen seines Gymnasiums verriegelte, damit die Schüler nicht zu den Protesten gegen das bayerische Polizeigesetz gingen, entwischten sie durch die Fenster.

In den USA ist der Schülerprotest noch viel akuter. Der "Never Again"-Bewegung richtet sich gegen die Waffengesetze, nachdem es allein in diesem Jahr schon 23 Schießereien an US-Schulen gab. Ähnlich wie die Schülerrebellen im Deutschland der Sechzigerjahre wird die amerikanische Schülerbewegung vom konservativen Teil der Bevölkerung diffamiert und diskreditiert. Damals wie heute geben die Schüler nicht klein bei.

Klassenkämpfe: Schülerproteste 1968 - 1972. Museum für Kommunikation, Frankfurt. Bis 22. Juli. Info: www.mfk-frankfurt.de. David und Lauren Hogg: #Never Again: Das Manifest einer Rebellion. Aus dem Englischen von Leena Flegler und Henriette Zeltner. btb-Verlag, München 2018. 160 Seiten, 8 Euro.

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