Literaturwissenschaftler Jost Hermand:Der Unerschrockene

Literaturwissenschaftler Jost Hermand: "Ich weiß, ich war in der DDR sehr bekannt. Dabei war ich nur zwei Jahre dort, danach durfte ich gar nicht mehr in Ostblockländer reisen": Jost Hermand.

"Ich weiß, ich war in der DDR sehr bekannt. Dabei war ich nur zwei Jahre dort, danach durfte ich gar nicht mehr in Ostblockländer reisen": Jost Hermand.

(Foto: Imago)

Die Bücher des Literaturwissenschaftlers Jost Hermand waren so barrierefrei geschrieben, dass selbst Teenager sich in eine exotische, unheilschwangere Welt versenken konnten. Ein Nachruf.

Von Peter Richter

Auf der Hauptstraße, die nach Madison, der Hauptstadt von Wisconsin, hineinführt, musste man irgendwann rechts ab und zum Lake Monona runter. Es war eines der kleinen Holzhäuser in reduziertem Queen-Anne-Stil. Die steile Kellertreppe führte in einen holzvertäfelten Raum unter der Erde. Und dort, an einem kleinen Schreibtisch an der Wand, waren tatsächlich all diese Bücher entstanden, die nicht nur Kulturgeschichte behandeln, sondern selber Kulturgeschichte geschrieben haben. Denn Vieles, was hier mit zwei unermüdlichen Zeigefingern in die Maschine gehackt worden war, hatte sein Publikum zuerst in den Büchereien der DDR gefunden.

Es war Jost Hermands fünf Bänden zur "Deutschen Kunst und Kultur von der Gründerzeit bis zum Expressionismus" aus dem Akademie-Verlag in Ost-Berlin aber auch beim besten Willen nicht anzusehen, dass sie zum größten Teil in den USA verfasst worden waren. Es war ihnen ja manchmal noch nicht einmal anzusehen, dass sie von Jost Hermand stammten; bei "Band I: Gründerzeit" stand zum Beispiel nur Hermands Ideengeber und Mentor Richard Hamann auf dem Umschlag. Aber wer sie las, bekam es ohnehin mit mehr Autoren zu tun als die meisten je selbst bewältigen könnten. Sie waren echte Bildungserlebnisse deswegen. Noch dazu waren sie so barrierefrei geschrieben, dass einst selbst Teenager sich hier begeistert in eine exotische, grundsätzlich unheilschwangere Welt versenken konnten, die trotzdem ganz nah bei der eigenen zu liegen schien, mit unheimlichen Überschneidungen zuweilen: Es war tatsächlich ein bisschen wie für spätere Jugendliche die Lektüre von "Harry Potter", nur dass man nach fünf Bänden Hermand keine Zaubersprüche kannte, dafür aber erstaunlich viel von Friedrich Spielhagen bis zu Ernst Toller und von Feuerbach (Anselm wie Friedrich) bis Käthe Kollwitz.

Die akademischen Altnazis wollten ihm wegen seines Stotterns die Karrierefähigkeit absprechen

"Die hatten dort alle, diese fünf Bände, ich weiß, ich war in der DDR sehr bekannt", hatte Hermand an jenem Tag in Madison, Wisconsin, lachend dazu gesagt. "Dabei war ich nur zwei Jahre dort, danach durfte ich gar nicht mehr in Ostblockländer reisen."

Er saß in der kunstledernen Sitznische eines Diners gleich bei ihm um die Ecke und ein Kellner schenkte dermaßen oft sehr heißen und sehr dünnen Filterkaffee nach, als wollte er unterstreichen, dass man an einem amerikanischeren Ort gar nicht hätte sein können. Aber Hermand war dann trotzdem erst einmal wieder in Kassel, wo er 1930 geboren worden war, bevor er mit der "Kinderlandverschickung" nach Polen kam, dann in Marburg studierte, bei den Germanisten promoviert und schließlich von dem Kunsthistoriker Richard Hamann gefragt wurde, ob er ihm als Assistent für ein Buchprojekt nach Ost-Berlin folgen würde. Die DDR hatte den berühmten Gelehrten aus dem Westen als Ordinarius an der Humboldt-Universität gewinnen können. Hamann wiederum hatte im Akademie-Verlag der DDR einen willigen Partner gefunden, um endlich sein Wunschprojekt einer Kulturgeschichte des deutschen Kaiserreichs umzusetzen. Allerdings fühlte er sich damals schon zu alt, um die fünf Bände selber zu recherchieren und zu schreiben.

Hermand war Mitte zwanzig damals, konfrontiert mit akademischen Altnazis, die ihm wegen seines Stotterns die Karrierefähigkeit absprechen wollten, und fühlte sich politisch ohnehin ein wenig fremd im Westdeutschland der Adenauerjahre. Als "marxistisch angehauchten Linksliberalen" sollte er sich noch ein halbes Jahrhundert später in diesem Diner in Madison bezeichnen. Seine eigentlichen Interessen und Sympathien lagen zwar eher vor dem Kaiserreich, und zwar bei Heine, beziehungsweise dahinter, nämlich bei Brecht. Aber nicht erst heute zeigt sich ja, dass die Epoche dazwischen mal lieber nicht ignoriert werden sollte. Immerhin ist es die Welt, aus der unsere Altbauwohnungen, Ausflugstürme und Kolonialschulddebatten stammen. Und Hermand musste damals zu dem Schluss gekommen sein, dass es auch darauf ankommt, wer hier was in den Blick nimmt und von welcher Warte aus.

Literaturwissenschaftler Jost Hermand: Die steile Kellertreppe führte in einen holzvertäfelten Raum unter der Erde. Und dort, an einem kleinen Schreibtisch an der Wand, waren tatsächlich all diese Bücher entstanden.

Die steile Kellertreppe führte in einen holzvertäfelten Raum unter der Erde. Und dort, an einem kleinen Schreibtisch an der Wand, waren tatsächlich all diese Bücher entstanden.

(Foto: Peter Richter)

So kam es, dass ein sehr junger Westdeutscher Mitte der Fünfziger mit seiner Frau nach Ost-Berlin ging, um dort in manischer Arbeit zu lesen, zu exzerpieren und zu schreiben - mitten im Spätstalinismus der Ulbricht-Zeit. Zwei Jahre später war daher auch wieder Schluss. Ein politischer Windwechsel hatte die beiden Weltenwanderer zu Unpersonen gemacht, Hamann musste gehen, und auch sein Assistent hatte binnen 48 Stunden wieder im Westen zu sein. Problem: In dem politisch kaum weniger paranoiden Klima dort war jemand, der eben in zwei Jahren Ost-Berlin gleich zwei Bücher herausgebracht hatte ("Naturalismus" und "Impressionismus"), an den Unis der Bundesrepublik chancenlos. Hermand musste, um zu habilitieren, ein Angebot der University of Wisconin in Madison annehmen. Er musste, eben erst aus der DDR herausgeworfen, nach Amerika ins Exil gehen.

Es ist am Ende, muss man konstatieren, allen vier Beteiligten aber zum Glück ganz gut bekommen. Der Uni von Madison, weil die vielen linken Exilanten aus Deutschland dort jemanden bekamen, der gleich erst einmal mit Studenten Brechts "Mutter Courage" auf die Bühne brachte, und das mitten im Heimatstaat von Kommunistenjäger McCarthy. Der DDR, weil Hermand den Buchvertrag über die restlichen drei Bände nun halt von den USA aus trotzdem treu erfüllte. Der BRD, weil er von hier aus auch ihre Kulturgeschichte mit der nötigen Distanz und ebenfalls beträchtlicher Wirkung ins Auge fasste. Und Hermand nicht zuletzt selbst, der nach eigener Aussage weder irgendein Wort Englisch konnte noch je etwas von Elvis Presley gehört hatte, als er Ende der Fünfziger mit dem Schiff übersetzte.

Mit Derrida verstand er sich auch dann sehr grundsätzlich nicht, als er einmal im Flugzeug neben ihm zu sitzen kam

Wenig später war er dafür dann einer der ersten, die ganz selbstverständlich auch mit der Kategorie Pop operierten, als das an deutschen Universitäten noch völlig unüblich war. Und das Amerikanische habe, sagte er selber, seinen Stil verändert, noch prägnanter gemacht, gerade wenn er auf Deutsch über Deutsches schrieb.

Die Bibliotheken von Madison erwiesen sich dabei als idealer Arbeitsort für ihn. Hier wurden schonungslos auch all die Dinge aufbewahrt, die man daheim in beiden Deutschlands lieber verschämt aussortierte. Nicht nur der Wilhelminismus, auch die Nazizeit. Und die Unerschrockenheit, mit der sich Hermand gerade auf das stürzte, was ihm inhaltlich und ästhetisch eigentlich zuwider war, hat auch Kollegen Respekt abgenötigt. Gert Mattenklott habe ihm bei einem Kongress einmal erklärt, wie wahnsinnig dankbar sie ihm alle seien, dass er "immer diese ganzen faschistischen Romane lese, denn dann müssten sie es nicht tun".

Hermand musste selber ein wenig lächeln, als er das erzählte. Es schien auf ein Lebensdilemma hinzudeuten: Immer wollte er sich eigentlich und endlich wieder mehr mit Heine und Brecht beschäftigen, und oft war stattdessen erst einmal weniger Erfreuliches bei den Hörnern zu nehmen. Man muss dazu sagen, dass Hermand es darüber zu einer solchen Meisterschaft im pointierten Nacherzählen von Büchern gebracht hatte, dass neumodische Zusammenfass-Apps wie Blinkist dagegen schwafelig wirken müssen.

Hermand hatte aber auch sichtlich Freude am Kampf, an Auseinandersetzung, Polemik und auch ein bisschen am Spott. Über Kaffee und Lunch in seinem Nachbarschafts-Diner in Madison haderte er mit der unkritischen Begeisterung, die dem Begriff "Weltliteratur" zuteil werde, und mit Goethe, dem alten Fürstenknecht. Er ließ Herbert Marcuse noch einmal auftreten, mit seiner messianischen Wirkung und seinem "grauenhaften Englisch". Er erzählte von der ebenso beträchtlichen Wirksam- wie allerdings auch Eitelkeit des großen Hans Mayer, den er nach dessen DDR-Episode nach Madison gelockt hatte. Und davon, wie er sich mit Derrida auch dann sehr grundsätzlich nicht verstand, als er einmal im Flugzeug zu einem Kongress neben ihm zu sitzen kam.

Hermand hätte auch gut einmal eine Geschichte der intellektuellen Linken schreiben können. Er veröffentlichte ja fast jedes Jahr ein neues Buch zu einer unermesslichen Breite von Themen, darunter zuletzt eine komplette "Geschichte der Germanistik" und ein Buch "Von Teutsch zu Denglisch".

Damals, bei dieser Begegnung vor neun Jahren in Madison erzählte er noch, wie sehr er es genieße, jetzt regelmäßig auch wieder an der Humboldt-Uni in Berlin zu lehren. Frei sprechend. Vor dankbarem, großem Publikum. Da schloss sich der Kreis. Aber nun ist Jost Hermand am Sonntag in seiner Wahlheimat Madison, WI, gestorben. Mit 91 Jahren, und trotzdem viel zu früh.

© SZ/biaz
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