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Roman über Shakespeares Familie:Vater ist gerade wieder in London

Maggie O’Farrell bekam für ihren Roman „Judith und Hamnet“ in diesem Jahr den britischen Women’s Prize for Fiction.

(Foto: MURDO MACLEOD)

Die nordirische Autorin Maggie O'Farrell erzählt in "Judith und Hamnet" von der Familie des Autors William Shakespeare. Im Mittelpunkt steht aber dessen Frau.

Von Moritz Fehrle

Wenn der Ehemann stirbt, wird man zur Witwe, stirbt ein Elternteil, zur Waise. Wie aber nennt man jemanden, der ein Zwilling war, aber dann kein Zwilling mehr ist? In Maggie O'Farrells Roman "Judith und Hamnet" bekommt Judith darauf keine Antwort von ihrer Mutter. Da scheint eine Leerstelle in der Sprache zu sein. Und selbst ihr Vater hat keinen Ausdruck für diesen Verlust, dabei hat niemand mehr neue Worte ins Englische eingeführt als er.

Die nordirische Autorin Maggie O'Farrell kreist in ihrem historischen Roman um die schmerzhafteste Erfahrung einer Familie: den plötzlichen Tod eines Kindes. Judith und Hamnet sind die historisch verbürgten jüngsten der drei Kinder William Shakespeares. Zwillinge, von denen einer im Sommer 1596 mit elf Jahren an der Pest stirbt. Ein tragisch alltäglicher Todesfall, ein Drittel der Kinder starb im sechzehnten Jahrhundert vor der Vollendung des zehnten Lebensjahres. O'Farrell erzählt mit dieser Geschichte von Trauer, Schicksal und Verbundenheit, keinesfalls bleiern schwer, sondern bemerkenswert lebendig. Dafür bekam sie in diesem Jahr den britischen Women's Prize for Fiction.

Der Titel des Stückes "Hamlet" ist untrennbar mit dem Namen von Shakespeares Sohn verknüpft

Im ersten Teil des Romans wechselt die Handlung zwischen zwei Zeitebenen: Im Jahr 1596 wütet in England die Pest, und von den Einschränkungen, die das bedeutet, liest man in Covid-Zeiten nicht ohne Schauder. Umso bewegender wirkt der vergebliche Kampf um Hamnets Leben. In der ersten Hälfte der 1580er-Jahre spielt die Vorgeschichte der Eltern: Die wenigen gemeinsamen Jahre in Stratford von der ersten Begegnung des knapp achtzehnjährigen Lateinlehrers Shakespeare mit seiner acht Jahre älteren Frau, bis zur Geburt der Kinder und Shakespeares Umzug in die Hauptstadt. Der wesentlich kürzere zweite Teil des Romans handelt von der Bewältigung der Trauer. Er endet mit der Uraufführung jenes Stückes, dessen Titel bis heute untrennbar mit dem Namen von Shakespeares einzigem Sohn verknüpft ist.

Ob und in welchem Maße sein Tod die Entstehung des berühmtesten Werkes der englischen Sprache tatsächlich beeinflusst hat, ist ein Streitpunkt der Literaturwissenschaft. Von Vertretern einer werkimmanenten Analyse wurde die Idee, dass es da einen Zusammenhang geben könnte, lange als küchenpsychologisch abgetan, zuletzt aber vom wichtigsten Vertreter des New Historicism Stephen Greenblatt rehabilitiert. Der Literaturwissenschaftler in Harvard weist darauf hin, wie viele Stücke Shakespeares in den späten 1590ern, auch die Komödien, sich mit Aspekten der Trauer und des Verlusts auseinandersetzen: "Und der Tod seines Sohns und der bevorstehende Tod seines Vaters - eine Krise der Trauer und Erinnerung - stellen eine seelische Erregung dar, die vielleicht die explosive Kraft und die Innerlichkeit, welche Hamlet kennzeichnen, erklären hilft", schreibt er in seinem einflussreichen Shakespeare-Buch "Will in der Welt".

Maggie O’Farrell bekam für ihren Roman „Judith und Hamnet“ in diesem Jahr den britischen Women’s Prize for Fiction.

(Foto: MURDO MACLEOD)

O'Farrell kann in der Fiktion noch weiter gehen: Der persönlichen Tragödie stellt sie die kathartische Wirkung des Dramas zur Seite, die dem Roman zum Ende hin einen versöhnlichen Lichtblick beschert.

Der Roman mag nach den Zwillingen benannt sein, die faszinierendste Figur darin aber ist ihre Mutter, Anne Hathaway. Hier tritt sie unter dem Namen Agnes auf, unter dem sie im Testament ihres Vaters geführt wird. Wie viele Ehefrauen bedeutender Männer, ist die historische Anne von (männlichen) Biografen und Autoren über die Jahrhunderte nicht immer freundlich porträtiert worden. Bei O'Farrell sehen wir sie als charaktervolle, mystisch angehauchte Frau wieder.

Von den Leuten im Landkreis wird Agnes, deren stetiger Begleiter ein Falke ist, für ihr Außenseiterdasein, ihre übernatürlich erscheinende Menschenkenntnis und ihr Wissen über Heilpflanzen bewundert, gefürchtet und hinter vorgehaltener Hand als Hexe bezeichnet, man hört, "was die Leute über dieses Mädchen reden. Dass sie ganz wild und ungebärdig sei, andere mit Flüchen belege, alles nur Erdenkliche heilen, aber auch heraufbeschwören könne. 'Diese Grützbeutel im Gesicht ihrer Stiefmutter', hat sie neulich jemanden sagen hören, 'die hat sie ihr beschert, als die Stiefmutter ihr den Falken wegnahm. Und sie kann die Milch allein dadurch sauer werden lassen, dass sie einen Finger hineintaucht.'" Da zeichnet O'Farrell die Misogynie des Zeitalters nach. Eine gewisse Spannung entsteht, wenn man sich ins Gedächtnis ruft, wie hässlich der historische Shakespeare in seinen späten Werken über Hexen, und Frauen, die von der patriarchalen Gesellschaft als solche denunziert wurden, geschrieben hat.

Maggie O’Farrell: Judith und Hamnet. Roman. Aus dem Englischen von Anne-Kristin Mittag. Piper, München 2020. 416 Seiten, 22 Euro.

Der fiktive Shakespeare des Romans tritt bis kurz vor Schluss als Privatmann auf. Die Autorin zeichnet ihn als kaum dem Kindesalter entwachsenen Lehrer, als romantischen Bewerber, als unter seinem gewalttätigen Vater leidenden Sohn und später als selbst meist abwesenden Familienvater. Genannt wird er nur in seinen sozialen Rollen: der Vater, ihr Mann, der Sohn. "William Shakespeare stand auf und frühstückte" zu schreiben, wäre ihr absurd vorgekommen, hat O'Farrell im Interview mit der Tageszeitung I gesagt.

An der Figur der Anne Hathaway zeichnet O'Farrell die Misogynie des Zeitalters nach

Indem sie den größten aller Schriftsteller aber doch als namenlose Privatfigur auftreten lässt, umgeht O'Farrell nicht ungeschickt die Fallstricke eines solchen Porträts des trotz schmaler Quellenlage schon tausendfach Gezeichneten. Denen, die argwöhnen, der Mann sei doch ganz anders gewesen, nimmt sie damit den Wind aus den Segeln. Außerdem nähert sie sich der überlebensgroßen Figur ohne Ehrfurcht. Ihr Shakespeare ist rastlos, ein Mensch "ohne Talent fürs Warten", wie er an einer Stelle über sich sagt - aber nicht wirklich sympathisch. Meist weilt er weit weg von der Handlung in London, und die Erzählung nimmt einige Distanz zu ihm ein. Aus der erscheint Maggie O'Farrells Shakespeare im Umgang mit seiner Frau und den Kindern reichlich verloren.

Und auch in der Beschreibung der Außenwelt geht O'Farrell sehr genau vor. Sie erzählt gut recherchiert und lebhaft von diesem Zeitalter, streut beiläufig Informationen aus der Welt der Heilpflanzen ein. "Judith und Hamnet" ist ein sinnlicher Roman, O'Farrell beschreibt das Elisabethanische Straßenleben, seine Gerüche und Geräusche, und schafft einen Kontrast zwischen dem pulsierenden Leben und dem morbiden zweiten Teil, der den Leser an die Grenze körperlichen Schmerzes bringt.

William Shakespeare, das Subjekt zahlloser Biografien und Mythen, bleibt hier in eine Nebenrolle verbannt, Maggie O'Farrell kehrt die Geschichtsschreibung um. Sie erzählt von Shakespeare aus dem Blickwinkel seiner Frau und seiner Kinder, statt diese, wie es die Literaturwissenschaft meist tut, nur in Beziehung zu dem Schriftsteller zu sehen. Auch deshalb ist "Judith und Hamnet" ein brillanter Roman.

© SZ vom 09.11.2020/khil
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