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Essays zur Ökologie:Gegenreden aus dem Garten

Denn wenn alle unterwegs sind, befand Dahl, dann könne man schließlich keinen mehr irgendwo antreffen: Stau in Peking 2018.

(Foto: Fred Dufour/AFP)

Der Philosoph Jürgen Dahl mochte weder Autoverkehr noch Plastik oder die Doktrin der wissenschaftlichen Machbarkeit. Jetzt wurden die Schriften des ökologischen Romantikers wieder aufgelegt - und wirken sehr aktuell.

Während der Corona-Behelfswochen, als Restaurants und Imbisse nur eine Art gastronomischer Notbetreuung ihrer Kunden anbieten konnten, kam das Plastik wieder zu ungeahnten Ehren. Plastikschalen und Plastikschüsseln mit Rigatoni, Hühnchencurry und Wan-Tan-Suppen wurden über die desinfizierte Theke gereicht. Messer, Löffel und Gabel aus Plastik lagen bei, und alles zusammen wurde in der Plastiktüte für den Kunden handlich gemacht. Es war so, als hätte es die Debatten um Abschaffung von Plastikeinkaufstüten nie gegeben, als wären die scheußlichen Bilder von Vögeln, deren schlanke Hälse von verschluckten Colaflaschen ausgebeult waren, nie auf Plakatwänden zu sehen gewesen. Plastik war halt praktisch, oder, wie Jürgen Dahl in seiner "Einrede gegen Plastic" schreibt: "Die schiere Zweckmäßigkeit gilt als völlig ausreichender Nachweis der Existenzberechtigung."

Dahls philosophisch-kritisches Traktat gegen "den Stoff, der das Unmögliche möglich macht und das Unvorhergesehene plötzlich erlaubt", erschien 1974 und wurde in diesen Jahren der Vollbeschäftigung und des sorglosen Konsums wohl als nicht viel mehr denn als Nörgelei eines Öko-Misanthropen wahrgenommen. Heute liest man Dahls Essays als Vorwegnahme unserer Umweltmisere und zugleich als Markierungen eines langen Weges hin zu ihr.

Wir hätten es anders haben können, hätten wir diesem eleganten ökologischen Denker etwas früher und ernsthafter zugehört und seine "Nachrichten aus dem Garten" - so ein Buchtitel Dahls - für mehr als idyllische Flötentöne einer schreibenden Rohrdommel gehalten. Jetzt immerhin können wir Dahls Fingerzeige und Einreden wieder lesen, denn soeben sind gleich zwei Bücher mit seinen gesammelten Essays erschienen.

Wir hätten es anders haben können

Jürgen Dahl, 1929 geboren und 2001 gestorben, war gelernter Buchhändler und Zeit seines Lebens nicht vom Niederrhein wegzubewegen, wo er zuletzt in Kranenburg bei Kleve einen ökologisch hochverfeinerten Garten unterhalten hatte, zu dessen Kernbereich ein "Stinkegarten" gehörte, also eine Abteilung für Pflanzen, die jenseits der gärtnerischen Wohlgefälligkeit wachsen. Was Ökologie sei, das hat Jürgen Dahl in seinem nun im Oekom-Verlag wieder aufgelegten Buch "Der unbegreifliche Garten und seine Verwüstung" definiert: "Die Ökologie beschreibt (...) nicht das, was sein soll, sondern das, was vor sich geht." Dahl erteilt damit dem wohlfeilen Begriff des "ökologischen Gleichgewichts" eine Absage, denn auch die Beseitigung eines Biotops durch einen Staudamm sei, sagt Dahl, ein ökologischer Vorgang, der eine neue Gesellschaft von Lebewesen nach sich zieht. Was Jürgen Dahl in seinen Texten - und sehr explizit in dem schönen Versuch über das Federgeistchen, einen anmutigen, dabei raffiniert gebauten Falter - betreibt, ist fundamentale Kritik an der Wissenschaft, die er offenbar viel zu häufig im Dienst eines städtebaulichen Pragmatismus stehen sieht. Zugleich ist der kritische Gärtner Dahl klug genug, um zu erkennen, dass wir ohne gezielte Eingriffe in den natürlichen Organismus gar nicht überleben könnten. Nicht Moral, schreibt Dahl, sei die Lehre der Ökologie, sondern der Umstand, dass jedes Lebewesen das Äußerste aus seinen Anlagen gewinnen möchte und nur die jeweiligen Verhältnisse es in seine Schranken weisen. Anders gesagt: Der Kopfsalat würde prachtvoll blühen, wenn wir ihn ließen. Nur könnten wir ihn dann kaum essen.

Der Hang zum "kunstvoll Ausgeklügelten"

Aber parallel zur ungebändigten Natur erkennt Dahl auch im wissenschaftlichen Arbeiten den Hang zum "kunstvoll Ausgeklügelten", also zur Optimierung von Verfahren auf Kosten ihrer Begreiflichkeit und ihres wirklichen Nutzens im Alltag. "Die Dezimierung der Welt ist mit ihrer Dezimalisierung eng verknüpft", lautet einer der gern zitierten Aphorismen Dahls, dem man gelegentlich ein "Sachte, sachte !" entgegen rufen möchte. Zur Schau gestellte Ausgeklügeltheit und ein etwas selbstverliebter Sophismus sind nämlich durchaus auch Markenzeichen dieses Schriftstellers, dessen essayistische Eleganz Vergnügen bereitet, der sich aber auch gelegentlich im Feldzug gegen das wissenschaftliche Establishment verhakt. Dahl, der sprachverliebte Sammler von Limericks, Hexen- und Seemannsgeschichten, der kettenrauchende und genussfreudige Einzelgänger, redete keiner noch so gut gemeinten Bewegung das Wort. Stattdessen redigierte er die von Friedrich Georg Jünger gegründete Zeitschrift Scheidewege zu einer Zeitschrift für progressiv-skeptisches Denken um und machte aus einem in Mehl gewendeten und in der Pfanne angerösteten Blatt Salbei ein Festessen. Der Journalist Manfred Kriener hält den kauzigen und hellwachen Urbanismuskritiker Dahl in zwei beigefügten biografischen Skizzen lebendig.

Dahls Texte sind als Mahn- und Klageschriften gegen die Wachstumsökologie heute noch oder wieder lehrreich und relevant. Den "Wahn der Machbarkeit" beschreibt Dahl in kleinen, heiteren Selbstversuchen, indem er sich zum Beispiel mit einem Parfüm aus Pheromonen, also menschlichen Sexualduftstoffen, einsprüht und entgegen dem Werbeversprechen "weder Angebote, noch irgendwelche Forderungen" abzuwehren hat. Bei allem selbstironischen Schabernack geht es Dahl immer um den großen Ernst der Conditio humana. Die Messbarkeit menschlicher Intelligenz, das "Schmierenstück um den Ikuh", ist ihm ein ebensolcher Graus wie die komplette Zerlegung des menschlichen Organismus durch die Molekularbiologie. Die Genetik, so seine Kritik, erkläre lediglich, aus welchen Einzelteilen sich eine Amsel oder ein Hering zusammensetzt. Wie das große Ganze, das Wunder der Gestalt entsteht, das fehlt Dahl im großen Erklärungsbaukasten.

Die große Sehnsucht nach menschlicher Vernunft

Jürgen Dahl war ein apokalyptischer Romantiker, ein Wissenschaftspoet, der hinter seiner großen Kennerschaft eine Sehnsucht nach menschlicher und wissenschaftlicher Vernunft verbarg. Natürlich wollte er, dass die Menschheit ihren Garten bestellte, so wie er es mit seinem Garten in Kranenburg tat. Außerdem wollte er, dass die Menschheit zur Vernunft zurückfand, und dafür war ihm die Zuspitzung, die pointierte Polemik dienlich. Der Verlag "Das kulturelle Gedächtnis" hat drei solcher Essays von Jürgen Dahl in einem kleinen, schön gestalteten Bändchen herausgebracht. Die ersten beiden Aufsätze sind "Einreden" gegen den Mobilitätswahn, im ersten kündigt Dahl das "Ende des Automobils" an. Dies stünde schon deshalb vor der Tür, weil jeder zehnte von der Autoindustrie lebe und nichts gefährlicher sei, als wenn eine Republik von einer einzigen Industrie abhängig sei. Diese Prophezeiung könnte nun tatsächlich eine neue Realitätsstufe erreicht haben.

Dahl lässt am Segen der Fortbewegung per Auto kein gutes Haar. Auch das Argument, das Auto gebe dem Menschen die Möglichkeit, andere Menschen zu besuchen, fällt seiner Ansicht nach flach. Denn wenn alle unterwegs seien, könne man ja niemanden mehr antreffen. Zweckmäßigkeit als Argument für die massenweise Produktion eines Kunstprodukts hält Dahl für Augenwischerei. Die Mobilität, jedenfalls die des spätmodernen Zeitalters, lasse die Kultur des Reisens zum "Hopser" verkommen, schreibt er: "Aus der Möglichkeit zur Fortbewegung wurde der Zwang zur Fortbewegung."

Als Analytiker spätmodernen Optimierungswahns ist der elegante Schreiber Jürgen Dahl fast ein Kind unserer Zeit, in der die Frage, ob wir wirklich so steigerungswütig weitermachen oder lieber unseren Garten bestellen sollten, existenzrelevant geworden ist.

Jürgen Dahl: Der unbegreifliche Garten und seine Verwüstung. Über Ökologie und über Ökologie hinaus. Oekom Verlag 2020, 207 Seiten, 22 Euro. Jürgen Dahl: Einrede gegen die Mobilität, Der Anfang vom Ende des Automobils, Einrede gegen Plastic. Mit einem Vorwort von Jürgen Trittin. Verlag das kulturelle Gedächtnis. 108 Seiten, 12 Euro.

© SZ vom 22.06.2020/cag

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