Jazz:Quartett der Genies

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Jazz: Alles wird besser: Das wegweisende Quartett mit Christian McBride, Joshua Redman, Brian Blade und Brad Mehldau.

Alles wird besser: Das wegweisende Quartett mit Christian McBride, Joshua Redman, Brian Blade und Brad Mehldau.

(Foto: Michael Wilson)

Die Musiker um Joshua Redman legen mit ihrem neuen Album eine grandiose Klammer um ein Vierteljahrhundert Jazzgeschichte.

Von Andrian Kreye

Es gibt für alles eine Vorgeschichte. Wenn man also wissen will, warum der Jazz heute so relevant ist, wie seit den Sechzigerjahren nicht mehr, und vor allem, warum er auch wieder so viel Spaß macht wie damals, landet man bei den Aufnahmen zu Joshua Redmans Album "MoodSwing". Im kalten New Yorker März 1994 spielte er das mit einem jungen Quartett ein. Das fand sich neulich wieder im Studio zusammen und legte eine furiose Klammer um ein Vierteljahrhundert Jazzgeschichte.

Damals war das Studio die Power Station, was schon mal darauf hindeutet, wie viel die Plattenfirma trotz der Jazzflaute auf die Session gab. Dort nahmen sonst Leute wie Bruce Springsteen, David Bowie oder Billy Joel auf. Nicht ganz billig, der Laden. Diesmal war es das Sear Sound Studio, das eine ähnlich kalibrige Kundenliste vorweisen, aber mit dem Jazz besser umgehen kann, weil sie dort eine der weltweit besten Sammlungen analoger Aufnahmegeräte haben. Das hört man dem neuen Album an. Das klingt satter, runder, wärmer.

Inzwischen sind die vier das, was man früher mal Männer in ihren besten Jahren nannte und was heute "middle aged" heißt. Wobei sich die Musik und die Männer wirklich prächtig entwickelt haben. Manchmal wird eben doch alles besser. Erster Beweis - das neue Album "LongGone" (Nonesuch) beginnt mit dem Titelstück, das mit seiner verführerischen Melodie geradewegs in raffinierte Gedankenspiele führt.

Sie pumpten den Blue Note Jazz mit einer Virtuosität auf, die wie eine Nitro-Einspritzung wirkte

Auf dem neuen Album stehen Saxofonist Joshua Redman, Pianist Brad Mehldau, Bassist Christian McBride und Schlagzeuger Brian Blade gleichberechtigt auf dem Cover. Logische Folge der 25 Jahre, die zwischen den beiden Studiosessions liegen und in denen jeder für sich zum Star wurde. Damals war "MoodSwing" Redmans eigentliches Debüt. 25 Jahre alt war er. Er hatte schon vier Alben veröffentlicht, aber alle noch im Schatten seines Vaters und dessen Zeitgenossen. Joshua Redman war in den Hochadel des Modern Jazz geboren worden. Sein Vater Dewey hatte als Teenager mit Ornette Coleman in der Schulband gespielt und dann 1967 in dessen Bilderstürmerquartett als Tenorsaxofonist den Trompeter Don Cherry abgelöst. Das erste Mal tauchte Joshua Redman dann auch auf dem Cover einer Platte seines Vaters auf. Und auf seinem Durchbruchalbum "Wish" spielte neben der Rhythmusgruppe des Coleman-Quartetts Charlie Haden und Billy Higgins der Coleman-Verehrer Pat Metheny. Schwer, sich aus solchen Schatten zu lösen.

Mit "MoodSwing" aber sollte er seine Prinzenrolle überwinden. Der Begleittext, den er damals zum Album schrieb, war so etwas wie eine Kriegserklärung an die vorherigen Generationen. "Es heißt, Jazz ist eine intellektuelle Musik", schrieb er da. "Es heißt, Jazz ist etwas, das man erforscht und studiert, inspiziert und seziert, hinterfragt und analysiert. Jazz ist einfach kein Spaß." Dagegen hielt er ein langes Plädoyer für die emotionale Seite dieser Musik: "Jazz ist für dein Herz. Jazz bewegt dich." Auf dem Album machten sich die vier dann daran, den Geist des Jazzlabels Blue Note in die Gegenwart zu holen, diese Mischung aus Blues, Soul und der Attitüde des Cool, die den Modern Jazz zum Hipster-Soundtrack der Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre gemacht hatte. Im Gegensatz zu seinem Vater und seinen Weggefährten reizten der junge Redman und seine Freunde die Grenzen der Musik nicht mit der Bilderstürmerei des Free Jazz aus, sondern damit, die Formen des Blue Note Jazz mit einer Virtuosität aufzupumpen, die auf die Musik wirkte wie die Nitro-Einspritzung auf einen Sechszylinder in der Zielgeraden. Das funktionierte. Was damals aber auch rasch klar wurde, war, dass die vier jeder für sich solche Giganten in der Wachstumsphase waren, dass dieses grandiose Quartett auseinandergehen musste.

Im letzten Spätsommer vor der Pandemie fanden sie sich dann wieder zusammen. Vor zwei Jahren erschien das Album "RoundAgain", das die vier sofort in sämtlichen Jazzcharts nach oben katapultierte. "LongGone" stammt zwar aus denselben drei Tagen, an denen auch "RoundAgain" entstand. Es ist aber keineswegs Restware, die da veröffentlicht wird. Die beiden Alben nehmen sich nichts. Im Gegenteil. In beide kann man sich so festhören, dass man sich zwingen muss, doch endlich mal was anderes aufzulegen, und sei es nur, weil die Familie sie nicht schon wieder hören kann. Dann eben über Kopfhörer. Weil - das Titelstück! Gleich gefolgt von "Disco Ears", das die Grooverei aus den frühen Jahren in eine Purzelbaumlogik überführt, in der Redmans Sopransaxofon über Mehldaus tieferen Lagen die Beschleunigungskräfte verschiedener Metren auslotet. Bei "Statuesque" lösen sich die vier aus den Gerüsten der Grooves, ohne zu weit abzudriften. Um dann mit "Kite Song" und "Ship to Shore" zu jener Form zurückzufinden, in der alle vier gleichberechtigt an einem vielschichtigen Anschub arbeiten. Zum Schluss dann die Klammer, eine Live-Aufnahme von "Rejoice", einem der zentralen Stücke auf "MoodSwing". Im Original war die Basslinie noch das Rückgrat eines Funky Blues. Ein Vierteljahrhundert später zerlegen die vier den Gassenhauer zu einem Konstrukt, in dem die vier Ausleger eine gemeinsame Mitte umspielen, die man wie in einem Mobile von Alexander Calder nicht sehen kann. Aber man weiß, dass die Schwerkraft sie vorgibt. Alles mag frei schweben, aber letztlich bleibt alles in sich stimmig.

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