Jugendbuch:Mit T-Shirt im Pool

Lesezeit: 3 min

Jugendbuch: Als Kinder waren Felipe und Caio Pool-Freunde. Heute ist Felipe dick und traut sich nicht mehr in Badehose raus.

Als Kinder waren Felipe und Caio Pool-Freunde. Heute ist Felipe dick und traut sich nicht mehr in Badehose raus.

(Foto: One Verlag)

Vitor Martins' Lovestory "15 Tage sind für immer" über einen korpulenten Jungen ist so klassisch wie "Die Schöne und das Biest". Dass er schwul ist, behandelt sie elegant beiläufig.

Von Florian Welle

Kinder können Helden sehen, wo sie kein anderer bemerkt. Für João ist Felipe so ein Superheld. Er kommt dem Achtjährigen auf einer Toilette im Gemeindezentrum zu Hilfe, als der von älteren Jungs als "Pottwal" beschimpft wird. Das kommt Felipe nur allzu bekannt vor. Seine eigenen Spitznamen in der Schule sind "Abrissbirne", "Pudding", "Dickerchen". Mobbing pur.

Nun nimmt der 17-Jährige zum ersten Mal seinen ganzen Mut zusammen und wehrt sich, wenn auch noch im Namen eines anderen. Als Dank schenkt ihm João eine Zeichnung, die ihn in einem Batman-Kostüm zeigt. Damit fliegt er durch einen schäfchenblauen Himmel. So heldenhaft und stark wie sein Alter Ego in der Zeichnung hat er sich selbst noch nie gefühlt.

Auch die Leser von "15 Tage sind für immer" können sich ein Bild von Felipe machen. Gleich zu Beginn hat der brasilianische Autor Vitor Martins seinen Ich-Erzähler gezeichnet: Da sitzt er in einem Batman-T-Shirt, winkt und zählt auf, was er alles mag: Musicals, Comics und seine Mutter gehören dazu. Auf der gegenüberliegen Seite steht, für wen der Roman geschrieben wurde: "Für alle, die im Pool schon mal ihr T-Shirt angelassen haben." Schonungslos dann die ersten Worte des Buchs: "Ich bin fett."

"Es ist ganz schön schwer, daran zu glauben, dass jemand einen wirklich mag."

Damit ist das zentrale Thema von Vitor Martins' Debüt unmissverständlich benannt: Body Shaming. Mit großem Einfühlungsvermögen erzählt er von den Selbstwertproblemen seines Helden. Sehr beiläufig und unaufgeregt lässt er diesen zur Therapie gehen, wo er lernen soll, zu sich zu stehen. Das ist schwierig. Felipe ist sehr bewusst, wie abfällig ihn viele seiner Mitmenschen ansehen. Am liebsten wäre er unsichtbar. Schon anderen beim Sprechen ins Gesicht zu blicken, fällt ihm schwer.

Der Roman verfolgt, wie Felipe Schritt für Schritt seine Schüchternheit und Scham überwindet. Der Stein kommt ins Rollen, als sein gleichaltriger Nachbar Caio in den Ferien für 15 Tage bei ihm und seiner alleinerziehenden Mutter wohnt. Caio und er waren als Kinder Pool-Freunde. Bis Felipe im Alter von dreizehn Jahren sich auf einmal nicht mehr traute, schwimmen zu gehen. Was die Sache zusätzlich verkompliziert: Seit er denken kann, ist Felipe in den gut aussehenden Caio verliebt.

Es zählt zu den großen Stärken des Buchs, dass Schwulsein gar nicht groß zum Thema gemacht wird. Sondern schlicht eine Selbstverständlichkeit ist. Auch Caio fühlt sich schon immer zu Jungs hingezogen. Im Folgenden geht es vor allem darum, ob und wie Felipe ihn für sich gewinnen kann, denn: "Es ist ganz schön schwer, daran zu glauben, dass jemand einen wirklich mag, wenn man sein ganzes Leben lang gehört hat, dass man nur ein widerlicher fetter Typ ist." Lange Zeit kann Felipe deshalb auch nur im Dunkeln mit seinem Schwarm reden. Untertags hingegen herrscht zwischen den beiden lange Zeit peinliche Stille.

Vitor Martins hat eine ganz klassische Lovestory im Stil von "Die Schöne und das Biest" geschrieben, Happy End inklusive. Nur eben angesiedelt in einer brasilianischen Kleinstadt. Auf die Geschichte wird auch direkt angespielt. Überhaupt wimmelt es von Verweisen auf Filme, Musicals und Bücher. Besondere Bedeutung hat vor allem Lyman Frank Baums Klassiker "Der Zauberer von Oz". Felipes Großmutter hat ihrem Enkel das Buch in die Hand gedrückt, weil darin der feige Löwe lernt, mutig zu sein.

"15 Tage sind für immer" ist eine behutsam erzählte Geschichte, in deren Verlauf auch der scheinbar so perfekte, unwiderstehliche Caio Schwächen offenbart. Und der zurückhaltende Felipe viele Stärken besitzt. Zuallererst die, dass er ein mit wunderbarer Selbstironie begabter Erzähler ist, der sich trotz aller Unsicherheiten auch mal selbst auf die Schippe nehmen kann.

Vitor Martins: 15 Tage sind für immer. Aus dem amerikanischen Englisch von Svantje Volkens. One, Köln 2022. 288 Seiten, 12,99 Euro. Für junge Erwachsene.

Zur SZ-Startseite

Bücher des Monats August
:Vergangenheit, die uns verfolgt

Macht, Geld, Mütter: Die Bücher, die wir Ihnen in diesem Monat empfehlen, handeln von denkbar größten Themen. Einen Roman hat uns allerdings ein schreckliches Ereignis wieder auf den Schreibtisch gelegt.

Lesen Sie mehr zum Thema