Jubiläum Zwischen Stärke und Fragilität

Die Schauspielerin Fanny Ardant bei der Moskauer Premiere von „Le divan de Staline“.

(Foto: imago/ITAR-TASS)

Immer ein wenig neben der Spur: Zum siebzigsten Geburtstag der französischen Schauspielerin Fanny Ardant.

Von Susan Vahabzadeh

Wer behauptet, früher wäre alles besser gewesen, kann nicht dabei gewesen sein; aber manche Dinge unterliegen trotzdem einer merkwürdigen Rückentwicklung. Schauspielerinnen beispielsweise durften früher einmal origineller sein, mit ungeeichten Gesichtern und kantigen Allüren. Fanny Ardant ist so eine, immer gewesen. Sie sei immer eine kleine Spur daneben, hat Patrice Leconte über sie gesagt. Diese Verschiebung sieht man schon in Fanny Ardants Gesicht - in einer Sekunde, aus einem bestimmten Blickwinkel, ist sie perfekt schön, in der nächsten wirkt sie ein bisschen zu herb, in der übernächsten ganz mädchenhaft. Die Rollen, die sie spielt, sind ganz genauso - auf den ersten Blick lieblich, aber meist bleibt es nicht dabei. Für Leconte spielte sie 1996 in "Ridicule - Von der Lächerlichkeit des Scheins" die Contesse de Blayac, die fürchterliche Intrigen ersinnt, als sich ihr Liebhaber in eine andere verliebt. Die Rolle war, allen Reifröcken zum Trotz, wie für Fanny Ardant gemacht - die verletzliche Verführerin, gerade noch herrisch, dann schon am Boden zerstört.

So war das schon, als ihre Karriere begann, mit den letzten beiden Filmen von François Truffaut, "Die Frau von nebenan" und "Auf Liebe und Tod", die er Anfang der Achtzigerjahre mit Fanny Ardant drehte. Das waren die Auftritte, die sie einem internationalen Publikum bekannt machten. In "Die Frau von nebenan" spielt sie Mathilde, die mit ihrem Mann in ein neues Haus zieht. Nebenan wohnt Bernard - Gérard Depardieu! - ihr Ex-Liebhaber, ebenfalls verheiratet. Von Anfang an legt sie da einen solchen Balanceakt zwischen Stärke und Fragilität hin, dass man ihr später gerne glaubt, dass sie durchdreht, weil sie nicht mit Bernard zusammen sein kann und es ohne ihn doch nicht aushält. In "Auf Liebe und Tod" ist sie in ihren Chef verliebt - klar, dass sie ihm da aus der Patsche hilft, als er des Mordes angeklagt wird.

Als die Filmrollen kleiner wurden, begann sie, Regie zu führen

Fanny Ardant, 1949 geboren, ist in Monaco aufgewachsen - ihr Vater war mit Prinz Rainier befreundet, für den er auch arbeitete. Fanny wollte zunächst gar nicht Schauspielerin werden, sie besuchte nach dem Abitur die Hochschule für politische Wissenschaften im nahegelegenen Aix-en-Provence. Letztlich landete sie bei der Schauspielerei, erst am Theater. 1976 kam ihr erster Filmauftritt - da hatte sie schon eine kleine Tochter. Truffaut sah einen ihrer Auftritte und engagierte sie für "Die Frau von nebenan", eine gemeinsame Tochter wurde 1983 geboren, ein Jahr vor seinem Tod. "Truffaut hat mir", sagt Fanny Ardant heute rückblickend, "das Kino gegeben."

Sie wurde dann eine feste Größe im Kino, weit über Frankreich hinaus - sie spielte für Alain Resnais in "Das Leben ist ein Roman"), in "Hundert und eine Nacht" von Agnès Varda, in Sydney Pollacks "Sabrina". Sie war Marie de Guise in Shekar Kapurs "Elizabeth" und eine von François Ozons "Acht Frauen", gab die Callas in "Callas Forever" von Franco Zeffirelli. Und sie hatte den Mut, als die Filmrollen ein bisschen kleiner und unbedeutender wurden, sich an der Regie zu versuchen, was bei männlichen Stars normal ist, bei weiblichen aber ein Sonderfall - ihr erster eigener Film "Cendres et sang / Asche und Blut" lief 2009 in Cannes, in Paris inszenierte sie auf der Bühne das Stephen-Sondheim-Musical "Passion".

Vor zwei Jahren wurde ihr Film "Le divan de Staline" fertig, mit Gérard Depardieu als Stalin. Sie machte danach Schlagzeilen, weil sie nicht nur erzählte, wie sehr sie die russische Kultur liebe, sondern auch kritisierte, die europäischen Medien würden sich von den amerikanischen zu einer antirussischen Haltung verleiten lassen. Sie handelte sich damit Beifall von rechts ein, aber sie politisch war sie immer unberechenbar. Vor vielen Jahren etwa hatte sie den Gründer der Roten Brigaden als Helden bezeichnet und damit die Hinterbliebenen italienischer Terroropfer erzürnt. Das passt nicht recht zusammen, aber vielleicht passt es zu Fanny Ardant - man weiß nie, wann sie das nächste Mal aus der Spur gerät.