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José Carreras zurück auf der Opernbühne:Versiert eingesetzter Pianissimozauber

Während Ribas plötzlich die Zusammenhänge erkennt, braut sich vorm Kloster ein Sturm zusammen. Die Äbtissin, einst wegen der Kindesentführungen als "schwarze Elster" verschrien, sieht ihr vermeintlich so christliches Umerziehungswerk in Gefahr.

Morales hat inzwischen die kleine Tochter des Richters entführen und ins Elternhaus von García bringen lassen, um so alle gegeneinander auszuspielen. Doch Alberto ist kein Räuber, er gibt das Kind zurück, wird vom Geheimdienst angeschossen und erfährt sterbend, dass Ribas der gesuchte Bruder ist.

Carreras macht mit wenigen Gesten die Gestalt des zerrissenen Richters plausibel. Seine Bühnenpräsenz ist selbstverständlich, noch immer verfügt er auch über das Parlando und die Textdeutlichkeit des großen Sängers. Natürlich setzt er Stimmkraft wie Pianissimozauber sparsam, aber versiert und überzeugend ein. Carreras ist anrührend und von großer Vornehmheit.

Das übrige spanisch singende Ensemble hält ein gutes Niveau in dieser sonst nur bieder nacherzählenden Inszenierung von Emilio Sagi (Bühne: Daniel Bianco, Kostüme: Pepa Ojanguren) im Festspielhaus von Erl.

Die Musik von Kolonovits aber bietet ganz entgegen dem aufregenden, verstörenden Stoff nur passables Arrangier- und Instrumentationshandwerk. Auf der Basis einer weich konturierten Grundsentimentalität lassen sich mühelos Puccini- oder Strauss-Anleihen im Musicalton heraushören, aber nichts Originelles.

Ein brisanter Stoff wird zu bloßer Gebrauchsoper

Für die dramatischen Höhepunkte, etwa als die Äbtissin dem Richter den Seidenschal übergibt, an dem Ribas seine wahre Identität erkennt, oder die Begegnung der Brüder oder gar für das Finale fällt Kolonovits nichts ein, was der Wucht der Szenen entspräche. Weder Schärfen noch bezwingende Steigerungen, weder schockartiges Innehalten noch Phrasen, die nach knapp drei Stunden Musik im Ohr blieben.

Am besten gelingen die Massenszenen, am schwächsten geraten intime Ensembles. Das Orchester unter David Giménez schlug sich brav durch die Partitur, die einen brisanten Stoff nur in eine gefällige Gebrauchsoper verwandelt. Daran kann auch der wie alle andern mit Ovationen gefeierte Weltstar José Carreras nichts ändern.

© SZ vom 11.08.2014/tgl

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