Koreanische Ritualmusik:Niemand kann uns was

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Koreanische Ritualmusik: Tänzerinnen und Musiker führen das alte koreanische Ahnenritual auf.

Tänzerinnen und Musiker führen das alte koreanische Ahnenritual auf.

(Foto: National Gugak Center/NGK)

An Koreas Königshof gab es ein faszinierendes Ahnenritual mit Tanz und Musik, das heute noch gespielt wird. Das Gugak Center ist damit gerade auf Deutschlandtournee.

Von Reinhard J. Brembeck

Die Bühne des Münchner Prinzregententheaters wirkt wie die Außenstelle eines ethnologischen Museums, das seine koreanische Musikinstrumente präsentiert. Hinten stehen in Reih und Glied vier Gestelle mit Glocken, Steinen, Metallstücken. Vorne liegen auf dem Boden riesige Zithern, rechts davon eine Riesentrommel, und schon beginnt der Aufmarsch der Musiker. Gemessen schreiten sie einher, in alten roten Gewändern, mit schwarzen Hauben. Sie spielen Zweisaiter, Doppelrohr- und Bambusquerflöten, Gong und Holzkastentrommel. Die Namen der Instrumente sind Chuk und Bak, Geomungo und Jingo, Janggu und Haegeum, sie sind in keinem westlichen Orchester zu finden. Später kommen Tänzerinnen und Tänzer dazu, die gemessen majestätisch minimalistische Bewegungen ausführen, während das Orchester herrlich ausschwingende Melodien spielt, die von zwei Sängern aufgegriffen und gelegentlich modifiziert werden.

Alles ist feierlich und staatstragend. 1564 wurde dieser musikalische Part eines Rituals erstmals aufgezeichnet. Damals war er zentrales Element des Ahnenrituals, das mehrmals jährlich aufgeführt wurde. Koreas Königshof beging es am Jongmyo-Schrein im heutigen Seoul, um seine Vorfahren zu ehren und sich selbst zu feiern. Die Ritualmusik heißt Jongmyo Jeryeak. Sie wird noch immer aufgeführt, obwohl die sich darin spiegelnde Dynastie der Joseon schon 1910 nach 500 Jahren Herrschaft endete, als die Japaner Korea zur Kolonie machten. Japaner kommen schon in den alten Texten nicht gut weg, genauso wenig faule Beamte, während die Herrscher als Vorbilder gefeiert werden. Dieses Ahnenritual verbreitet einen meditativ strahlenden Optimismus, nach dem Motto: Wir sind wer, und niemand kann uns was.

Solche Rituale aus dem gelebten Alltag herausgelöst schmecken nach Museumspädagogik

Ahnen spielen im modernen christlichen Bayern eine eher untergeordnete Rolle, die Bräuche zu Allerheiligen und Allerseelen sind im Abklingen. Die Verbindung von Totengedenken und Politik ist noch am ehesten in den Fronleichnamsumzügen greifbar. Man stelle sich also vor, solch eine bayerische Fronleichnamsprozession würde in einem koreanischen Konzertsaal gegeben werden. Das mag abstrus erscheinen, macht aber klar, dass solche Rituale aus dem gelebten Alltag herausgelöst nach Museumspädagogik schmecken. Ein Konzert und ein Tanzabend aber ist es auch, denn Musik und Tanz werden hier gnadenlos dem politischen Zweck unterworfen.

Daran kann und will die Nonchalance und Brillanz der Musiker des Gugak Zentrums nichts ändern. Das Institut ist der Nachlassverwalter der großen koreanischen Musiktraditionen. Deren Tournee feiert jetzt das vor 50 Jahren geschlossene deutsch-koreanische Kulturabkommen. Am Ende gibt es in München großen Jubel für die Koreaner, auch weil sie gegen den tristen Herbstalltag ihr Publikum eine Stunde lang in eine ferne bunte und geordnete Klang- und Tanzwelt entführt haben.

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