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Journalismus:Im langen Herbst einer größeren Zeit

Der Theaterkritiker Gerhard Stadelmaier hat seinen ersten Roman geschrieben: Er schildert unter dem Titel "Umbruch" das Leben in der Redaktion und den Niedergang der Zeitungsbranche.

Von Christoph Bartmann

Thomas Bernhard soll einmal ungewollt das örtliche Postamt und die gesamte Nachbarschaft in Aufruhr versetzt haben, als auf dem oberösterreichischen Lande ein Telegramm des Suhrkamp Verlags eintraf. Sein Wortlaut: "Fahnen unterwegs. Umbruch demnächst". Gerhard Stadelmaier, der Theaterkritiker und große Bernhard-Verehrer, mag sich an diese vielleicht nur gut erfundene Anekdote erinnert haben, als er seinem Lebensroman den Titel "Umbruch" gab. Er selbst hat den Umbruch beim Umbruch hautnah erlebt, namentlich den vom maschinellen Bleisatz zu immer neuen Formen des Computersatzes, und dies in aufsteigender Folge bei unterschiedlichen Blättern.

Wer es nicht eh schon weiß, erfährt nur aus dem Klappentext, dass Gerhard Stadelmaier von 1989 bis 2015 "zuständiger Redakteur" für Theater und Theaterkritik bei der Frankfurter Allgemeinen gewesen ist. Davor war er, der im Roman immer nur "der junge Mann" heißt, in selber Funktion bei der Stuttgarter Zeitung, die hier Landeszeitung genannt wird, während die FAZ hier als Staatszeitung figuriert. Angefangen hat aber alles in der schwäbischen Provinz, bei einem Organ, das hier Stadtpost heißt und wo der junge Mann sein Handwerk gelernt hat. Aber was heißt schon Handwerk: "Es war eine gewaltige Lese-Zeit. Sie roch nach Druckerschwärze, ölig erregend die Nerven kitzelnd." Der Tageszeitungsjournalismus als allerhöchste Gemütserregungskunst, der Kritiker als höchstinstanzlicher Geistesmensch: ohne solche Übertreibungen Bernhard'schen Formats wäre für Stadelmaier der Journalistenberuf nicht etwa halb so schön. Er wäre gar nicht auszuhalten gewesen. Oder jedenfalls nicht anzustreben. Der Umbruch hat auch ihn nicht verschont, aber davon wird hier nicht mehr so viel erzählt. Der Roman endet 1993, mit dem Abgang eines Staatszeitungs-Oberen, an dessen Wirken sich der junge Mann mit Dankbarkeit erinnert.

Stadelmaiers Kostproben seiner Formulierungskunst sind nicht immer geschmackvoll

Gerhard Stadelmaier ist ein Formulierungsvirtuose, der freilich dann am Gefährlichsten ist, wenn er das Formulieren bleiben lässt. In Karl-Kraus-Manier schrieb er manchmal auch, wenn ihm irgendetwas komplett gegen den Strich ging, schnöde Mini-Kritiken von wenigen Zeilen. Wenn er formuliert, scheint er mit sich und der Welt im Reinen. "Umbruch" bietet mehr als nur Kostproben seiner Formulierungskunst, ohne dass man daran immer nur Freude hätte. Zwei Jahre waren irgendwann in des jungen Mannes Frühzeit vergangen, "seit dem jungen amerikanischen Präsidenten das sympathieheischende Lächelgesicht unter der füllig frischen Scheitelfrisur weggeschossen worden war."

Gerhard Stadelmaier: Umbruch. Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2016. 224 Seiten, 22 Euro. E-Book 16,99 Euro.

Für solche Geschmacklosigkeiten wird man an anderer Stelle mehr als entschädigt, etwa in der satirischen und liebevollen Schilderung einer wohl längst vergangenen Geisteswelt spezifisch Stuttgarter Prägung, die ihren Mittelpunkt in einer abends Hof haltenden langjährigen "Goethe-Biene" fand. Manch bedeutender Teilnehmer der damaligen Zirkel wird sich ohne Mühe in Stadelmaiers animierten Porträts wieder erkennen. Überhaupt erreicht "Umbruch" in Stuttgart und nicht etwa in Frankfurt seinen intellektuellen und erzählerischen Höhepunkt, bei der Landeszeitung also und nicht bei der Staatszeitung.

Das könnte auch am schnellen Wandel des ganzen Gewerbes liegen. In Stuttgart herrschen noch die alten zigarrenschmauchenden, ganztags schnapstrinkenden Charakterköpfe alten Schlages vor, während nebenan die Geschäftsführer darüber wachen, dass ordentlich Geld verdient wird. Bei der Staatszeitung in Frankfurt wird auch noch gutes Geld verdient, und wahrscheinlich gibt es hier noch deutlich mehr Geistesmenschen als beim schwäbischen Zentralblatt. Anders als in Stuttgart beherrschen sie jedoch alle die hohe Kunst des Eiertanzes, und das nicht nur allein, wie dem jungen Mann auffällt, sondern gerne im Duett.

Als der Mauerfall wichtiger wurde als eine Uraufführung, war schon alles zu spät

"Umbruch" ist kein bloßes Memoiren- und Anekdotenbuch, sondern es beschreibt und analysiert nah am eigenen Erleben den Niedergang eines Gewerbes und vor allem den des Feuilletons. Oder anders: Es schildert den Umbruch der Branche als Niedergang. Schuld daran ist nach Auffassung des Erzählers die Politik. Früher einmal, so erinnert sich der junge Mann, gab es, jedenfalls im Feuilleton, nichts Höheres und Größeres als die Rezension, von Klavierabenden, Theaterpremieren und literarischen Neuerscheinungen. Die Großkritiker, die einst auf diesem Feld den Ton angegeben hatten, hat der junge Mann in ihrem Patriarchenherbst kennen gelernt. Seine eigenen Theaterkritiken atmen noch diesen Geist der alten Kritiker-Ära. Die Kritiken sind Kunststücke aus eigenem Anspruch, und der Kritiker ätzt, jubelt und verdammt nicht wie irgendein Parkettgast aus Reihe 6, Mitte, sondern als Instanz.

Leseprobe

Einen Auszug aus dem Roman stellt der Verlag hier zur Verfügung.

Von dieser Warte aus müssen dann "postmoderne Ungeniertheitsrufe" wie "Alles ist Kultur!" ebenso verstörend wirken wie die Einrichtung eines Ressorts für "Politische Kultur" im Feuilleton der Staatszeitung. Nun soll alles Kultur sein können und einer kulturellen Betrachtung zugänglich, sogar die Öffnung des Brandenburger Tores für den allgemeinen Verkehr. Dass dafür die "Kritik der Uraufführung einer Komödie des weltberühmten, gerade erst gestorbenen österreichischen Schimpf- und Vernichtungsdramatikers (. . .) um einen Tag geschoben" wurde, ist für ihn ein Skandal. Dem kann man zustimmen oder nicht, Tatsache ist, dass die Ausdehnung der Politik auf Kosten der Kultur das Feuilleton zum einen zwar beflügelt, zum anderen kulturelle Phänomene wie, sagen wir, den Klavierabend sehr nachhaltig und für immer nach hinten "geschoben" hat.

Kulturberichterstattung, wie Stadelmaier sie noch erlebt und praktiziert hat, beruhte auf einem ganz anderen Verständnis von Prioritäten und Dringlichkeiten, als es die meisten heutigen Feuilletonisten haben. Diese Welt ist möglicherweise inzwischen untergegangen, vielleicht auch gar nicht erst heute, sondern zum Beispiel bereits beim FAZ-Buchmessenempfang des Jahres 1993, den Gerhard Stadelmaier in seinem Buch als großes Finale des verehrten Feuilleton-Oberen und der Zeitungswelt von gestern in Szene setzt. Wie hatte ihm schon seine Großmutter im Provinzstädtchen nahe Stuttgart auf den Weg gegeben: "Es kommt nichts Besseres nach."

© SZ vom 18.10.2016
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