Klassik-CDs:Geisterbeschwörer

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Neue Aufnahmen von Étienne-Nicolas Méhul, Tomás Luis de Victoria und Schuberts "Winterreise".

Von Reinhard J. Brembeck

Im Dezember 1811, Napoléon und Marie-Louise hatten gerade geheiratet, erlebte das Brautpaar einen grandiosen Misserfolg mit: der Uraufführung von Étienne-Nicolas Méhuls Oper "Les Amazones" in der Pariser Opéra. Der kränkelnde Komponist, einer der bedeutenden Frühromantiker und Opernkomponisten, war verzweifelt, er starb sechs Jahre später. François-Xavier Roth ist ein neugieriger Dirigent, er ist Musikchef der Kölner Oper und hat ein eigenes Ensemble Les Siècles, das mit dem zu den Stücken passenden Instrumentarium spielt. Roth hat "Les Amazones" schon vor fünf Jahren wiederentdeckt, jetzt hat er die Ouvertüre aufgenommen, ein traditionelles, aber leidenschaftlich auffahrendes Stück, das, einmal gehört, den Misserfolg der Oper unverständlich scheinen lässt. Aber vielleicht taugt einfach der große Rest der Oper nichts. Roth kombiniert die Ouvertüre mit der ein paar Jahre zuvor entstandenen "Eroica" von Ludwig van Beethoven, deren Klang er anraut, auffächert, durch Beben und Leidenschaften belebt. Das ist dunkel, aufrührend, packend. Wunderbarerweise kann das Méhul-Stück neben Beethovens Klassiker bestehen. (Harmonia Mundi)

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Manche großen alten Musikstücke entziehen sich dem heutigen Hörer, weil sich die Aufführungsbedingungen grundsätzlich gewandelt haben. Gerade Kirchenmusik erträgt den Umzug in den Konzertsaal nur schlecht, dort fremdeln selbst Johann Sebastian Bachs Passionen. Noch viel verschreckter reagiert im Konzertsaal die Sakralmusik aus der Umbruchszeit von der Renaissance zum Barock, Claudio Monteverdis Marienvesper oder der aus 37 Einzelstücken montierte Karwochenzyklus von Tomás Luis de Victoria. Das ist ein Meister aller Meister, und sein 1585 in Rom publiziertes "Officium hebdomadæ sanctæ" ist sein größtes Meisterwerk. Aber welche Musiker schaffen es schon, dreieinhalb Stunden Vokalmusik so aufzuführen, dass die Hörer begeistert und zunehmend verzaubert zuhören wollen? Wohl nur Jordi Savall mit seinen Truppen La Capella Reial Catalunya und Hespèrion XXI. Der unermüdliche Musikentdecker, Gambist, Dirigent und Philosoph Savall wird demnächst 80 Jahre alt, und sein vor drei Jahren bei den Salzburger Festspielen in der Kollegienkirche mitgeschnittenes und überbordend informativ betextetes 3-CD-Album "Passion" (AliaVox), unter diesem Titel ist das Victoria-Werk hier vollständig versammelt, zieht die Summe von Savalls Können und Wollen. Viele nicht in der Partitur notierte Instrumente spielen mit, der Klang ist warm, dunkel, meditativ, ein leichter Zug verbindet die Nummern zu einem großen Ganzen, das keinerlei Exzesse kennt, nie Virtuosität ausstellt, aber immer Sinn, Gnade, Versöhnung und reine Schönheit atmet: atemloses Staunen.

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Junger weißer Machomann wird von Frau abgewiesen, zergeht vor Selbstmitleid und flieht in die Einsamkeit fern von Zivilisation und Hochkultur. So lässt sich Franz Schuberts "Winterreise" zusammenfassen. Trotz seiner offenbaren Frauenfeindlichkeit ist dieser 24-Lieder-Zyklus ein Klassiker geworden, weil Schuberts Musik keine Geschlechterzuordnung vornimmt: Jeder abgewiesene Mensch findet hier Vertrautes. Leider ist die "Winterreise" in der Nachkriegszeit zum Spielball von Baritonsängern geworden. Die mittlere Stimmlage aber gemeindet diese Lieder allzu sehr im Normalen ein. Nur wenn ein, das wollte Schubert so, Tenor singt, wird klar, wie sehr Gefühl und Welt des Winterreisenden zerdeppert sind. Erst recht bei Markus Schäfer. Dessen Stimme ist mühelos, sie strahlt, sie sehnsüchtelt, sie visioniert, verführt, verschattet, bricht und verzweifelt immer wieder. Der wunderbare Tobias Koch am Hammerklavier fügt immer wieder Ausschmückungen ein, auch Schäfer singt welche, die Artikulation ist oft unvertraut und trotzdem sinnvoll. Beide stupsen so den vertrauten Einstünder aus den gewohnten Hörbahnen, sodass viele Momente überraschen und sich eine bei dieser Musik verloren gegangene Frische zeigt. (Avi-Music)

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Wenn Instrumentalmusiker singen (Komponisten fordern das heutzutage gern mal), dann ist das problematisch. Wenn aber der Geiger Ilya Gringolts singt, dann ist das genauso ein Vergnügen wie sein Violinspiel in dem Zehnminüter "Drei kleine Szenen" von Heinz Holliger. Zupfen, Klopfen, Ploppen, Huschen, Folkloreanklänge, Flageoletts, Trauertanz: Alles fügt sich in dieser leichten Musik zu einer fantastischen und durchaus romantischen Mikro-Oper, die allein durch die Titel angedeutet wird: "Ciacconina", "Geisterklopfen", "Musette funèbre". (BIS)

© SZ/sus
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Filmstills aus "Basic Instinct" (DVD- und Blu-ray-Start am 17.6.21); © Studiocanal (auch online)

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