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Restitutionsdebatte:Entführung eines Kunstwerks

Die Künstlergruppe "Frankfurter Hauptschule" hat eine Skulptur von Joseph Beuys aus einer Ausstellung in Oberhausen gestohlen - und sie nach Afrika gebracht. Titel der Aktion: "Bad Beuys go Africa".

Von Catrin Lorch

Das Künstlerkollektiv "Frankfurter Hauptschule" hat sich dazu bekannt, die "Capri-Batterie", ein Multiple des Künstlers Joseph Beuys aus dem Jahr 1985, gestohlen zu haben. Das Kunstwerk wurde angeblich aus der Ausstellung "Verschmutzung. Körperzustände. Faschismus. Christoph Schlingensief und die Kunst" im Theater in Oberhausen entwendet und in Tansania einem ethnologischen Museum übergeben.

Dem Bekennerschreiben - einer E-Mail - sind ein Video und Fotos angehängt, die Tat und Übergabe dokumentieren. Darunter auch Aufnahmen vom Tatort: Dunkel gekleidete Maskierte heben die Skulptur, die aus einer Glühbirne, einer Fassung, einem Draht und einer Zitrone besteht, aus der gläsernen Vitrine. Die Aktion "Bad Beuys go Africa" wird als "symbolischer Akt der Restitution in die ehemalige deutsche Kolonie" bezeichnet. Offensichtlich handelt es sich allerdings nicht um einen nur symbolischen Akt einer Künstlergruppe, die selbst mit Videos in der Ausstellung vertreten ist: Nachdem der Verlust in Oberhausen tagelang unbemerkt blieb, ermittelt laut dpa inzwischen die Polizei.

Die Sache erinnert an die Aktionen des Zentrums für Politische Schönheit oder des Kollektivs "Peng", die auf der Grenze zwischen Satire, Aktivismus und zeitgenössischer Kunst arbeiten und vor allem in den Medien viel Aufmerksamkeit erfahren. Die vergangenen Auftritte der seit 2013 bestehenden "Frankfurter Hauptschule", zu der um die zwanzig Künstler und Künstlerinnen aus dem Umfeld der Frankfurter Akademie Städel gehören, bestanden unter anderem darin, das Weimarer Goethe-Haus mit Klopapier zu bewerfen (als Hinweis auf die Frauenfeindlichkeit des Dichters). In Weimar provozierte das bereits die Ordnungskräfte - die Folgen der aktuellen Aktion könnten gravierender sein.

Denn es scheint, als handele es sich nicht um eine zellstoffweiche Inszenierung, bei der die Künstler sich mit einer Requisite gegenseitig filmen. Wie es aussieht, ist nicht auszuschließen, dass die Leihgabe aus der Sammlung des LWL Museums für Kunst und Kultur in Münster tatsächlich entwendet wurde.

"Viele vermuten, dass es sich um ein Fake handelt", sagt ein Mitglied der "Frankfurter Hauptschule" gegenüber der Süddeutschen Zeitung. "Aber auch wenn die Inszenierung in dem Clip überzeichnet ist, so handelt es sich doch um das echte Kunstwerk." Man habe das Multiple allerdings nicht in den Rucksäcken transportiert, die von den drei Akteuren vor der Kamera schwungvoll auf ein Gepäckband geworfen werden, sondern "in einer stabilen Box". Und tatsächlich sei die "Capri-Batterie" - wie es in dem Video zu sehen ist - in einem feierlichen Akt dem Iringa Boma Museum übergeben worden, wo das Kunstwerk jetzt "sehr gut in einer Vitrine zwischen lokalen Handwerksgegenständen" dauerhaft ausgestellt werde.

Wenigstens "in einer symbolischen Aktion" etwas nach Afrika zurückgeben

Darauf angesprochen, ob es nicht riskant sei, für eine künstlerische Aktion ein Werk aus öffentlichem Besitz zu stehlen, Beschädigungen zu riskieren und sich als Täter zu offenbaren, sagte der Künstler: "Wir sind gewillt, das nicht nur auf künstlerischer, sondern auch auf allen anderen Ebenen auszutragen." Es ginge darum, wenigstens "in einer symbolischen Aktion" etwas nach Afrika zurückzugeben. "Vieles, was während der Kolonialzeit gestohlen wurde, befindet sich ja heute auch in öffentlichem Besitz und wird in Museen ausgestellt." Die Aktion führe zudem "den Gedanken der sozialen Plastik von Joseph Beuys" nahtlos fort. Allerdings habe man sich für den Raub seines Werks nicht nur aus konzeptionellen Gründen entschieden, sondern auch wegen der Handlichkeit des Kunstobjekts. "Den drei mal vier Meter messenden Nitsch hätten wir nicht so leicht mitnehmen können."

Man wolle mit "Bad Beuys go Africa" im Übrigen auch der gängigen Unterstellung etwas entgegen setzen, nach der man die kostbaren und empfindlichen Objekte aus westlichen Museen schon deswegen nicht restituieren könne, weil es in Afrika keine gesicherten Museen gebe: "Ihr sagt, man kann die geraubten Sachen nicht zurückgeben, weil in Afrika alle Barbaren sind, die nicht vernünftig damit umgehen können, während in den Kellern deutscher Museen massenhaft nicht inventarisierte Beutekunst vor sich hin schimmelt."

Dass die Ausstellungsmacher im Oberhausener Theater den Verlust der "Capri-Batterie" tagelang nicht bemerkten - dem LWL wurde der Verlust bis zum Nachmittag des 22. Oktober nicht gemeldet -, spreche nicht eben für die Überlegenheit der deutschen Museumskultur. Wie das Museum Iringa Boma mit dem geraubten Kunstwerk verfahre, will die Frankfurter Hauptschule jedenfalls allein den Verantwortlichen in Tansania überlassen, die darüber informiert seien, dass es sich bei der feierlich übergebenen "Capri-Batterie" um ein Werk aus dem Besitz eines deutschen Museums, also Raubkunst, handelt.

© SZ.de/tmh
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