Joni Mitchell zum 70. Geburtstag Sensible Königin

Joni Mitchell blickt auf ein reiches Leben zurück: Sie lotete alle Räume zwischen Liebe und Freiheit, Illusion und Erfahrung aus, um doch oft nur ratlos zurückzubleiben.

Sie verzückte Scharen einfühlsamer Menschen, aber auch Egoshooter: Ohne die Folksängerin Joni Mitchell wären all die erfolgreichen Frauen an Gitarre oder Klavier vom Schlage einer Alanis Morisette heute nicht denkbar. Jetzt wird die kanadische Wahl-Kalifornierin 70.

Von Jörg Feyer

Es fällt schwer, sich diese Frau als "nur irgendeine Folk-Sängerin" vorzustellen, die sich "was zu rauchen und die nächste Pizza" zusammenspielt. Wenn sich Joni Mitchell selbst so beschreibt, dann ist das nicht nur Koketterie. Zu nah geht ihr der Vorwurf, sie habe Mitte der Sechzigerjahre für die Karriere ihr Kind zur Adoption freigegeben.

"My child's a stranger, I bore her but I could not raise her", sang Mitchell 1982 in "Chinese Café", 15 Jahre bevor sie und Tochter Kilauren Gibb doch noch zusammenfanden.

Auch die Kurzehe mit US-Folksänger Chuck Mitchell wurde zur neurotischen Triebfeder eines Frühwerks, das heute noch in den Bann ziehen kann. Auf ihren sechs Alben bis "Court And Spark" von 1974 lotete sie alle Räume zwischen Liebe und Freiheit, Illusion und Erfahrung aus, um doch oft nur ratlos zurückzubleiben.

Samt der selbstgemalten Cover projizierte sie dabei ebenso viel Anmut wie Chuzpe. Die "Königin ohne König" (wie sie Led Zeppelin in einem Song huldigten) verzückte Scharen sensibler Menschen. Doch auch ein Egoshooter wie Morrissey fand nichts dabei, erst in sein Mitchell-Lieblingsalbum "Blue" abzutauchen und dann ins Sex-Pistols-Konzert zu gehen.

Der Brite durfte die Wahlkalifornierin aus der westkanadischen Provinz später sogar interviewen, und führte sie dabei aus dem gönnerhaften Gender-Ghetto des "female songwriter" heraus. Nie explizit als Feministin unterwegs, blieb Mitchell die Frau, die doch immer nur, wie sie 1991 sang, "aus der Kälte reinkommen" wollte.

Kontakt mit der Welt nur über das Telefon

Auch wenn es heute schwer vorstellbar ist: All die Frauen an Gitarre oder Klavier, die Shawn Colvin auf der einen und Alanis Morisette auf der anderen Seite, wären ohne sie kaum denkbar. Aber auch ein Prince horchte sich seine abenteuerlicheren Akkordfolgen und gewagteren Harmoniesprünge bei ihr ab, nicht bei James Brown.

Heute lebt Joni Mitchell zurückgezogen als muntere Kulturpessimistin, die nur über Telefon Kontakt mit der Welt hält. Modernere Kommunikation hält sie für "an evil thing in the big picture".

Selbstgemaltes umgibt sie daheim in Bel Air. Ihre Musik spielt sie nur noch selten, so wie bei dem vorgezogenen Geburtstagsfestival in im Juni, als Fans und Stars sie in Toronto feierten. An diesem Donnerstag wird sie aber wirklich 70 Jahre alt.