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Französische Literatur:Siebenmal leben

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Für den Roman "Die Wohlgesinnten" erhielt er 2006 den Prix Goncourt: der französisch-amerikanische Autor, Journalist und Filmemacher Jonathan Littell.

(Foto: Anne-Christine Poujoulat/AFP)

Jonathan Littells neuer Roman wiederholt immer wieder aufs Neue die gleiche Sequenz.

Von Joseph Hanimann

Ein paar letzte Schwimmzüge, dann ein energischer Schwung aus dem Wasser auf den Beckenrand und die Figur steht wassertriefend vor uns. Kaum getrocknet und angekleidet, macht sie sich davon durch einen grauen Flur und verschwindet durch eine Tür in ihrer Lebenswelt: ein Haus mit Garten, ein Hotelzimmer, eine belebte Straße, ein Niemandsland. Und dies siebenmal nacheinander.

Siebenmal hintereinander folgen wir in diesem Buch demselben Ereignisablauf. Auftauchen aus dem Wasserbecken des Hallenbads, Losrennen durch einen Flur, Ankommen im Haus mit den zur Schlacht aufgestellten Bleisoldaten im Kinderzimmer, einer Katze, die um die Beine streicht, einer Reproduktion von Leonardos "Dame mit dem Hermelin" an der Wand, Musik "Don Giovannis" aus dem Salon. Und doch gelangt man jedes Mal in eine andere Geschichte. Mal ist die Erzählfigur ein Mann, mal eine Frau, mal ist sie älter, mal jünger. Mal befindet sie sich zu Hause sofort beim Liebesakt im Bett, mal im Ehekrach. Mal ist Krieg, mal Frieden.

Es ist in diesem Buch, als würde ein einziger Erzählstrang in ein Spektrum unterschiedlicher Fäden aufgedröselt. Ein festes Lebensmuster verrutscht zur offenen Kombinatorik, eine Figur läuft Stafette durch ihre möglichen Lebensläufe. Ein Roman macht sich zum Hologramm seiner selbst. Ist das nun ein literarisches Experiment? Ein Spiel mit den Formen in der Art Arno Schmidts oder Georges Perecs? Der Versuch eines kubistischen Erzählstils mit Vielfachperspektive?

Der Roman oszilliert zwischen Bilderflucht und Statik eines Flügelbilds

Es ist der erste Roman Jonathan Littells seit seinem internationalen Bestseller "Die Wohlgesinnten" über den SS-Offizier Maximilian Aue von 2006. Nicht aber sein erstes erzählendes Buch. Unter demselben Titel "Eine alte Geschichte" erschien 2012 ein Band von ihm. Er enthielt bereits zwei Sequenzen des Emporsteigens aus dem Schwimmbecken und des Losrennens ins eigene Leben.

Nach dem Erscheinen jenes Bandes habe sich jedoch herausgestellt, dass der Stoff für ihn noch nicht erledigt sei, dass er weiter in ihm rumorte, erklärte der Autor beim Erscheinen dieser "neuen Version". So habe er nicht anders gekonnt, als sich noch einmal hinzusetzen und weiterzuschreiben, nicht einfach als Fortsetzung, sondern als Weiterschreiben der ganzen Geschichte.

Was ändert es aber, ob eine jeweils immer wieder andere Figur zweimal oder siebenmal aus dem Wasser steigt? Der Unterschied ist vergleichbar mit dem zwischen einem zwei- und einem siebenflügeligen Tafelbild. Was sich ändert, ist der Gesamteindruck. Man hat nicht mehr einen Doppelflügel, sondern ein Panorama vor sich. Gleichzeitig erinnern die Sequenzen in der mehrfachen Wiederholung an ein Daumenkino mit dem immer selben Bewegungsablauf. Und in dieser Spannung zwischen einer kinematografisch sich jagenden Bilderflucht und der Statik eines Flügelbilds oszilliert der ganze Roman.

Man glaubt hinter dem Dauerspurt durch die austauschbare Alltagswelt die Schablonen unserer individuellen Selbstverwirklichungswünsche zu erkennen: Fit bleiben, elterliche Verantwortung tragen, Berufsziel erreichen, amouröse oder sonstige Eskapaden ins Leben einbauen. Plötzlich erstarrt die Bewegung durch die stete Wiederholung aber im Abstrusen, Fremdartigen, Grotesken.

Das seltsame Verfahren könnte reizvoll sein, ist aber vor allem monoton

Das vermeintlich Eigene ist nur die wechselnde Spielform eines Verhaltensmusters mit dem Gewinde eines ewigen Umgangs. So könnte man sich die tiefere Bedeutung dieses seltsamen Buchs zusammenreimen. Vorgeführt wird ein Stück vorgestanzter Lebenszeit, das durchzogen ist von jähen Anläufen zum Ausbruch, wie die Zuckungen eines Hundes an der Leine beim immer selben täglichen Rundgang.

Das könnte reizvoll sein wie das Abhören einer altbekannten Melodie auf der Schallplatte, auf der die Nadel manchmal ein paar Rillen verrutscht. Dieser in die Länge sich ziehende Roman neigt jedoch in der Wiederholung mitunter zur Monotonie. Statt der Zuckungen des Ungewissen drängt sich beim Lesen der Eindruck von Gleichförmigkeit auf. Der siebenfache Parcours der Erzählfigur führt eher ins Klischee als in den Horizont einer Geschichte. Obwohl die Figur in der Ich-Form spricht, wirkt sie, als wäre sie ferngesteuert. Alles, was mit ihr geschieht, erscheint wie durch ein Mikroskop oder durch ein Fernrohr betrachtet: faktisch, klinisch, kalt. Das durchgehende Imperfekt verstärkt diesen Effekt, als verfolgten wir die fortlaufende Genmutation eines Lebewesens der Gattung "Mensch", das so etwas wie Verworrenheit und Geheimnis nicht kennt und das für die Erfahrung von Schicksal unempfänglich bleibt.

Dank dem Übersetzer liest sich das in der sprachlich subtil aufgerauten deutschen Fassung etwas lebendiger als im glatten französischen Original, die Sache bekommt sogar Profil. So dreht man, bald vorwärts, bald rückwärts blätternd, weiter am Gewinde dieses seltsamen Romans und staunt, wie viel Ungeheuerlichkeit nach wie vor in einer so alten Geschichte wohnt.

© SZ vom 03.07.2019

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