Judith Schalansky und die "Future Library":Brief an die Nachwelt

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Judith Schalansky und die "Future Library": Halb Sauna, halb Schrein: die "Future Library" in der Deichman Bibliothek Oslo.

Halb Sauna, halb Schrein: die "Future Library" in der Deichman Bibliothek Oslo.

(Foto: Einar Aslaksen)

Die Bibliothek in Oslo bittet Autoren um Texte, die erst 2114 veröffentlicht werden. Ein Gespräch mit der Schriftstellerin Judith Schalansky, die ihren Beitrag demnächst überreichen wird.

Von Felix Stephan

Frau Schalansky, Sie wurden als neunte von insgesamt 100 Autoren der norwegischen "Future Library" auserkoren. Wie erklären Sie das Projekt jemandem, der noch nie davon gehört hat?

Judith Schalansky: Die "Future Library" ist ein Kunstprojekt, das 2014 von der schottischen Künstlerin Katie Paterson initiiert wurde. Die Idee ist, jedes Jahr einen Autor, eine Autorin um ein Manuskript zu bitten, das 100 Jahre lang verwahrt wird, ohne dass es jemand zu Gesicht bekommt. Gleichzeitig hat Paterson im Nordmarka Wald in der Nähe von Oslo 1000 Fichten-Setzlinge gepflanzt. Im Jahr 2114 werden diese Bäume gefällt und zu Papier verarbeitet, auf dem dann die Texte gedruckt werden.

Wo liegen die Texte denn bis dahin?

In einem speziellen Raum in der neuen Bibliothek von Oslo, der aus jenen Bäumen gebaut wurde, die den 1000 Fichten weichen mussten. Eine Freundin von mir, die schon da war, sagte, es fühle sich an wie in einer Mischung aus einer Sauna und dem Bauch eines riesigen, alten Tieres zu sein. Dort liegen die Manuskripte auf alterungsbeständigem Papier, wie es im Englischen manchmal heißt, "buried", also im übertragenen Sinne begraben. In lichtdurchlässigen Schubladen, auf die der Name des Autors gemeißelt wird. Erst im Jahr 2114 wird der Schrein geöffnet. Das ist die materialisierte Seite des Projektes.

Was ist die andere?

Das ist tatsächlich die Waldlichtung. Man kann sie von einer Busstation aus in dreißig Minuten zu Fuß erreichen. Von Oslo aus ist es nur ein kleiner Ausflug. Interessant ist, dass man sich ausgerechnet für Fichten entschieden hat. Fichten sind keine Bäume, die seit Jahrhunderten verehrt wurden wie Eichen oder Eschen. Es sind absolute Nutzbäume, die seit 200 Jahren von der Forstwirtschaft gepflanzt werden, um ihr Holz für den Bau, die Möbel- oder Papierherstellung zu verwenden. Mittlerweile geht man in den hiesigen Wäldern dazu über, ihre Monokulturen wieder zu entfernen, weil sie feuchte Böden brauchen.

Womöglich sorgt der Klimawandel dafür, dass die 1000 Fichten das Jahr 2114 gar nicht erleben?

Ja, oder der Borkenkäfer kommt. Mir gefällt, dass diese wenig geachteten Bäume jetzt mit einem Tabu belegt werden. Man darf sie besuchen und betrachten, aber man darf sie für 100 Jahre nicht fällen, weil sie eine Bestimmung haben. Sie sind "geweiht". Man könnte es als Wiederbelebung alteuropäischer Baumverehrung verstehen. Dafür spricht auch, dass die Übergabe jeweils im Mai stattfindet.

Ich habe ein Video von dieser Übergabe gesehen. Es handelt sich um eine richtige Prozession. Die Zahl der Pilger steigt Jahr für Jahr an.

Es ist eine erfundene Tradition. Man schaut den Bäumen beim Wachsen zu und vergegenwärtigt sich, dass selbst Literatur und Imagination, sobald wir sie teilen, Ressourcen brauchen. Der älteste Baum der Welt, Old Tjikko, steht übrigens keine 300 Kilometer entfernt in Mittelschweden und ist: eine Fichte. Sie ist über 9500 Jahre alt und sieht aus wie ein verrunzeltes Weihnachtsbäumchen. Aber sie ist etwa so alt wie die Sesshaftwerdung der menschlichen Spezies.

Vor dem Hintergrund sind 100 Jahre gar mehr nicht so viel.

Es übersteigt trotzdem noch unser Leben und unseren Vorstellungshorizont.

Judith Schalansky und die "Future Library": "Es gibt keine Erlösung": Die Schriftstellerin Judith Schalansky in der Forschungsbibliothek Gotha

"Es gibt keine Erlösung": Die Schriftstellerin Judith Schalansky in der Forschungsbibliothek Gotha

(Foto: Friedrich Bungert)

Dadurch kommt die Überlieferung ins Spiel. In 100 Jahren wird niemand, der heute an dem Projekt beteiligt ist, mehr am Leben sein. Irgendjemand muss sich aber darum kümmern, dass es tatsächlich wie vorgeschrieben fortgeführt wird. Wer wird das sein?

Margaret Atwood sagte, man wisse heute nicht einmal, ob es in 100 Jahren überhaupt noch so etwas wie Norwegen oder Wälder geben wird. Ein berechtigter Einwand. Aber es gibt eine Stiftung, die sich um das Projekt kümmert. Das erinnert mich an die so genannten "Atompriester". Ende der Siebzigerjahre gab es semiotische Arbeitsgruppen, die darüber nachdachten, wie man künftige Generationen vor dem Gift warnen kann, das wir ihnen hinterlassen haben. Der Totenkopf könnte in tausend Jahren längst etwas anderes bedeuten, und dass geschriebene Warnungen verlockend wirken können, haben die Ausgrabungen an den Pharaonengräbern gezeigt. Wie macht man also klar: Hier bitte nicht weiter graben?

Ein ernstes Problem.

Die Idee war, eine Atompriesterschaft zu gründen, die das geheime Wissen um die giftigen Substanzen von Generation zu Generation weiter tradieren würde. Halbwertszeiten von 30 000 Jahren liegen jenseits von allem, was wir uns vorstellen können, aber wenn wir zurückschauen, sehen wir, dass sich Religionen als Systeme erwiesen haben, die Informationen über einen langen Zeitraum bewahren können.

Oder Dichtung?

Natürlich geht es letztlich um Mythos, etwas, das wir loswerden wollen, und nach dem wir uns trotzdem insgeheim sehnen. Das Bezwingende an der "Future Library" ist, dass das Rituelle sichtbar ist, der Kern aber im Verborgenen liegt. Niemand darf die Texte lesen, sie sind tabu.

Schon jetzt wächst das jährliche Ritual der "Übergabe" stetig an, eines Tages werden Familien in der zweiten Generation dorthin gehen. Sie selbst schreiben von einer "Sehnsucht nach dem Heiligen".

Wie alle Traditionen wird auch diese ein Eigenleben entwickeln. Zukünftige Autoren werden damit anders umgehen, vielleicht wird es eines Tages Gegenbewegungen und Abspaltungen geben oder es wird schon in fünfzig Jahren als ein Relikt angesehen werden, das kaum mehr Beachtung findet, ein esoterischer Wurmfortsatz aus der jüngeren Vergangenheit, der nur aus alter Anhänglichkeit noch fortgeführt wird. Schon jetzt hat es etwas historisches, wenn man sich die Zeremonie von Margaret Atwood aus dem Jahr 2014 anschaut. Bereits nach acht Jahren wirken Aufnahmeformate und Bildqualität nicht mehr zeitgenössisch.

Wie weit sind Sie denn mit Ihrem Text?

Ich habe noch nicht angefangen.

Wie geht man damit um, dass man einen Text schreibt, den niemand lesen wird, den man persönlich kennt?

Ich musste an Petrarcas "Brief an die Nachwelt" denken, der durchdrungen ist von dem eitlen Verlangen, durch die Zeit hindurch gelesen zu werden, der aber in seiner Sehnsucht, mit einem zukünftigen "Du" zu kommunizieren, auch sehr berührt. Die Literatur ist natürlich ein Geistermetier. Wir sind die ganze Zeit damit beschäftigt, die Vergangenheit mit der Zukunft zu verbinden und mit den Leuten zu sprechen, die noch nicht geboren wurden.

Darf der Text denn lektoriert werden?

Wenn man es ernst nimmt, und das habe ich vor, dann nicht. Schreiben ist ohnehin schon ein sehr einsames Geschäft, aber in diesem Fall fällt sogar noch die indirekte, zeitverzögerte Erfüllung weg, die sich sonst während des Publikationsprozesses einstellt. Der isländische Autor Sjón, der ebenfalls mitgemacht hat, sagte, es gehe darum, "ein Geheimnis für sich zu behalten".

Er hat das als infantil-spielerisches Element beschrieben, weil gerade Kinder immer Geheimnisse mit sich herumtrügen.

Das hat mir sehr eingeleuchtet. Trotzdem ist nicht absehbar, was das mit einem macht. Noch leben alle Autoren, die bislang teilgenommen haben, aber was ist, wenn sie sterben? Wenn Manuskripte im Nachlass gefunden werden, wie geht man damit um?

Haben Sie Vorgaben zum Text bekommen?

Nein. Man kann ein einzelnes Gedicht abgeben oder tausend Seiten Prosa. Die Frage, was angemessen ist, stellt sich mir beim Schreiben immer, aber in diesem Fall nochmal besonders. Denn es wird keinen Moment geben, in dem ich meinen Text vortragen kann und merke: Es hat gepasst, es war genau richtig. Das ist eine Spannung, die ich aushalten muss. Es wird keine Erlösung geben.

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