Joseph-Beuys-Jubiläumsjahr:Der letzte Erlöser

Joseph BEUYS, Künstler, nachdenkliches Portraet, Portrait, 18.04.1979,

Schamane, Pseudoschamane, Lokalheiliger: Joseph Beuys 1979.

(Foto: Sven Simon/Imago)

Hundert Jahre Joseph Beuys: Monate der Huldigung stehen ins Haus - und bergen auch Potenzial für interessanten Ärger.

Von Peter Richter

Vor ein paar Jahren war jemand so gut und hat die Fernsehdiskussion ins Netz gestellt, bei der Joseph Beuys 1970 mit Max Bense, Arnold Gehlen und Max Bill über "Kunst und Antikunst" stritt: Drei gestandene Rationalisten - einer eher links, einer sehr konservativ und einer aus der Schweiz - verlangen, erbitten, erflehen da wie Verdurstende ein bisschen mehr Klarheit und Präzision. Beuys aber schwenkt unermüdlich das Weihrauchkesselchen seiner typischen Terminologie und spricht so lange von "neuen Substanzen", die in die "Stoffesverhältnisse" einzuführen seien, von der "Frage nach dem Menschen" und von den "neuen Bewusstseinsebenen", die seine "Erweiterung des Kunstbegriffs" erschließe, bis sich die anderen in Sarkasmus und schließlich nach anderthalb Stunden aus dem Saal flüchten. (Beuys, das weiß man von den Biografen, redete nach Sendeschluss mit Unentwegten aus dem Publikum noch so viele Stunden lang weiter, bis die Veranstalter mit der Polizei drohten.)

Die drei hätten genauso gut mit einem Eurythmielehrer über Cancan und Foxtrott aneinander vorbeireden können. Man traf sich einfach nicht im Nebel der Begriffe. Dazu kam noch der Qualm der Zigaretten; es muss auch irrsinnig heiß gewesen sein in dem überfüllten Saal: Die Haare klebten an den Köpfen, vor allem bei Beuys, dessen mutige Überkämmfrisur allein schon das Anschauen lohnt. Was auch immer für priesterliche Bedeutungen im Lauf der Jahre an den Filzhut geknüpft worden sein mögen, den er später als Markenzeichen trug - wer das einmal gesehen hat, weiß einfach, dass der Stetson von Beuys zumindest in seiner Grundfunktion eher der Mütze von Klaus Meine entsprochen haben muss, dem irgendwann kahl gewordenen Sänger der Scorpions.

Fällt es unter Blasphemie, so etwas zu sagen? Für viele Anhänger vermutlich ja.

Wo immer in den letzten paar Jahrzehnten die Entmythisierung von Beuys versucht wurde, schritten sie verlässlich zur entschlossenen Verteidigung der letzten großen Erlöserfigur in der daran nicht ganz armen Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Die religiöse Dimension ist auch noch greifbar, wenn jetzt vor allem im Rheinland ein derartiger Riesenreigen von Veranstaltungen losgeht, als gelte es, einen Lokalheiligen zu feiern. Gilt es ja auch. Diesen Mai vor 100 Jahren ist Beuys in Krefeld geboren worden; das muss begangen werden. Aber es ist jetzt schon absehbar, dass dieses Beuys-Jahr, sofern es nicht im Dauerlockdown untergeht, ähnlich ablaufen könnte wie die TV-Diskussion vor 51 Jahren: Manche werden wieder nicht genug bekommen können, anderen wird es schon nach Kurzem zu viel sein. Überdruss ist nicht auszuschließen. Backlashs sind sogar wahrscheinlich. Die staatstragend angelegten Jubiläumsfeiern von Luther und dem Bauhaus haben es vorgemacht.

Taugt er als Vorvater von "Me Too"? Werden sich die Grünen noch auf ihn berufen?

Das hat auch mit einer durch Fördermittelantragskultur und Eröffnungsredenrhetorik befeuerten Tendenz zu tun, historische Phänomene nicht mehr historisch einzuordnen, sondern immer umstandsloser für gesellschaftspolitische Tagesansprüche in den Dienst zu nehmen, denen sie dann kaum gerecht werden können. Auf die Versuche, Beuys zum sensiblen Vorvater etwa von "Me Too" und "Black Lives Matter" zu erklären, darf man jetzt schon gespannt sein. Falls sich auch die Grünen in ihrem Höhenflug auf ihr prominentes Früh-Mitglied berufen wollen, wird ihnen aber sicher schnell jemand damit kommen, dass Beuys einer als heikel geltenden Traditionslinie von ökologischen Nationalrevolutionären anhing.

In den Jahrzehnten seit Beuys' Tod 1986 ist viel über solche Zusammenhänge geschrieben worden, um dem zuvor üblichen Tonfall hagiografischer Huldigung etwas entgegenzusetzen. Besonders groß war die Aufregung, als der Kunsthistoriker Beat Wyss 2008 die Verbindungslinien zu den völkischen Ideologemen in den Lebensreformmilieus der Jahrhundertwende betonte, die Prägung in HJ und Wehrmacht und das Problematische an Beuys' antiparlamentarischem Demokratiebegriff. Wobei in dem Zusammenhang auch der Hang zu charismatischem Führertum und rückhaltloser Jüngerschaft bemerkenswert ist, so wenige Jahrzehnte nach dem Krieg.

Dann gab es gleich mehrere Biografen, die darauf hinwiesen, wie detailgetreu Beuys in Wort, Werk und Habitus Rudolf Steiner gechannelt hat. Und wenn dessen recht spezielle Lehren zu Inkarnationen und höheren Wesen bislang allenfalls die Eltern von Waldorfschulkindern wirklich beschäftigen mussten, dürften sie durch den starken Einfluss des anthroposophischen Milieus auf die sogenannten "Querdenker"-Demonstrationen spätestens jetzt auch auf den Radar der Allgemeinheit geraten sein.

Schwer vorstellbar, dass all das im Zuge der Jubiläumsfeierlichkeiten nicht wieder und wieder auf den Tisch kommen wird. Und die Option, das politisch Problematische kurzerhand vom künstlerisch Interessanten zu trennen, hat nun leider Beuys selber zeitlebens aus der Welt schaffen wollen. Pech, dass der 100. ausgerechnet in so eine Hochzeit von Inhaltismus und Identitätsfixiertheit fällt. Denn auch heute gibt es zwar viel dezidiert antiintellektuelle Kunst, die als heilpraktische Maßnahme daherkommt (beziehungsweise umgekehrt), aber wie Beuys, der alte, weiße Pseudoschamane mit seinen nordischen Eichen und Elchen in die neue Begeisterung für die nichtwestlichen Wissensweisen eingepasst werden soll, das bleibt, gelinde gesagt, spannend.

All das Fett und der Filz wirken heute sonderbar fern, verstaubt - stehengeblieben

Und die Formen? Auch so eine Sache. Immer wieder kann man auch jüngere Menschen treffen, die Beuys' zarte Zeichnungen hinreißend und anrührend finden. Immer wieder begegnet man aber selbst Älteren, denen all das Fett und der Filz in den Museen mittlerweile sonderbar fern, verstaubt, wie stehengeblieben und nicht weggeräumt vorkommt. Andere Kunst mit "armen Materialien" aus jener Zeit scheint bessere Haltbarkeitswerte zu haben. Häufiger hört man jetzt die Ansicht, dass doch die Filme seiner Aktionen das eigentlich Wertvolle seien.

Vielleicht, wer weiß, lernt man in diesem Beuys-Jahr, das wieder neu und anders zu sehen. Und dann sind da noch all die Schüler des Mannes, der vielleicht selten richtiger lag als mit der Aussage, sein größtes Kunstwerk sei seine Lehrtätigkeit gewesen. Direkte Schüler wie Katharina Sieverding, Jörg Immendorff oder Blinky Palermo und erst recht all die indirekten, zu denen am Ende selbst noch ein junger Ostdeutscher wie Wilhelm Klotzek gehört, wenn der unter Berufung auf Beuys Zigaretten zum künstlerischen Material erklärt. Davon konnte der angespannte Kettenraucher, der sich in der legendären Fernsehdiskussion von 1970 dauerredend gewissermaßen selbst abbrannte, natürlich noch nichts wissen.

Eine Zeit, in der Denkmäler lieber mit Furor errichtet oder gestürzt werden, als sie mit kritischer Gelassenheit zu kontextualisieren, ist vielleicht keine besonders glückliche für ein Beuys-Jubiläum. Aber es hilft ja nichts. Der Termin steht nun mal an. Mal sehen, wie der Tote das überlebt.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels haben wir fälschlicherweise geschrieben, dass Beuys in Kleve geboren worden sei. Er wurde allerdings in Krefeld geboren, wuchs aber in Kleve auf.

© SZ/jhl/cat
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Joseph BeuysAktion I like America and America likes Me, René Block Gallery, New York, Mai 1974, Foto: © Caroline Tisdall, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

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