Amerikanische Literatur Das Monster im Turm

Jonathan Lethem erzählt in "Der wilde Detektiv" von einer Quasselstrippe, verfeindeten Aussteigern, einem behaarten Mann mit Schweigeversprechen und dem Präsidenten-Horror.

Von Hubert Winkels

Wer ohne Unterlass redet, jammert und lamentiert, deutet und die Deutung deutet und alles volltextet und alles voll Texten sieht, bis sich die Kondensstreifen im Himmel über New York vor Bedeutung krümmen, der muss zum Psychiater - oder er stammt von einem ab. Logorrhö ist die Privilegiertenkrankheit der Ostküstenintelligenzija. Siehe Woody Allen. Doch was tun? Wen adressieren? Wohin mit dem redenden Ich? Dahin, wo nichts ist, nichts von Bedeutung jedenfalls. "Da ist nichts da da" erklärt die junge redemanische Journalistin Phoebe Siegler ihrer Facebook-Freundin Stephanie, um ihr zu sagen, dass sie in den uplands an den Rändern von Los Angeles untergekommen sei, in der "nichts da da"-Zone zwischen Bergen, Meer und Wüste, am Rande der wüsten Stadt, an ihren wilden Rändern, an den wilden Rändern der Welt, den "wild edges", wie es im "wilden Detektiv" immer wieder heißt. Phoebes Eltern sind beide Psychotherapeuten.

So richtig Lust hat Jonathan Lethem nicht, die Anamnese des psycholingualen Defekts zu betreiben, zu satt spielt er ihm in die Karten, denn sich beim Reden und Erklären selbst zu überholen, hat seinen Romanen schon immer den besonderen Schwung gegeben, besonders seinem berühmtesten, "Motherless Brooklyn", mit dem tourettegeplagten Erzähler Lionel Essrog. Seine Helden und Erzähler sind schwatzende elternlose Selbsterzeuger in Permanenz. Sie leben in den Bildern und Codes der US-amerikanischen Popkultur, und es kann nicht schaden, Comics und Cartoons, Grunge und Grinch, "True Detective" und "Der Planet der Affen" zu kennen wie das eigene Jugendzimmer, um einen gewissen Genuss daraus zu ziehen; und manchmal auch schöne Literatur, fantastische und detektivische, die von J. R. R. Tolkien und Raymond Chandler.

So richtig lange hält Lethem sich nicht mit Phoebes Geschichte auf, die unserer Begegnung mit ihr im wüsten Büro eines düsteren Detektivs am Stadtrand von LA vorausgeht. Er berichtet im Schweinsgalopp von Phoebes New Yorker Karriere im Juste Milieu des linksliberalen Kultur-Bürgertums. Sie hat bei einer Literaturzeitschrift gearbeitet, bei einem öffentlichen Radiosender, für eine Zeitung. Zu Hause auf dem Klo stapelten sich die Ausgaben des New Yorker. Mehr braucht es nicht, um auf die zu zeigen, die Trumps Wahlerfolg fassungslos gemacht hat, um nicht zu sagen: sprachlos. Und das ist auch schon die Pathogenese in nuce: verfeinertes liberales Gerede und der Einbruch des machistischen Ungeheuers (Trump/Sauron) als komplementäre Phänomene. "Ich machte meiner Stadt Vorwürfe, das Monster im Turm hervorgebracht zu haben und jetzt nicht mehr besiegen zu können. Meine Fluchtroute hatte ich schon festgelegt ...".

Man versteht schon, warum Lethem so schnell an den "wilden Rändern" ist. Er muss nur das "orangefarbene Monster" erwähnen, und los gehts auf die eskapistische Bahn: innerpsychisch oder in die reale Wüstenei oder eben beides. Der Roman beginnt mit der Präsidentschaftswahl Anfang November 2016 und hat seinen Höhepunkt in den Tagen der Inauguration. Man könnte den "wilden Detektiv" auch einen President-elect-Roman nennen und würde Lethem damit sicher einen Gefallen tun, denn er schert sich sehr darum, seinem aus dem Ruder gelaufenen Roman das legitimatorische Präsidenten-Horror-Siegel aufzudrücken. Das kann man auch eine Art von Machtmissbrauch nennen. Von jetzt an sind wir lesenden Erklärbären Monsterjäger in allegorischen Settings, Trump-Folgen-Abschätzer.

Das kommt zu voller Ausprägung, wenn sich zwei Hippiehorden in der Mojavewüste feindlich gegenüberstehen: die Hasen und die Bären, Erstere vornehmlich weiblich kommunenhaft, mit Kindern und ein paar Männern, die sich kümmern; die anderen toxisch-männlich, behaart, gewaltsam, Hells Angels mit Pfadfinderkompetenzen im Kirmesbärenkostüm.

Und mittendrin die zivilisationsflüchtige Quasselstrippe namens Phoebe und der seinerseits bärig behaarte wilde Detektiv Charles Heist, ein cowboyhaftes Bild von einem Mann, bei dessen Anblick Phoebe dahinschmilzt, weil er das Versprechen auf starke männliche Schweigsamkeit sendet.

Was ist das nun, was sich da tierallegorisch aufbrezelt und bekämpft: Die roten und die blauen Wähler in den USA? Zwei Fraktionen der Republikaner? Das Hillary-Clintonsche Ostküstenestablishment gegen den Mittleren Bärenwesten? So mag man munter deuten, allein die wilden Fantasien vom wilden Mad-Max-Westen ziehen eigene Spuren im Wüstensand: abbrechende, grenzwertige, zweideutige, absurde. Spuren im Nichts, "Da ist nichts da da".

Phoebe also mit Charles Heist, dem virilen Räuber ihrer flatterhaften Rede, unterwegs in den verheerten Zonen der post-achtundsechziger Hippie-Utopien. Ohne Wlan, ohne Telefonverbindung, dafür mit Trommeln in der Nacht und einem Ritualmordpärchen in einer Senke auf dem Berg, wo sich Bär und Hase gute Nacht sagen. Denn die beiden jungen Körper mit durchgeschnittenen Kehlen liegen da im zerfetzten Hasen- und Bärenkostüm. Ein veritabler Kriminalfall. Charles Heist übernehmen Sie! Aber nein, hier sind wir im psychedelischen Albtraum, im Aussteiger-Absurdistan, in einer lausigen, lustigen Dystopie mit weißen und braunen Fellohren. Der wilde Detektiv wird hier vielmehr als Faustkämpfer gebraucht, der in der Lage ist, bei einem Kampf um den Königsthron der Bären seinem riesigen Feind in der staubigen Arena mit einem Stein das Auge auszuschlagen und durch die Augenhöhle direktemang ins Gehirn zu fassen.

Die eigentliche Detektivgeschichte hat sich auf diesem Actiongipfel des Romans bereits verflüchtigt, aus Leserperspektive: als uninteressant erwiesen. Phoebe ist nämlich nach LA gereist, um Arabella, die verschwundene Tochter einer mütterlichen Freundin, zu suchen. Dass Arabella sich überall als Phoebe ausgegeben hat, trägt nur nach, was wir längst wissen, dass sie nur eine andere Gestalt von Phoebe selber ist. Diese nämlich ist auf der Suche nach sich selbst - und einem Mann -, und holt sich bald schon selbst ein. Wenn Phoebe dann eine Arabella bei den hasig-bärigen Wüstenfüchsen auftut und in einem kurzen Romanabstecher nach New York ihrer Mutter zuführt, ist jede detektivische Lust längst erloschen. Es zählt der Bär.

Man ahnt aber, dass Lethem ursprünglich etwas anderes gewollt hat in diesem Roman. Er hat es auch gelegentlich benannt. Er wollte einen Roman über die Situation der Geschlechter in den USA schreiben, einen satirischen zweifellos, als ihm der Trump-Überfall dazwischen kam. Dieser hatte offenbar die Wirkung eines Keulenschlags auf den Hinterkopf, wie Katy Waldman im New Yorker meint. Doch leider wird die Geschichte auch nicht besser, wenn man sich die Entwicklung ohne die Präsidenten-Zentrierung ansieht. Phoebe ist bei allem Redefuror immer als das arme Häschen sichtbar, das in starken behaarten Bärenarmen von seiner sinnlosen Sinnproduktion befreit werden möchte. In diesem Sinne gibt es ein Happy End, wenn der stark verletzte Heist, als er merkt, wie Phoebe bei einem Zufallstreffen mit ihrer Freundin Stephanie und einem Installationskünstler wieder in ihr Ostküsten-Gerede fällt, sie mit starker Hand umklammert und wortlos hinwegführt.

Der hier aktuell amtierende kritische Erklärbär sieht da eine gewisse maliziöse Absicht am Werk, die sich dem Monster im Turm ergibt. Trump-Pathologie und soziale Geschlechterpathologie und Aussteigerpathologie ergeben zusammen noch keine gescheite Krankheit. Und eine weitere angebotene Lesart des Romans rettet diesen so wenig wie die Laune des Lesers. Phoebe, so heißt es zwischendurch, sei im Auftrag der Premiummedien von der Ostküste unterwegs, um aus dem "heart of darkness" zu berichten, auch mit literarischen Mitteln. Wenn dieser Roman von Jonathan Lethem das Ergebnis ist, dann darf er als verweht und versandet in seiner eigenen Geschwätzigkeit gelten.

Jonathan Lethem: Der wilde Detektiv. Roman. Aus dem Amerikanischen von Ulrich Blumenbach; Tropen Verlag, Stuttgart 2019. 335 Seiten, 22 Euro.