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Journalismus - der Fall Relotius:Sagen, was nicht ist

Wie der "Spiegel"-Reporter Claas Relotius Geschichten erfand. Wie leicht und gern sich das Magazin täuschen ließ. Und was die Medien daraus lernen können.

JRB 2019 Claas Relotius

Illustration: Dennis Philip Schmidt

Die Geschichte beginnt und endet mit der Frage, ob Claas Relotius mit dem Fahrrad durch Hamburg gefahren ist. Es ist die Frage, die den Betrüger und seinen Verfolger noch einmal gegeneinander in Stellung bringt, die Frage, die einen Helden zu Fall bringen könnte.

Claas Relotius hat für das größte Nachrichtenmagazin des Landes glänzende Reportagen geschrieben und packende Interviews, Texte, die die große Welt im Kleinen erklären sollten und mit Preisen überhäuft wurden.

Er hat im Spiegel die Worte eines 13-jährigen Jungen niedergeschrieben, der glaubt, mit einer besprühten Wand den Syrienkrieg ausgelöst zu haben. Er hat eine Amerikanerin begleitet, die im Bus als bestellte Zeugin zu Hinrichtungen reist. Er hat die letzte Überlebende der Widerstandsgruppe "Weiße Rose" interviewt.

Und seine Leserinnen und Leser mit alldem belogen.

Der Text über den Jungen: Zitate nicht belegbar. Das Interview mit der Widerstandskämpferin: in wesentlichen Teilen gefälscht. Die Hinrichtungsreisende: gibt es nicht.

Die Dreistigkeit und Unverfrorenheit, mit der ein allseits als sympathisch und hilfsbereit beschriebener Reporter Anfang dreißig seine Kolleginnen und Leser, sein Umfeld und seine Vorgesetzten hinters Licht geführt hat, schockierten Redaktionen im ganzen Land. Auch weil der Spiegel, gerühmt für seine Dokumentationsabteilung zum Faktencheck, all das nicht verhindern konnte. Und schlimmer noch: zunächst offenbar auch nicht wollte. Einige frühere Fälschungen von Relotius betrafen auch die Zeit und das SZ-Magazin.

Aufgedeckt hatte den Fall Relotius' Kollege Juan Moreno. Wie, das beschreibt er in seinem im Herbst erschienenen Bestseller "Tausend Zeilen Lüge - Das System Relotius und der deutsche Journalismus". Moreno erzählt darin, wie er bei einer gemeinsamen Recherche mit Relotius über Flüchtlinge an der Grenze zwischen Mexiko und den USA ("Jaegers Grenze") wegen dessen spektakulären bis unwahrscheinlichen Beobachtungen stutzig wurde. Wie er den Kollegen in detektivischer Arbeit der Lügen überführte, wie er beim Spiegel Alarm schlug, um nicht selbst an einem gefälschten Text beteiligt zu sein. Und wie viel Ablehnung er dafür von der Redaktion erfuhr, vor allem in seinem Reportageressort "Gesellschaft", wo man den Starreporter lange Zeit schützen wollte. Es ist ein fesselndes Buch, rasant geschrieben, bestürzend in den Details, Michael Bully Herbig hat sich bereits die Rechte für den Kinofilm gesichert. Allerdings ist es ein Buch, das nicht frei von Fehlern ist.

Und so kam es, dass sich der Betrüger Claas Relotius im Oktober, zehn Monate nach Bekanntwerden des Skandals, erstmals zu Wort meldete.

"Ich stelle mich allem, wofür ich verantwortlich bin, aber ich muss keine unwahren Interpretationen und Falschbehauptungen von Juan Moreno hinnehmen. Ohne mich persönlich zu kennen oder mit Menschen aus meinem näheren Umfeld gesprochen zu haben, konstruiert Moreno eine Figur." Mit diesen Worten zitierte die Zeit den Mann, der mehrere Dutzend verfälschte und erfundene Texte allein beim Spiegel an allen Faktenchecks vorbeigeschleust und zuvor auch in etlichen anderen Magazinen, Zeitungen und Onlinemedien Erfundenes veröffentlicht hat.

Autor und Verlag erhielten eine Forderung auf Unterlassung. 22 Stellen des Buches enthielten "erhebliche Unwahrheiten und Falschdarstellungen", hieß es vom Anwalt.

Viele der Kritikpunkte klingen nach Firlefanz, die Frage etwa, ob die Bürotür von Claas Relotius beim Spiegel "immer" verschlossen war, wie es das Buch beschreibt, ob dieser wirklich "jeden Tag" mit seinen Kollegen beim Essen war, ob er einem Mitarbeiter immer "die erste Frage" nach dessen kranker Mutter stellte. Der Anwalt behauptet, dass sich Relotius nach der Mutter erkundigt habe, es aber nie die erste Frage gewesen sei.

Daneben werden auch Textstellen beanstandet, in denen Relotius offenbar seine eigenen Lügen falsch wiedergegeben findet: dass die kranke Schwester, die er erfunden hatte, nicht wie von Moreno beschrieben an Krebs gelitten habe, zum Beispiel. Und dann sind da noch Kritikpunkte, die handwerkliche Fragen aufwerfen (siehe Kommentar "Schau an, ein Held").

Und wenn der Fall des Jahrhundertbetrügers Claas Relotius ein Gutes hatte, dann jenes, dass die Regeln des journalistischen Handwerks im Jahr 2019, dem Jahr der Aufarbeitung, beim Spiegel und in Redaktionen überall im Land diskutiert wurden. Wie sehr können Geschichten vor der Recherche geplant werden? Wo beginnt die künstliche Inszenierung? Wie sollen Reporter ihre Recherchen dokumentieren? Was kann ein Faktencheck leisten? Wie viel subjektives Erleben ist dem Schreibenden erlaubt und wo beginnt die Verfälschung von Tatsachen?

Der Spiegel selbst, der den Skandal im eigenen Haus Ende 2018 offengelegt hatte, präsentierte im Frühjahr die Ergebnisse der eigens eingesetzten Untersuchungskommission. Die besagten, dass auch Strukturen innerhalb der Redaktion den Betrug in diesem Ausmaß begünstigt haben könnten. Der Anspruch an brillante Geschichten etwa, die schon dramaturgisch durchgeplant waren, bevor der Reporter überhaupt sein Büro verließ.

Der Bericht legte offen, dass Claas Relotius und Juan Moreno für die geplante gemeinsame Reportage Anweisungen per Mail wie diese von ihrem Vorgesetzten Matthias Geyer - inzwischen nicht mehr beim Spiegel - erhalten hatten: "Wir suchen nach einer Frau mit Kind. Sie kommt idealerweise aus einem absolut verschissenen Land (...) Sie setzt ihre Hoffnung auf ein neues, freies, gutes Leben in den USA (...) Es muss eine sein, die mithilfe eines Kojoten über die Grenze will (...) Wenn ihr die richtigen Leute findet, wird das die Geschichte des Jahres."

Aber auch in der Organisation des Faktenchecks und im Anspruch, Journalistenpreise abzuräumen, ist laut Bericht vieles falsch gelaufen. "Wir haben in einem Ausmaß Fehler gemacht, das - gemessen an den Maßstäben dieses Hauses - unwürdig ist", sagte der neue Chefredakteur Steffen Klusmann damals. Nahezu alle der 60 beim Spiegel veröffentlichten Relotius-Geschichten seien "journalistisch wertlos", neun komplett erfunden.

Seither haben Redaktionen in Deutschland ihre Standards für Faktenchecks, Recherchen und Transparenz überprüft und nachjustiert. Man kann sagen: 2019 war in Medienhäusern auch das Jahr der Aufräumarbeiten.

Ein Journalist, der frei für verschiedene Magazine schreibt, wurde vom SZ-Magazin beim Faktencheck noch vor der Veröffentlichung einer erfundenen Geschichte seiner Lügen überführt, man trennte sich sofort von dem Autor. Ein RTL-Mitarbeiter, der in mehreren Fällen Fernsehbeiträge manipuliert haben soll, damit sie aufregender wirkten, wurde entlassen. Und der WDR kündigte die Zusammenarbeit mit einer freien Autorin auf, die Protagonisten für ihre Dokumentationen über ein Komparsenportal angeworben und Fakten über die Menschen verändert hatte.

Und dann, als das Jahr des Aufräumens zu Ende ging, meldete sich eben auch der Betrüger Claas Relotius im Herbst mit schweren Vorwürfen gegen den Aufdecker Juan Moreno zu Wort.

Der hatte in seinem Buch geschrieben, Relotius habe nach seinem Geständnis, das er im Spiegel ablegte, als er doch noch aufgeflogen war, behauptet, er sei in einer Klinik in Süddeutschland. Ein Kollege aber habe eine Spiegel-Sekretärin getroffen: "Die Frau hatte Relotius gerade auf dem Fahrrad gesehen. In Hamburg." So endet das Buch, ein starkes Ende. Weil es jede Hoffnung auf eine Läuterung des Claas Relotius erstickt.

"Die Szene hat es so nie gegeben", teilt Anwalt Christian Schertz mit. Laut Zeit ist sich die Sekretärin nicht sicher, Relotius eindeutig erkannt zu haben. Mit Moreno selbst habe sie nicht gesprochen. Hat Moreno an dieser Stelle die Genauigkeit dem Effekt geopfert? Warum hat er nicht selbst mit der Sekretärin gesprochen?

Morenos Verdienst, einen der größten Skandale des deutschen Journalismus aufgedeckt zu haben, würden solche Fehler nicht schmälern. Das Bedürfnis scheint in weiten Teilen des Publikums dennoch groß zu sein, den Aufdecker entweder als Supermann oder als Gestrauchelten zu sehen, das spiegelte sich in Schlagzeilen und Social- Media-Diskussionen. Es ist allerdings dasselbe Bedürfnis, das die Hochglanzgeschichten des Claas Relotius so erfolgreich gemacht hat: weil sie die Welt so wunderbar in richtig und falsch, gut und böse, wahr und unwahr sortieren, weil sie keine Fragen und Brüche zulassen.

Dabei sind Heldentaten nicht weniger wert, wenn sie von einem vollbracht worden sind, der womöglich auch mal Fehler macht. Letztlich bleibt der Kern der Geschichte ja derselbe. Das kann man auf Seite 127 nachlesen. Da schreibt der Autor: "Relotius hat, auch nachdem er aufgeflogen war, gelogen. Immer und immer wieder. Er hat nicht damit aufgehört. Nachweislich." Gegen diese Passage ist Relotius' Anwalt nicht vorgegangen.

Es sind auch Juan Morenos Enthüllungen, die dazu beigetragen haben, dass das Bedürfnis von Lesern, Zuschauerinnen und Zuhörern nach Wahrhaftigkeit und Transparenz gestiegen ist - neben einer Reihe von weiteren Entwicklungen, etwa der Inflation von Fake News in den sozialen Netzwerken oder der Tatsache, dass die USA von einem Präsidenten regiert werden, der mit seinen Aussagen Faktenchecker großer Zeitungen an den Rand des Burnouts treibt. Womöglich hätte sich noch vor ein paar Jahren niemand über die so letztgültig formulierte Fahrradszene gewundert.

Laura Hertreiter leitet das Medienressort der SZ. Wie viele Verlierer der Fall Relotius kennt, das wurde ihr bewusst, als selbst Juan Moreno, Aufdecker und Bestsellerautor, im Gespräch sagte, er würde die Zeit lieber zurückdrehen.

© SZ vom 01.12.2019
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