Jugendbuch:Tanz der Worte

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Jugendbuch: Chantal-Fleur Sandjon, Autorin des Jugendbuchs "Die Sonne, so strahlend und Schwarz".

Chantal-Fleur Sandjon, Autorin des Jugendbuchs "Die Sonne, so strahlend und Schwarz".

(Foto: Philip Kojo Mertz)

Chantal-Fleur Sandjons "Die Sonne, so strahlend und Schwarz" ist ein Versroman für Jugendliche. Seine harten Themen vermittelt er elegant und, ja, leichtfüßig.

Von Heike Nieder

Poesie ist Spiel. Poesie ist Tanz. Und Tanz bedeutet Leichtigkeit. "Die Sonne, so strahlend und Schwarz" ist in Versen geschrieben von der Berlinerin Chantal-Fleur Sandjon. Ein Buch, das durch die Schönheit und Leichtigkeit seiner Form den an manchen Stellen schweren Inhalt fast vergessen oder: gut ertragen lässt. Denn in diesem Coming-of-Age-Roman geht es um Rassismus, um häusliche Gewalt und ein lesbisches Coming-out. Alles auf einmal. Und es ist doch nicht zu viel.

Schmerz bin ich gewohnt / nicht nur von den Hallenbahnen / denn ich komme aus einem Krieg / von dem keiner berichtet.

Nova Nyanyoh ist 17 Jahre alt und gerade mit ihrer Mutter Rebekka und ihrem kleinen Halbbruder Cosmos aus einem Berliner Frauenhaus aus- und in eine neue Wohnung eingezogen. Nova freut sich auf einen Neuanfang - ohne die Schläge von Cosmos' Vater, die zuletzt ihren Arm zertrümmert und aus Rebekka eine Trinkerin gemacht haben. Mit in ihr neues Leben nimmt sie einen wichtigen Teil ihres alten: ihre Rollschuhe, denn Nova ist Rollkunstläuferin. In der Halle hat sie gelernt, was dem Roman als Motto vorangestellt ist:

Wichtig ist nicht / ob du fällst / denn das wirst du / wieder und immer wieder.

Wichtig ist nur / was nach dem Fall / geschieht.

Nova, die sich leichtfüßig und tanzend auf Rollschuhen bewegen kann, so wie sich der Roman dank seiner Verse leichtfüßig und tanzend durch die Schwere seiner Themen bewegt, hat das mehrmals erlebt. Hinzufallen. Geschubst zu werden. Nicht nur von ihrem Stiefvater. Auch von ihren Mitschülern. Denn Nova ist schwarz und damit anders als die anderen. Damit sich keine mit Spucke geformten Papierkügelchen mehr in ihren krausen Haaren verfangen, hat sie irgendwann angefangen, diese zu glätten.

Kein Problembuch, sondern ein Roman über die Kraft der Liebe und Resilienz

Beim Aufstehen und Weitertanzen, nicht auf der Hallenbahn, sondern im Leben, begleiten wir Nova in diesem 384 Seiten starken Roman. Denn der Stiefvater kehrt zurück. Und Nova schafft es zu handeln: Sie rettet sich und ihren kleinen Bruder. Dass sie das kann, hat sie Akoua zu verdanken. Das Mädchen, mit dem sie ihre erste Liebe erlebt. Und das ihr hilft, sie selbst zu sein.

Das hier bin ich / eine von 300 Milliarden Sonnen. / Ich war es schon immer, doch / nichts wird mich mehr davon abhalten / gemeinsam mit meinen Sternen- / geschwistern endlich auch selbst / zu scheinen.

Deshalb ist "Die Sonne, so strahlend und Schwarz" eben kein Problembuch, sondern in erster Linie ein Roman, der von der Kraft der Liebe erzählt und von Resilienz. Das "Schwarz" im Titel ist übrigens bewusst großgeschrieben. Das sieht man aufgrund der regenbogenfarbenen Versalien zwar nicht auf der Titelseite, aber man sieht es hinten im Impressum. "Schwarz" ist hier keine Bezeichnung der Hautfarbe, sondern beschreibt "eine gemeinsame Erfahrung, die verbindet", wie die Autorin, die selbst einen schwarzen Vater hat, jüngst in einem Interview berichtete. "Aktivismus und Schreiben sind für mich schwer zu trennen. Meine Art des Aktivismus ist das Schreiben."

Jugendbuch: Chantal-Fleur Sandjon: Die Sonne, so strahlend und Schwarz. Thienemann-Esslinger Verlag, Stuttgart 2022. 384 Seiten, 17 Euro. Ab 14 Jahren.

Chantal-Fleur Sandjon: Die Sonne, so strahlend und Schwarz. Thienemann-Esslinger Verlag, Stuttgart 2022. 384 Seiten, 17 Euro. Ab 14 Jahren.

(Foto: Thienemann-Esslinger Verlag)

Diese besondere Art des Aktivismus hat nun also den ersten auf Deutsch geschriebenen jugendliterarischen Versroman mit einer schwarzen, queeren Hauptfigur hervorgebracht. Und ja, es sind auch die Themen, die dieses Buch so lesenswert machen. Der Blick auf die vielen Menschen, die in Deutschland aufgrund ihrer Hautfarbe Gewalt erlebt haben und die Sandjon namentlich erwähnt. Der Blick auf Frauen und Kinder, die zu Hause, dort, wo es eigentlich Schutz und Schonung geben sollte, nicht sicher sind. Der Blick auf queere Lebenswelten und deren Diskriminierung.

Man hätte das alles in Prosa packen können, und es wäre auch ein inhaltlich im wahrsten Sinne herausragendes Buch geworden. Aber erst die Lyrik kann durch die Form das transportieren, was diesen Roman ausmacht. Sie kann durch konkrete Poesie die Liebe zu Akoua auch visuell sichtbar machen, in dem ein Teil des Textes in Herzform abgedruckt ist. Sie kann das Chaos, das Nova empfindet, als sie ihren Stiefvater wiedersieht, das Auf-dem-Kopf-Stehen der Welt, auch optisch ausdrücken, indem die Schrift auf den folgenden vier Seiten umgekehrt dasteht.

Vor allem aber kann die Poesie allein durch ihre Form, den Rhythmus der Sprache, den Reim, der nicht am Ende jeder Zeile auftaucht, aber immer wieder, verdeutlichen, worum es hier ganz am Ende wirklich geht: Liebe. Lebensfreude. Aufstehen nach dem Fall und weitertanzen.

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