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Nachruf auf Jürgen Holtz:Dem Staunen und Wünschen bei der Arbeit zusehen

Schauspieler Jürgen Holtz

Das Fernsehen machte ihn populär, vor allem der Hass-Spießer-Wessi Motzki. Aber das Theater blieb sein Spielfeld.

(Foto: Stephanie Pilick/dpa)

Mehr als Motzki: Zum Tod des bis zuletzt spielwütigen Menschenerkundungskünstlers Jürgen Holtz.

Das Fernsehpublikum lernte ihn als "Motzki" kennen, den von Ressentiments zerfressenen westdeutschen Kleinbürger, in dessen Wut auf die Welt, die er nicht mehr versteht, blanke Hilflosigkeit durchschimmert. Jürgen Holtz zeichnete mit der Figur des Hass-Spießers in der Fernsehserie das Psychogramm eines Wutbürgers. Das war 1993, lange bevor es dieses Wort samt den entsprechenden Wahlergebnissen und Diskursvergiftungserscheinungen gab. Wer dem Schauspieler Jürgen Holtz zusah, konnte etwas über die Menschen erfahren.

Gerade weil er diesen Kleinbürgerhass fürchtete, fand Jürgen Holtz, dass Herr Motzki eine durchaus liebevolle Figurenzeichnung verdiente: So sind die Leute, besser, man sieht genau hin. Dieses Ineinander von Neugierde auf menschliche Merkwürdigkeiten, sozusagen gekonnter Naivität, Wut bis zur Härte, Spielfreude bis ins Clowneske samt bohrender Intelligenz lieferte einige der raren Zutaten zur Schauspiel- und Menschenerkundungskunst des Jürgen Holtz.

Es war eine ziemlich umwerfende Kombination. Wer Jürgen Holtz zuhörte, hatte manchmal das gespenstische Gefühl, jemandem im Inneren des eigenen Kopfes zuzuhören. Oder den gleichzeitig komplett logischen und komplett wahnsinnigen Gedankenexplosionen seiner Figuren, etwa wenn er sich durch Rainald Goetz' Monolog "Katarakt" katapultierte, 1992 am Schauspiel Frankfurt. Dabei wirkte der Weg durch das Textlabyrinth in seinem Spiel selbstverständlich wie die einzig mögliche, einzig richtige Selbst- und Weltwahrnehmungsmöglichkeit.

Wenn Jürgen Holtz spielte, konnte man dem Denken und Staunen und Wünschen bei der Arbeit zusehen. Als Heiner Müller noch ein halbverbotener DDR-Undergrounddichter war, also in seiner besten Zeit, bat er Jürgen Holtz manchmal darum, ihm seine Texte vorzulesen: So verstand Müller besser, was er geschrieben hatte.

Zuletzt spielte er Brechts Galilei als hellwachen Greis und kluge Eule

Seine letzte Theaterrolle war ein großer Zweifler, ein Mensch, der nicht aufhören kann, über die Menschen, und das, was sie einander antun, zu staunen. Jürgen Holtz spielte im vergangenen Jahr, im Alter von 86 Jahren, in Frank Castorfs Inszenierung am Berliner Ensemble Brechts Galileo Galilei als hellwachen Greis und als kluge Eule, die die Welt schon sehr lange grübelnd durchschaut. Nach den sechsstündigen Vorstellungen saß er bestens gelaunt und beschwingt vom Spiel in der Keller-Kantine des Theaters und freute sich an den jungen Kollegen. Sein Galilei war ein Träumer, der lieber die Gestirne des Himmels studiert, als die irdischen Machthaber zu ernst zu nehmen: "Er hat etwas von einem Kind, das spielt", sagte Jürgen Holtz der SZ damals in einem seiner letzten Interviews.

Das war natürlich ein Satz wie ein Selbstporträt. Darum ging es: zu spielen. Noch als alter Mann hatte sich Jürgen Holtz ein kindliches Staunen bewahrt und die Weigerung, ganz erwachsen zu werden. In einem Porträtfilm sieht man, wie der über 80-Jährige tanzt, mit seinem Stock, allein und ganz bei sich: "Meine Nationalität ist Zirkus", noch so ein Holtz-Interview-Satz, den man nicht vergisst.

Das Fernsehen machte ihn populär, sein eigentliches Spielfeld aber blieb das Theater. Seine Regiepartner waren die Besten, gerne auch die Radikalen und Schwierigen, weil Holtz selbst eigensinnig war: Einar Schleef und Heiner Müller, Benno Besson, Adolf Dresen, Robert Wilson, Peter Stein und, eine späte Begegnung, Frank Castorf. In der Regie von Schleef und B. K. Tragelehn sorgten Holtz und Jutta Hoffmann 1975 mit "Fräulein Julie" für einen der großen Theaterskandale der DDR: Den Klassenkampf zu sexualisieren, ging den Kulturapparatschiks zu weit.

Holtz hatte kein Problem mit dem sozialistischen Programm der DDR, ganz im Gegenteil. Weil er in der jungen DDR genau daran glaubte, trat er als junger Schauspieler mit Überzeugung in die SED ein. Das Problem war in seinen Augen nicht zu viel, sondern zu wenig real existierender Sozialismus, samt all den ängstlichen, autoritären kleinen und großen Funktionären. Nach dem Wechsel in die Bundesrepublik, 1983, blieb Holtz in der Radikal-Kombination aus Clown und sprödem Eigensinn ein unverwechselbarer Solitär im Theaterbetrieb.

Zu Beginn der Vorstellung am Berliner Ensemble ist sein Galilei nackt und schutzlos wie ein eben geborener Säugling, der Greis als Kind, das die Welt entdeckt. Es ist ein gleichzeitig berührender und völlig selbstverständlicher Moment. Eine ähnliche Wirkung stellt sich sechs Stunden später bei Galileis Schlussmonolog über die Gefährdung der menschlichen Gattung ein: So ist es, so sind die Menschen, man muss nur hinsehen. Am vergangenen Sonntag ist Jürgen Holtz mit 87 Jahren in Berlin gestorben.

© SZ vom 23.06.2020/cag
Galileo Berliner Ensemble


v.l. Jürgen Holtz

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