bedeckt München

Neuanfang im Jüdischen Museum Berlin:Schönheit, Sprache, Täuschung, Mord

Ausstellung ´Jüdische Geschichte und Gegenwart in Deutschland'

Alles in der neuen Dauerausstellung kommt dem Besucher entgegen wie alle gute Aufklärung, erhellend und unterhaltend.

(Foto: dpa)

Die Dauerausstellung im JMB zeigt famos ein Jahrtausend jüdisches Leben auf deutschem Grund. Besser konnte man es nicht machen.

Von Gustav Seibt

Die erste große Leistung der neuen Dauerausstellung im Berliner Jüdischen Museum ist so elementar, dass manche Besucher sie gar nicht bemerken dürften. Sie zeigt sich im Umgang mit dem genial-sperrigen Gebäude von Daniel Libeskind. Diese expressionistische Großskulptur mit ihren sich verengenden Fluchtlinien, steilen Treppen und schiefen Fenstern scheint für eine Möblierung mit Exponaten oder Vitrinen denkbar ungeeignet. Und so hatte die unter Zeitdruck zustande gekommene Vorläuferausstellung etwas von einer Requisitenkammer, mal halb leer, mal zugerümpelt, disproportional zu den Dimensionen.

Jetzt, nach zweieinhalb Jahren Schließzeit, hat sich der Eindruck völlig verändert. Die Architektur behält ihr Recht, ihr steil-lineares Pathos - "Exil", "Kontinuität", "Holocaust" heißen die Achsen - ist erhalten, der Anstieg zur Ausstellung bleibt hoch; doch in den Räumen selbst vergisst man auch dank der Lichtregie, dass man sich in einem kühn gezackten Grundriss, manche sagen, in einem auseinandergezogenen Davidstern befindet. Zugleich bleibt die Libeskind-Ästhetik an den Schnitt- und Endpunkten sichtbar, nichts wird versteckt. Großzügigkeit umfängt den Besucher mit einem weitläufigen Willkommen.

Nichts wird vorausgesetzt, die Erklärungen sind für jedermann zugänglich

Trotz etwa Tausend Objekten ist die Schau nicht überfüllt, mehr als ein Jahrtausend jüdischen Lebens auf deutschem Boden ist damit auch gewiss nicht überdokumentiert. Klugerweise haben die Kuratorinnen unter Cilly Kugelmann und die Gestalter der ARGE chezweitz GmbH sich für die Abwechslung thematischer und epochaler Räume entschieden. Die historische Darstellung gerät so zugleich zu einer handgreiflichen, elementaren Aufklärung über das Judentum. Nichts wird vorausgesetzt, die Erklärungen sind für jedermann zugänglich. Die Besucherinnen und Besucher, auch die körperlich Eingeschränkten, werden mit allen ihren Sinnen beschäftigt, durch Gegenstände, Bilder, Bücher, Karten, im Wechsel mit Videos und Audiostationen. Man kann spazieren und sich verlocken lassen oder Stunden mit den Dokumenten verbringen.

Trotz des immer wieder auch düsteren Gegenstands, trotz des Generalbasses von Zurücksetzung und Verfolgung, der bis zur Vernichtung im Holocaust ansteigt: Die Ausstellung ist heiter und einladend, lebendig, besticht durch Einfallsreichtum und inszenatorische Clous, etwa einem neusachlichen Kino-Raum, der für die Weimarer Republik steht. Besser konnte man es nicht machen. Wenn das Deutsche Historische Museum sich demnächst zu einer neuen Dauerausstellung durchringt, hier kann es sich Anregungen besorgen.

Eine Besonderheit sind die zwölf zeitgenössischen Kunstwerke, die Themen- und Epochenräume unterbrechen und begleiten und eigene Zugänge zum nahfremden Gegenstand bieten. Am wuchtigsten ist Anselm Kiefers "Schewirat ha-Kelim", der "Bruch der Gefäße", der die Erschaffung der Welt nach der Kabbala als Zerstörung kosmischer Sphären durch übermäßiges Licht konkret werden lässt, in düsteren Bleiplatten die über einem Scherbenboden aufragen, in unmittelbarer Nachbarschaft zum Epochenraum der Frühen Neuzeit.

Felix Nussbaum,Einsamkeit, 1942, Dauerausstellung im Jüdischen Museum in Berlin, Ankauf aus Mitteln der Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin, Foto: Roman März, ACHTUNG: Verwendung nur zur redaktionellen Berichterstattung über die Ausstellung!

Felix Nussbaums Gemälde "Einsamkeit", 1942.

(Foto: Jüdisches Museum Berlin, Roman März)

Dort findet sich eins der überraschendsten Objekte: ein kunstvoll verzierter Wechselrahmen als Druckplatte, in dessen Mitte sich sowohl lateinische wie hebräische Lettern einsetzen ließen, geeignet für wandernde Drucker. Christliche und jüdische Texte konnten so abwechselnd überall produziert werden - ein schönes, handgreifliches Zeugnis des Zusammenlebens.

Die Ausstellung wird auch zu einem Durchgang durch die deutsche Geschichte

Ganz zu Beginn muss erst einmal erklärt werden, was "Judentum" überhaupt ist. Nicht einfach eine Religion - als solche "konfessionalisierte" es sich in Parallelität zu den Christentümern erst im 19. Jahrhundert -, sondern eine ethnische, auf Herkunft und ihre Bewahrung abgestellte Lebensform mit einem sakralen Kern, konzentriert um die Tora, die Bücher Mose im Alten Testament. Eine Tora, auf Schriftrollen aus Pergament handgeschrieben, steht am Beginn. Auch sie wird begleitet von einem Kunstwerk, der Videoarbeit "Aleph Bet - Hoshana" von Victoria Hanna, die mit der Schönheit der Schriften spielt.

Die Tora enthält nach jüdischer Lehre das gesamte, auch das künftig mögliche Weltwissen, das ihr durch immer neue Auslegung entnommen werden kann; darum muss sie unbedingt fehlerfrei abgeschrieben werden. Auch dürfen so geheiligte Schriften (alle, die den verschwiegenen Namen Gottes JHWH enthalten, gehören dazu) nicht weggeworfen oder vernichtet werden, sie erhalten eine Bestattung in einer Geniza, wo sie in Würde überdauern.

Das Volk des Buches hat sich durch Schriften nicht nur selbst erhalten, es wurde durch Schriften geschützt oder verfolgt. Schutzbriefe der frühen Neuzeit werden seit 1789 von allgemeinen Aussagen- und Gegenaussagen ersetzt: "Die Menschen sind und bleiben von Geburt frei und gleich an Rechten", sagt die Erklärung der Menschenrechte. Doch die in einer Ständegesellschaft gut integrierbare Verschiedenheit einer Gruppe ist im neuen Menschenrechtsuniversalismus nicht gut angesehen: "Man muss den Juden als Nation alles verweigern und den Juden als Individuen alles gewähren", sagte ebenfalls 1789 der Comte de Clermont-Tonnerre. Die Ausstellung konfrontiert beide Sätze als Vorder- und Rückseite eines Leuchtbalkens.

Der Kampf um die Emanzipation der Juden war eine für alle Europäer wichtige Auseinandersetzung um die Begriffe von Menschheit, Volk und Nation, das macht eine Serie solcher Gegenüberstellungen deutlich. Das Motiv der Schrift erscheint in monströser Steigerung in einer Installation der 900 Gesetzes- und Verordnungstexte, mit denen das nationalsozialistische Deutschland die Juden drangsalierte und in den Tod trieb. Sie hängen auf weißen Fahnen in beklemmender Reihung von der Raumdecke herab, eine der gelungensten Visualisierungen überhaupt: Gewalt durch Sprache, die zum Mord wird.

Die Epochenräume zum Mittelalter, der Frühen Neuzeit, dem Revolutionszeitalter und Nationalstaat bis zum Holocaust und dem Wiederaufleben in der Nachkriegszeit verschlingen sich mit Themenschwerpunkten zu Gebot und Gebet, zu Musik, Kabbala, zur jüdischen Familie, jüdischer Kunst, bis zur Frage nach "jüdischen Objekten", darunter in einer erhabenen Vitrine wie in einem liebevoll ironisierten Büffet gezeigten Zeremonialgegenständen, die den Kreis zur Tora schließen.

Tora-Binder aus dem zerstörten Jüdischen Museum Worms, Worms 1938, Dauerausstellung im Jüdischen Museum in Berlin, Jüdisches Museum Worms / Raschi-Haus, Foto: Roman März, ACHTUNG: Verwendung nur zur redaktionellen Berichterstattung über die Ausstellung!

Tora-Binder aus dem zerstörten Jüdischen Museum Worms, 1938.

(Foto: Jüdisches Museum Worms/Raschi-Haus, Roman März)

Zu den ersten Spuren jüdischen Lebens zählt ein mit der Menora verzierter Ring, aus dem römischen Germanien des vierten Jahrhunderts. Heute in Deutschland lebende Juden sprechen selbst, in einer Videoinstallation, einem "Schlusschor", der individualisiert ihre Beobachtungen und Wünsche. So riesenhaft ist der Bogen, den die Ausstellung schlägt. Stolz können Juden sagen, dass es sie auf späterem deutschen Boden gab, bevor Deutschland entstand.

Die Ausstellung soll die jüdisch-deutsche Beziehungsgeschichte aus jüdischer Sicht zeigen. Damit wird sie auch zu einem Durchgang durch die deutsche Geschichte, deren Sozialformen und Epocheneinschnitte die Juden mitvollzogen. Auch der christliche Antijudaismus muss ins Bild, vertreten durch ein Messer aus dem Brandenburger Domschatz, das angeblichem Hostienfrevel gedient haben soll. Wenn man eine Lücke bedauern kann, dann die zu Martin Luthers schon das Rassische streifendem Judenhass, während Richard Wagners folgenreiche Schrift zum "Judentum in der Musik" ihren Platz bekommt.

Die Ausstellung rückt das Moment von Lüge und Täuschung bei der nationalsozialistischen Judenverfolgung in den Blick

Revolution und Nationbildung im 19. Jahrhundert stellten diese Beziehungsgeschichte auf eine neue Grundlage: Mit der von den Juden ersehnten Möglichkeit staatsbürgerlicher Gleichberechtigung wurde das Judentum ins Religiöse und Innerliche verschoben. Die Rollen des Bürgers und des Glaubenden mussten sich zu einem gewissen Grad trennen, wie es für die anderen Konfessionen auch galt. Umgekehrt eröffnete solche religiöse und ethnische Vielfalt der Nation als politischer Form einen republikanischen Zuschnitt.

Dass die meisten Juden im 19. Jahrhundert unbedingt auch Patrioten, also Deutsche, sein wollten, daran erinnern viele Zeugnisse, nicht zuletzt Eiserne Kreuze für jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg. Überraschend und bewegend ein reich verziertes Erinnerungstuch aus dem Krieg von 1870 gegen Frankreich, auf dem ein massenhaft besuchter jüdischer Gottesdienst im Lager von Metz imaginiert wird - die tatsächlich von jüdischen Soldaten gefeierten Gottesdienste waren kleiner, umso aussagekräftiger ist das Wunschbild. Das oft kultursentimental verkitschte Thema von "deutsch-jüdischer Symbiose" wird damit auf seinen politischen Kern zurückgeführt. Gleichwohl finden das Berliner Judentum, die Freundschaft zwischen Lessing und Mendelssohn ihren Platz.

Der Wille zur staatsbürgerlichen Teilhabe zeigt, dass der Holocaust eben auch ein "Bürgerverrat an den Juden Deutschlands war", wie es Ernst-Wolfgang Böckenförde formulierte. Mit gutem Grund rückt die Ausstellung daher das Moment von Lüge und Täuschung bei der nationalsozialistischen Judenverfolgung in den Blick. Dass es Diskussionsräume zum heutigen jüdischen Leben und zum Antisemitismus gibt, versteht sich. Hier können die Besucher, darunter hoffentlich viele Schüler, sich selbst prüfen. All das kommt dem Besucher entgegen wie alle gute Aufklärung, erhellend und unterhaltend.

Ab 23. August im Jüdischen Museum Berlin. www.jmberlin.de

© SZ vom 19.08.2020/tmh
Zur SZ-Startseite
Nach fuenfjaehriger Vorbereitung und knapp dreijaehriger Schliessung eroeffnet am Sonntag im Juedischen Museum Berlin (

SZ PlusJüdisches Museum Berlin
:Was soll, was darf ein jüdisches Museum oder nicht?

Im April hat Hetty Berg die Leitung des jüdischen Museums Berlin übernommen. Nach den Debatten um ihren Vorgänger und die Frage, was das Museum eigentlich sein soll, macht sie nun klar: ein Ort für Vielfalt.

Von Thorsten Schmitz

Lesen Sie mehr zum Thema