Jubiläum Lieber am Tiber

Findet im Kleinen das Große: der Deutschrömer Arnold Esch.

(Foto: privat)

Ein Meister als Forscher wie als Erzähler: Warum man den Historiker Arnold Esch lesen sollte, der jetzt 80 Jahre alt wird. Er ist Fachmann für das spätmittelalterliche Italien, denkt aber stets auch in aktuellen Dimensionen.

Von Gustav Seibt

Woran erkennt ein Zeitgenosse, dass sich etwas historisch Grundstürzendes, ein echter Epochenbruch ereignet? Dass er also Augenzeuge von "Geschichte" wird? Darauf gab Arnold Esch, der 1988 nach Rom übergesiedelte Mediävist, im Sommer 1990, ein Dreivierteljahr nach dem Mauerfall, folgende Antwort: "Nicht das Unvorhergesehene ist es, was so betroffen macht, sondern das Undenkbare."

Esch zitierte dafür aus der Schrift seines althistorischen Kollegen Alexander Demandt von 1984 über "Ungeschehene Geschichte", die unter der Frage "Was wäre geschehen, wenn . . ." folgende, gar nicht erst zu erwägende, weil vollkommen abwegige Denkmöglichkeit aussonderte: "Kein sowjetischer Generalsekretär kann den Marxismus verurteilen. Derartige Absurditäten zu vermehren, ist wenig reizvoll. Interessanter ist die Betrachtung von Ereignissen, die im engeren Kreis des objektiv Möglichen gelegen haben!" Doch genau diese Absurdität wurde, als Eschs Überlegung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung erschien, zu einer handgreiflichen Möglichkeit. Es kennzeichnet den Historiker Esch, der von Hause aus ein Fachmann für das spätmittelalterliche Italien war, dass er diese aktuelle Reflexionschance ergriff.

Man kann auf den Spuren von Arnold Esch ein Kriterium für intellektuell anregende Geschichtsschreibung nennen: Bedeutend ist Historie noch nicht, wenn sie einen Stoff wissenschaftlich erschließt und anschaulich darstellt, sondern erst dann, wenn sie dabei etwas über die historische Existenz des Menschen überhaupt zur Sprache bringt. In diesem Sinn ist, das darf man zu seinem 80. Geburtstag an diesem Mittwoch aussprechen, Arnold Esch ein großer Historiker.

Natürlich liegt dies zunächst einmal an seinem fachlichen und stilistischen Können. Esch gehört zu den sorgfältig ausgesuchten internationalen Fachleuten, die den Vatikan bei geschichtswissenschaftlichen Vorhaben beraten dürfen - ein höheres Qualitätssiegel für historische Forschung gibt es nicht. Zugleich hat man aus spöttischem Kardinalsmund schon anerkennende Worte über "Professor Eschs bewährte feuilletonistische Brillanz" gehört. Wenn das im Vatikan auffällt, muss der Mann unerhört gut schreiben. Mit dem dortigen langen Gedächtnis wird man sich an deutschsprachige Vorläufer wie Ferdinand Gregorovius oder Theodor Mommsen erinnern, glanzvolle, aber durch Protestantismus auch verdächtige Rom-Historiker.

Der Pfarrerssohn Arnold Esch gehört in diese Reihe, in doppelter Hinsicht: als Erzähler von Geschichte wie als Forscher. Esch schreibt ein makelloses Deutsch, in moderner Anverwandlung jenes weiträumigen Orgeltons, den der Standort Rom ermöglicht und erfordert; zugleich ist er Erbe der positivistischen Forschungstechniken, die an dem in Rom aufgehäuften Quellenmaterial allererst entwickelt und zur Verfeinerung gebracht wurden.

Dieser Gelehrte ist ein Virtuose der Archive, der Erschließung überraschender Quellen, und er war als Direktor des Deutschen Historischen Instituts bis 2001 auch ein Wissenschaftsgeneral mit der Aufsicht über generationenlange Großforschungsunternehmen. Als Schüler von Hermann Heimpel und Lehrstuhlinhaber in Bern brachte er die nötigen Voraussetzungen mit; dass er danach in Rom blieb, nähert ihn den denkenden Erzählern der großen Rom-Tradition vor allem der deutschen Kultur an. Inzwischen gehört ein Besuch bei den Eschs in Trastevere zu den höheren Weihen gebildeter Rom-Besucher.

Dabei hat sich Arnold Esch vom Genre des historischen Groß-Epos, das Rom in einer von Edward Gibbon bis Carl Justi reichenden Reihe hervorgebracht hat, losgesagt. Sein Werk, riesenhaft und verzweigt wie das seiner Vorläufer, besteht überwiegend aus kleineren Abhandlungen, die auf methodisch raffinierte Weise das Epos von der historischen Existenz in Rom zu "Romanen in Pillenform" verdichten - in Fallstudien von vielseitigem Reiz, die alle Fragestellungen moderner Historie aufgreifen, ohne programmatisches Gewese darum zu machen: Wirtschafts- und Alltagsgeschichte, Mikrohistorie, Sozialgeschichte der Kunst, Finanz-, Religions-, Institutionen-, ja Landschaftsgeschichte. Forschung ist hier nicht nur Lesen und Vergleichen, sondern oft Anschauen und Erfahren - so wenn Esch mit seiner Frau auf monatelangen Wanderungen die Geschichte der römischen Straßen bis zu ihrem heutigen Zustand erkundet. Oft geht es bei ihm um die kleinen Dinge, die kleinen Leute, an denen sich die große Geschichte der Kaiser und Päpste, der Kriege und Reiche zeigt.

Wer Arnold Eschs Werke noch gar nicht kennt, beginne mit dem Band "Zeitalter und Menschenalter" von 1994. Dort stößt man auf eine Überlegung zur Periodisierung der Geschichte, die zwar einen vergangenen Zustand erhellt, aber zugleich ins Herz jeder Gegenwart trifft. Ein einziger langer Fragesatz kondensiert das Pathos von Gregorovius: "Sollten etwa in der Spätantike die, die vor den Barbareneinfällen in die kompakten, ganz aufs Militärisch-Funktionale geschrumpften Festungsstädte neuen Typs umgesiedelt waren und dort nun in ihrem unkomfortablen Alltag zusammengepfercht hinter kolossalen, düsteren, aus demontierten Triumphbögen, Grabinschriften und Marmortorsi hastig und kunstlos aufeinandergeschichteten Mauern voll Heimweh zurückdachten an die hellen, weiten, lichten Plätze von Avenches, von Autun, von Périgueux und an den vertrauen Lebenszuschnitt ihrer früheren Tage in offenen Städten - sollten die", so Esch in abschließender Rundung, "nicht empfunden haben, dass hier etwas unwiederbringlich zu Ende gegangen sei?"

Diesen Ton kann es nur für Rom geben, glücklich also der Rom-Historiker; allein man muss ihn, den Ton, auch treffen können. "Denken ist interessanter als Wissen, aber nicht als Anschauen", so zitiert Arnold Esch seinen Goethe. Aber sind das überhaupt Alternativen?