Jüdische Biografien:"Viele Familienmythen stimmen nicht"

Lesezeit: 4 min

Engelbergs Kunstjagd

Historische Aufnahme von Paula und Jakob Engelberg: Bei den Nachkommen gibt es ein großes Bedürfnis, der eigenen Familiengeschichte auf die Spur zu kommen

(Foto: Follow the Money)

Hat die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte heute noch Sinn? Andreas Heusler, Historiker im Stadtarchiv München, über bittere Erinnerungen, Profiteure der Nazi-Verbrechen und die Schrankwand von Tante Emma.

Von Carolin Gasteiger

SZ: Der jüdischen Familie Engelberg hat 1938 ein Gemälde zur Flucht aus Nazi-Deutschland verholfen. Jetzt würden die Nachkommen über das Projekt #Kunstjagd gern herausfinden, was aus dem Bild wurde. Werden Sie als Historiker häufiger mit jüdischen Familiengeschichten betraut?

Andreas Heusler: Viele Nachkommen jüdischer Münchner wollen mehr über ihre Wurzeln und das Schicksal der eigenen Familie erfahren. Die meisten von ihnen leben im Ausland und können nicht selbst vor Ort recherchieren. Wir können über die Quellen im Archiv nahezu lückenlos nachvollziehen, wer in München in den vergangenen 200 Jahren wann und wo gemeldet war. Über diese Datenbestände können wir Familienbezüge rekonstruieren, auch Umzüge, Emigrationsziele oder Deportationen. In vielen Fällen existieren sogar Fotos. Aber dass die Suche nach der eigenen Familiengeschichte wie bei dem Projekt #Kunstjagd öffentlich gemacht wird, ist für uns neu.

Das Projekt

Im Mittelpunkt des Projekts #Kunstjagd steht die Suche nach einem verschollenen Gemälde der Familie Engelberg. SZ.de begleitet die Recherchen in einem 360°-Schwerpunkt, in dem wir über Fortschritte informieren und den historischen Hintergrund beleuchten Die #Kunstjagd ist ein Projekt des Rechercheteams "Follow the Money" (FtM) sowie der Filmproduktion Gebrüder Beetz und den Medienpartnern BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, SRF, Der Standard, Rheinische Post und SZ.de. Mehr auf www.kunstjagd.com und www.sz.de/kunstjagd.

Also versuchen Sie vorwiegend, den Lebenslauf einzelner Personen zu vervollständigen?

Immer wieder gelingen uns Familienzusammenführungen. Manchmal lebt ein Teil der Nachkommen in Israel und weiß gar nicht, dass ein anderer Teil der Familie nach dem Krieg in die USA ausgewandert ist. Das ist ein kleiner Beitrag, um die Wunden, die vor 1945 geschlagen wurden, ein bisschen zu heilen.

Ist die eigene Familienvergangenheit ein Tabu?

Oft wird in Familien tatsächlich nicht über die Nazi-Zeit und das Schicksal der eigenen Angehörigen gesprochen. Der Schmerz sitzt bei den Älteren zu tief, die Erinnerung an bittere Erfahrungen von damals soll nicht wieder aufleben. Also erfahren die Nachkommen sehr wenig, vielleicht interessieren sie sich auch gar nicht besonders dafür. Wenn die ältere Generation stirbt, merken die Kinder und Enkelkinder, dass sie einen wichtigen Teil ihrer Familiengeschichte gar nicht kennen. Und dann sind sie dankbar für jeden noch so kleinen Hinweis, ihr eigenes familiengeschichtliches Mosaik zu vervollständigen.

Auch für die Gesellschaft ist es wichtig, mehr über jüdische Familiengeschichten wie die der Engelbergs zu erfahren. Warum?

Vertreibung, Flucht und Deportation haben nicht nur Familien zerstört, sondern auch das soziale Gefüge der Stadtgesellschaft verändert. Künstler wurden vertrieben, wichtige Unternehmer verließen die Stadt, Arztpraxen und Anwaltskanzleien wurden geschlossen. Aus Vielfalt wurde Einfalt. Die Gesellschaft muss sich vergewissern, was sie durch die Verbrechen während der NS-Zeit unwiederbringlich verloren hat, durch eigene Verantwortung und eigene Schuld.

Wie weit ist München auf diesem Weg?

Immer wieder wurde die Stadt als Hauptstadt der Verdrängung gescholten, in Analogie zur Hauptstadt der Bewegung unter der Nazi-Diktatur. Aber das stimmt nicht mehr. Im Gegenteil bemüht sich München schon seit gut 20 Jahren, Versäumnisse anzusprechen und diese Lücken im Geschichtsbild zu suchen und zu benennen - beispielsweise im "Biographischen Gedenkbuch der Münchner Juden 1933 bis 1945" und der Ausstellung "München arisiert" .

"Der Blick zurück ist wichtig"

Viele vertreten die Meinung, man solle die Vergangenheit ruhen lassen.

Unsere Gegenwart wäre nicht denkbar ohne das, was vor 60, 70, 80 Jahren geschehen ist. Hier besteht ein kausaler Zusammenhang, auch wenn wir persönlich davon nicht betroffen sind und keine persönliche Verantwortung tragen. Es wäre eine fatale Entscheidung zu sagen: Lasst uns endlich in Ruhe, wir wollen nach vorne schauen. Der Blick zurück ist genauso wichtig, um für sich selbst eine Identität zu schaffen und eine Zukunft zu gestalten.

Wie viele jüdische Familienbiografien sind noch unaufgearbeitet?

Sehr viele. In den dreißiger Jahren hatten wir in München etwa 3000 bis 4000 jüdische Haushalte. In diesen Haushalten gab es Geschirr, Besteck, Bilder, Möbel, Bücher. Mit zunehmender Entrechtung sind die Menschen verschwunden, geflohen oder wurden ins Konzentrationslager verschleppt. Ihr Hab und Gut hat irgendjemand in Besitz genommen - und plötzlich wurde aus der wertvollen Kommode der jüdischen Familie Adler das Erbstück der nichtjüdischen Tante Emma. Über Generationen wurden Familienmythen weitergegeben, die gar nicht stimmen. Derartige Vorgänge können wir durch Akten, Versteigerungsprotokolle und Arisierungsunterlagen nachvollziehen. Aber noch fehlt das Personal, all das aufzuarbeiten.

Also soll jeder seinen privaten Hausstand nach möglichem jüdischem Raubgut untersuchen?

Man muss jetzt nicht zwangsläufig jedes alte Möbelstück auf einen möglichen jüdischen Vorbesitzer untersuchen. Aber sich die Frage nach seiner möglichen Herkunft zu stellen, wäre wünschenswert. Wenn Menschen kritisch darüber nachdenken, was es mit der Kommode aus dem Familienerbe auf sich hat, oder ob die Schrankwand tatsächlich ein Erbstück ist. Es sollte deutlich werden, dass nicht nur eine überschaubare NS-Elite von diesem perfiden Vermögenstransfer profitiert hat, sondern sehr viele Teilhaber der "Arisierung" waren. Es geht darum, einen Reflexionsprozess anzuregen, sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen und die Vergangenheit nicht zu vergessen.

Warum gibt es immer noch das Bedürfnis fast 80 Jahre später?

Viele empfinden nach wie vor innere Verzweiflung und Empörung darüber, dass so etwas geschehen konnte. Dass Menschen wegschauen, wenn andere gedemütigt werden, dass man Unrecht ignoriert. Dahinter steht der Wunsch, zu verstehen, warum so etwas passieren konnte. Die jüdische Geschichte im Dritten Reich ist noch nicht vorbei und kann nie endgültig abgeschlossen werden. Jede Generation muss sich mit dem singulären Zivilisationsbruch der Shoa auseinandersetzen.

Auch durch ein Projekt wie #Kunstjagd?

Allein schon die Suche nach dem Gemälde wirft ja historische Fragen auf: Was hätte alles mit dem Bild geschehen können? Wo könnte es heute sein? Und bei wem? All diese möglichen Szenarien machen Geschichte erlebbar. Auch heute noch. Allerdings warne ich davor, die Aktion im Stile einer reißerischen Recherche zu betreiben und spektakuläre Theorien aufzustellen. Man sollte das Vorhaben vielmehr in den historischen Kontext einbetten und eng mit der Familie Rücksprache halten. Das ist eine hohe Verantwortung, das nicht zu trivialisieren.

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