Jüdische Biografien:"Viele Familienmythen stimmen nicht"

Engelbergs Kunstjagd

Historische Aufnahme von Paula und Jakob Engelberg: Bei den Nachkommen gibt es ein großes Bedürfnis, der eigenen Familiengeschichte auf die Spur zu kommen

(Foto: Follow the Money)

Hat die Aufarbeitung der eigenen Familiengeschichte heute noch Sinn? Andreas Heusler, Historiker im Stadtarchiv München, über bittere Erinnerungen, Profiteure der Nazi-Verbrechen und die Schrankwand von Tante Emma.

Von Carolin Gasteiger

SZ: Der jüdischen Familie Engelberg hat 1938 ein Gemälde zur Flucht aus Nazi-Deutschland verholfen. Jetzt würden die Nachkommen über das Projekt #Kunstjagd gern herausfinden, was aus dem Bild wurde. Werden Sie als Historiker häufiger mit jüdischen Familiengeschichten betraut?

Andreas Heusler: Viele Nachkommen jüdischer Münchner wollen mehr über ihre Wurzeln und das Schicksal der eigenen Familie erfahren. Die meisten von ihnen leben im Ausland und können nicht selbst vor Ort recherchieren. Wir können über die Quellen im Archiv nahezu lückenlos nachvollziehen, wer in München in den vergangenen 200 Jahren wann und wo gemeldet war. Über diese Datenbestände können wir Familienbezüge rekonstruieren, auch Umzüge, Emigrationsziele oder Deportationen. In vielen Fällen existieren sogar Fotos. Aber dass die Suche nach der eigenen Familiengeschichte wie bei dem Projekt #Kunstjagd öffentlich gemacht wird, ist für uns neu.

Das Projekt

Im Mittelpunkt des Projekts #Kunstjagd steht die Suche nach einem verschollenen Gemälde der Familie Engelberg. SZ.de begleitet die Recherchen in einem 360°-Schwerpunkt, in dem wir über Fortschritte informieren und den historischen Hintergrund beleuchten Die #Kunstjagd ist ein Projekt des Rechercheteams "Follow the Money" (FtM) sowie der Filmproduktion Gebrüder Beetz und den Medienpartnern BR, Deutschlandradio Kultur, ORF, SRF, Der Standard, Rheinische Post und SZ.de. Mehr auf www.kunstjagd.com und www.sz.de/kunstjagd.

Also versuchen Sie vorwiegend, den Lebenslauf einzelner Personen zu vervollständigen?

Immer wieder gelingen uns Familienzusammenführungen. Manchmal lebt ein Teil der Nachkommen in Israel und weiß gar nicht, dass ein anderer Teil der Familie nach dem Krieg in die USA ausgewandert ist. Das ist ein kleiner Beitrag, um die Wunden, die vor 1945 geschlagen wurden, ein bisschen zu heilen.

Ist die eigene Familienvergangenheit ein Tabu?

Oft wird in Familien tatsächlich nicht über die Nazi-Zeit und das Schicksal der eigenen Angehörigen gesprochen. Der Schmerz sitzt bei den Älteren zu tief, die Erinnerung an bittere Erfahrungen von damals soll nicht wieder aufleben. Also erfahren die Nachkommen sehr wenig, vielleicht interessieren sie sich auch gar nicht besonders dafür. Wenn die ältere Generation stirbt, merken die Kinder und Enkelkinder, dass sie einen wichtigen Teil ihrer Familiengeschichte gar nicht kennen. Und dann sind sie dankbar für jeden noch so kleinen Hinweis, ihr eigenes familiengeschichtliches Mosaik zu vervollständigen.

Auch für die Gesellschaft ist es wichtig, mehr über jüdische Familiengeschichten wie die der Engelbergs zu erfahren. Warum?

Vertreibung, Flucht und Deportation haben nicht nur Familien zerstört, sondern auch das soziale Gefüge der Stadtgesellschaft verändert. Künstler wurden vertrieben, wichtige Unternehmer verließen die Stadt, Arztpraxen und Anwaltskanzleien wurden geschlossen. Aus Vielfalt wurde Einfalt. Die Gesellschaft muss sich vergewissern, was sie durch die Verbrechen während der NS-Zeit unwiederbringlich verloren hat, durch eigene Verantwortung und eigene Schuld.

Wie weit ist München auf diesem Weg?

Immer wieder wurde die Stadt als Hauptstadt der Verdrängung gescholten, in Analogie zur Hauptstadt der Bewegung unter der Nazi-Diktatur. Aber das stimmt nicht mehr. Im Gegenteil bemüht sich München schon seit gut 20 Jahren, Versäumnisse anzusprechen und diese Lücken im Geschichtsbild zu suchen und zu benennen - beispielsweise im "Biographischen Gedenkbuch der Münchner Juden 1933 bis 1945" und der Ausstellung "München arisiert" .

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