Jüdisches Museum in Berlin Zwischen Mechanik und Hingabe

Programmdirektorin Cilly Kugelmann erklärt: "Wir hatten für die Braginsky-Ausstellung von Anfang an die Idee, hier einen Tora-Schreiber zu installieren, um zu zeigen, wie er arbeitet. Das ist ein sehr spezifischer, heiliger Beruf. Er geht in die Lehre bei einem anderen Tora-Schreiber, je nach Talent kann so eine Ausbildung bis zu sieben Jahre dauern. Man muss nicht nur schreiben, sondern auch das Pergament fertig machen, da spielt ganz vieles eine Rolle. Das ganze wird deshalb auch verglichen mit Gottes Weltschöpfung. Darum haben wir die Ausstellung 'Die Erschaffung der Welt' genannt."

Höchste Konzentration: Rabbiner Reuven Yaacobov arbeitet im Jüdischen Museum an einer Tora.

(Foto: dpa)

Dann haben die Ausstellungsmacher erfahren, dass die Künstlergruppe "robotlab" vom Zentrum für Kunst und Medientechnologie aus Karlsruhe (ZKM), die zuvor schon die Lutherbibel von einem Roboter hat abschreiben lassen (dessen Ergebnis im Dom zu Trier aufbewahrt wird), sich daran machte, eine hebräische Bibel zu programmieren. "Wir fanden das eine schöne Idee, diesen Roboter mit seinem rein mechanischen Prozess des Schreibens als Kontrast neben einen Tora-Schreiber zu stellen, für den das eine hingebungsvolle Berufung ist", so Kugelmann. "Und für die Künstlergruppe war es die Faszination, einen Industrieroboter, der sonst beispielsweise Autos montiert, für eine kulturelle Aufgabe zu programmieren." Und eine Maschine Leistungen vollbringen zu lassen, die sonst nur dem Menschen vorbehalten sind.

Roboter erobern den Kulturbetrieb

Industrieroboter sind derzeit öfter in der Kultur unterwegs. Der österreichische Künstler Alex Kiessling etwa ließ im vergangenen Herbst ein Bild, das er in Wien malte, zeitgleich von Robotern in Berlin und London anfertigen. Dabei ließ er seine Bewegungen von Sensoren erfassen und per Satellit an die Roboter übertragen.

Die drei Künstler aus Karlsruhe nennen ihre Tora-Kunstinstallation in Berlin "bios (torah)", weil das Basic Input Output System (BIOS) als elementare Komponente der Computertechnik für die Maschine von ähnlich fundamentaler Bedeutung sei wie die Schrift für die Kulturgeschichte des Menschen. Bios bedeutet auf Griechisch zugleich Leben. "Die Tora ist das Bios des Judentums", sagt Jan Zappe, einer der drei Künstler.

Es gibt aber dann doch noch ein paar augenscheinliche Unterschiede zwischen Mensch und Maschine: Der Roboter wurde zwar extra so programmiert, dass er in der Geschwindigkeit eines Menschen die Tora schreibt. Und zwar exakt 304.805 Buchstaben in drei Monaten. Ein Mensch bräuchte dafür mehr als ein Jahr - unter anderem weil er mehr Pausen machen muss und nicht zehn Stunden am Tag die Tora schreibt.

Hebräisch von links nach rechts

Doch wenn man sich die beiden Schriften genau anschaut, sieht man: Der Rabbi schreibt doch etwas kunstvoller. Was daran liegt, dass es zu aufwändig und zu teuer gewesen wäre, den Roboter auch noch dafür zu programmieren, die feinen Krönchen über die Buchstaben zu malen. Und zuguterletzt: Der Rabbi schreibt von rechts nach links, von oben nach unten. Der Roboter hingegen zwar, wie es der Berliner auch gewöhnt ist, von links nach rechts - allerdings von unten nach oben. "Mit ihm können sie außerdem nicht sprechen", lächelt der Rabbi - "mit mir schon."

Reuven Yaacobov schreibt zwar künftig wieder privat und nicht mehr im Museum - und die Ausstellung mit den hebräischen Handschriften zieht von übernächster Woche an weiter durch die Welt. Doch bis dahin lohnt sich der Vergleich gerade zwischen den kostbaren alten Schriften und der reinen Ausführung der Schrift. Der schreibende Roboter - und im Vergleich der Rabbi im Video - sind noch bis Januar in Berlin zu sehen.

Die Roboterinstallation bios (torah) ist noch bis 11. Januar 2015 im Jüdischen Museum in Berlin, Lindenstr. 9-14. Die Handschriften-Ausstellung Braginsky Collection endet am 3. August 2014. Weitere Infos hier.