Jüdische Biografien:"Der Blick zurück ist wichtig"

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Viele vertreten die Meinung, man solle die Vergangenheit ruhen lassen.

Unsere Gegenwart wäre nicht denkbar ohne das, was vor 60, 70, 80 Jahren geschehen ist. Hier besteht ein kausaler Zusammenhang, auch wenn wir persönlich davon nicht betroffen sind und keine persönliche Verantwortung tragen. Es wäre eine fatale Entscheidung zu sagen: Lasst uns endlich in Ruhe, wir wollen nach vorne schauen. Der Blick zurück ist genauso wichtig, um für sich selbst eine Identität zu schaffen und eine Zukunft zu gestalten.

Wie viele jüdische Familienbiografien sind noch unaufgearbeitet?

Sehr viele. In den dreißiger Jahren hatten wir in München etwa 3000 bis 4000 jüdische Haushalte. In diesen Haushalten gab es Geschirr, Besteck, Bilder, Möbel, Bücher. Mit zunehmender Entrechtung sind die Menschen verschwunden, geflohen oder wurden ins Konzentrationslager verschleppt. Ihr Hab und Gut hat irgendjemand in Besitz genommen - und plötzlich wurde aus der wertvollen Kommode der jüdischen Familie Adler das Erbstück der nichtjüdischen Tante Emma. Über Generationen wurden Familienmythen weitergegeben, die gar nicht stimmen. Derartige Vorgänge können wir durch Akten, Versteigerungsprotokolle und Arisierungsunterlagen nachvollziehen. Aber noch fehlt das Personal, all das aufzuarbeiten.

Also soll jeder seinen privaten Hausstand nach möglichem jüdischem Raubgut untersuchen?

Man muss jetzt nicht zwangsläufig jedes alte Möbelstück auf einen möglichen jüdischen Vorbesitzer untersuchen. Aber sich die Frage nach seiner möglichen Herkunft zu stellen, wäre wünschenswert. Wenn Menschen kritisch darüber nachdenken, was es mit der Kommode aus dem Familienerbe auf sich hat, oder ob die Schrankwand tatsächlich ein Erbstück ist. Es sollte deutlich werden, dass nicht nur eine überschaubare NS-Elite von diesem perfiden Vermögenstransfer profitiert hat, sondern sehr viele Teilhaber der "Arisierung" waren. Es geht darum, einen Reflexionsprozess anzuregen, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen und die Vergangenheit nicht zu vergessen.

Warum gibt es immer noch das Bedürfnis fast 80 Jahre später?

Viele empfinden nach wie vor innere Verzweiflung und Empörung darüber, dass so etwas geschehen konnte. Dass Menschen wegschauen, wenn andere gedemütigt werden, dass man Unrecht ignoriert. Dahinter steht der Wunsch, zu verstehen, warum so etwas passieren konnte. Die jüdische Geschichte im Dritten Reich ist noch nicht vorbei und kann nie endgültig abgeschlossen werden. Jede Generation muss sich mit dem singulären Zivilisationsbruch der Shoa auseinandersetzen.

Auch durch ein Projekt wie #Kunstjagd?

Allein schon die Suche nach dem Gemälde wirft ja historische Fragen auf: Was hätte alles mit dem Bild geschehen können? Wo könnte es heute sein? Und bei wem? All diese möglichen Szenarien machen Geschichte erlebbar. Auch heute noch. Allerdings warne ich davor, die Aktion im Stile einer reißerischen Recherche zu betreiben und spektakuläre Theorien aufzustellen. Man sollte das Vorhaben vielmehr in den historischen Kontext einbetten und eng mit der Familie Rücksprache halten. Das ist eine hohe Verantwortung, das nicht zu trivialisieren.

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