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Jubiläum:Gebirge aus Beton

Architekt Gottfried Böhm wird 100 Jahre alt

Gottfried Böhm, Deutschlands bedeutendster lebender Architekt. Über ihm einer seiner Entwürfe für die Wallfahrtskirche in Neviges.

(Foto: KNA)

Von Klinkerkirchen zum Brutalismus: Der Architekt Gottfried Böhm, der als erster Deutscher den Pritzker-Preis gewann, wird 100 Jahre alt.

Wenn man dem Architekten Gottfried Böhm zu seinem 100. Geburtstag an diesem Donnerstag gratuliert, werden die Gedanken nicht nur zum formenreichen Werk dieses Universalkünstlers gelenkt, sondern über das Werk seines Vaters, des großen Kirchenbaumeisters Dominikus Böhm, weiter zurück bis in jene Perioden der Kunstgeschichte, in denen Architekten nicht nur in der Baukunst, sondern auch in der Malerei oder in der Bildhauerei brilliert haben.

An keiner Stelle der Baugeschichte des 20. Jahrhunderts kommt man dem Typus des Universalkünstlers, wie man ihn seit der Frührenaissance kennt, so nahe wie bei der Architektenfamilie Böhm. Die Kirchen von Stammvater Dominikus Böhm (1880 - 1955) faszinieren durch plastisch lebendige Details und durch Raumformen von zwingender Eigenwilligkeit. Man sieht einen bildenden Künstler am Werk, der seinen Bauten skulpturale Kraft zu verleihen vermag und die hineinkomponierten Farbfenster am liebsten selbst entwirft.

Der baukünstlerische Ehrgeiz von Böhm zielt über das Konstruktive weit hinaus

Dass Gottfried Böhm, der begabte Sohn von Dominikus, nach den Lehrjahren im Büro des Vaters die künstlerische Tradition des Hauses fortsetzen würde, war selbstverständlich. Und dass auch noch in der dritten Generation das hohe Erbe weitergetragen wird, können die skulptural gewölbten Betonschalen zeigen, die Gottfrieds Sohn Paul um die Zentralmoschee in Köln herumgelegt hat, oder die Deckengestaltungen, mit denen Pauls Brüder einige von Gottfrieds Bauten ausgestattet haben.

Der über alle konstruktionstechnische Notwendigkeiten hinauszielende baukünstlerische Ehrgeiz, den die Böhms immer wieder gezeigt haben, dürfte jedenfalls der Grund gewesen sein, dass Gottfried Böhm 1986 als erstem Deutschen die höchste internationale Architektur-Auszeichnung, der Pritzker-Preis, verliehen wurde. Der Welt eingeprägt hatte er sich bis dahin vor allem mit kubisch und zylindrisch exakt durchmodellierten Kirchenbauten aus Backstein, die sich mit hochgereckten Spitzkegeln plastisch in den Himmel schraubten. Daneben zeigte er, wie sich mit dem leicht formbaren Material Beton alte Architekturträume erfüllen lassen. In mehreren Kirchen erprobte er, wie sich unregelmäßig geformte, weite Räume fast gotisch elegant überwölben lassen, wenn man Zelte aus Beton über die Raumgebilde stülpt.

Mit dieser konstruktiven Erfahrung konnte Böhm von 1963 an die Ungeheuerlichkeit der Wallfahrtskirche Maria Königin des Friedens in Velbert-Neviges errichten. Dieses in den Himmel gezackte Gebirgsmassiv aus Sichtbeton, das 7000 Besucher aufnehmen kann, ist fraglos eine der bedeutendsten und aufregendsten Raumschöpfungen des gesamten Jahrhunderts. Am Ende des bergauf führenden Wallfahrtswegs, der von rundgeformten Pilgerzellen wie von einer Rosenkranzkette gesäumt ist, tauchen die Besucher in eine gigantische Betonhöhle ein, die von versteckten Lichtquellen mystisch erleuchtet wird und mit den innen verteilten Straßenlaternen und dem in die Mitte gezogenen Altar gleichzeitig Marktplatz des Geistes und Kultraum sein will. Das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt zeigt bis 26. April eine lohnende Ausstellung über den "Beton-Dom von Neviges", die freilich das Raumerlebnis nicht ersetzen kann.

In die Architekturgeschichte eingetragen hat sich Böhm aber auch mit ganz anderen Archetypen. Das Rathaus von Bensberg, das sich auf dem dortigen Burghügel um die Reste der Burg herumzieht, schiebt seinen expressiv mit Schrägen prunkenden Treppenturm wie einen Faustkeil drohend in den Hof. Zwei Jahrzehnte nach diesem Monument des Beton-Brutalismus gelang Böhm mit dem Züblin-Haus in Stuttgart ein gestalterisch exakt in die Gegenrichtung weisender, auf alle expressiven Formen verzichtender Verwaltungsbau. Mit seinem grünen Kern wurde er Vorbild für viele andere Bauten. Zwischen zwei parallel gestellte Bürotrakte ist eine gläsern überdachte breite Halle gestellt, in der Bäume wachsen. In der Mitte dieses geräumigen Wintergartens erhebt sich der Treppen- und Liftturm, von dem aus über Brücken die Bürotrakte erreicht werden.

Im letzten großen Werkkomplex hat sich Gottfried Böhm ganz auf Theater- und Konzertsaalbauten konzentriert. Doch der grandiose Schwung, den er auf seinen magisch suggestiven Entwurfszeichnungen durch die Kulturhallen wehen lässt, dürfte die Juroren der Wettbewerbe eher erschreckt haben. Nur das kleine Hans-Otto-Theater in Potsdam gibt uns eine Ahnung von der Festlichkeit, zu der Böhms weltliche Kulträume einladen.

© SZ vom 23.01.2020
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