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Jonathan Franzen: Freedom:Bei dieser Party wird es eng

"Das Buch wäre wahrscheinlich unerträglich langweilig, wäre es nicht ein Werk von absolutem Genie": Der neue Roman von Jonathan Franzen berauscht Amerika.

Er ist sorgfältig unrasiert und wunderbar gefönt. Er betrachtet uns mit riesigen blauen Augen wie aus unendlicher Ferne. Seine vollen Lippen sind geschlossen wie die einer Sphinx. Dabei toben auf der Stirn wahre Stürme. Bald wird die Dunkelheit, die hinter dem Kragen seines asiatisch anmutenden Hemds aufsteigt, ihn ganz verschlucken.

Franzen erster Autor auf ´Time"-Titel seit zehn Jahren

Der erste Literat seit zehn Jahren auf dem Titel des US-Nachrichtenmagazins "Time": Joanthan Franzen. Im Jahr 2000 war Stephen King dort zu sehen.

(Foto: Time Magazine/dpa)

Bei dem Mann, dessen dramatisch umwölkte Brillanz auf dem Cover von Time so meisterhaft inszeniert ist, handelt es sich um keinen anderen als Jonathan Franzen, der vor neun Jahren mit "The Corrections" ("Die Korrekturen") den großen amerikanischen Erfolgsroman der Nullerjahre geschrieben hat.

Doch für Franzens düstere Miene gibt es keinerlei Grund: Schon zwei Wochen vor dem Erscheinungstermin von "Freedom", seinem ersten Roman seit den "Corrections", rollt in den USA ein beispielloser Hype um das Buch und seinen Autor an. In den nächsten Wochen wird man den großen Schweiger überall reden hören.

Dramatisch umwölkte Brillanz

Das Time-Cover, das erste seit zehn Jahren, das einen Schriftsteller zeigt, gab das Startsignal. Nun überschlagen sich auch die anderen großen Medien, um so schnell wie möglich ihre Glückwünsche zu überreichen. Bei dieser Party wird es eng werden.

Dabei wird Franzen die Leser keineswegs überraschen. Wie die "Corrections" handelt auch das neue Buch von einer stets knapp vor dem Zerreißen stehenden Mittelklassefamilie. Wie damals die Lamberts in St. Louis kämpfen nun auch die Berglunds in St. Paul mit den täglich neu unter der Tür ihres eigentlich so friedlichen Heims hindurch kriechenden Zumutungen der zeitgenössischen Welt. Alkohol und verbotene sexuelle Verlockungen, Irakkrieg und Überbevölkerung. Und Handys! Und Flip-Flops!

"Das Buch wäre wahrscheinlich unerträglich langweilig", schreibt denn auch Sam Anderson in seiner Rezension im New York Magazine, "wäre es nicht ein Werk von absolutem Genie".

Was so genial an "Freedom" ist, das fällt Anderson wie auch den anderen ersten Kritikern gar nicht leicht zu benennen: Michiko Kakutani nennt das titelgebende Leitmotiv in der Times "schwerfällig", auch der "verdrehte Dickensianische Plot" sei es nicht, was das Buch zu seinem "bisher am tiefsten empfundenen" mache, zu einer "spannenden Biographie einer dysfunktionalen Familie wie zu einem unvergesslichen Porträt unserer Zeit".

Es seien vielmehr die auf fast unheimliche Weise lebendigen Charaktere und Franzens einmaliges "Gespür für die Absurditäten des zeitgenössischen Lebens". Anderson ist derselben Ansicht: Wenige Autoren hätten Franzens Talent dafür, uns glauben zu machen, dass ein "rein textgeniertes neurales Muster in Wahrheit ein menschliches Wesen ist, das wir lieben, bemitleiden, hassen, bewundern oder eines Tages beim Einkaufen treffen können". Seine Charaktere, so preist er Franzen weiter, "springen über die Kunst-Wirklichkeit-Schwelle", bevor er zu einer hymnischen Würdigung seiner Erzählkünste anhebt: "Manche Sätze sind so gut geschrieben, dass man sie herauspflücken, auf kleine Spießchen stecken und essen will."

Unheimlich lebendig

Doch dass Verlag, Presse und Buchhandel alle derart einmütig auf Franzen setzen, hat nicht nur mit der Qualität seines Romans zu tun. Es sind ja Dutzende großartiger amerikanischer Romane erschienen in den letzten Jahren. Nur erfüllte eben keiner von ihnen die Sehnsucht nach jenem literarischem Kollektiverlebnis, das es zum letzten Mal gab, als - mitten in Trauer und Verwirrung nach dem 11. September - Millionen Amerikaner die "Corrections" verschlangen. Dieser große, demokratische Roman, der so anspruchsvoll wie süffig ist und die Nation der verbliebenen Leser endlich einmal wieder nicht einschlafen lässt, soll nun auch "Freedom" sein.

Franzen tut, was die meisten amerikanischen Schriftsteller vor langer Zeit aufgegeben haben. Zum Zeitpunkt ihrer historisch größten weltanschaulichen Zersplitterung will er noch einmal ein Bild von der Nation entwerfen, in dem sich noch der Letzte irgendwie wiederfinden kann.

In einer Zeit, da ein Teil seiner Kollegen sich zugunsten von Dokumentarprosa ganz von fiction verabschiedet hat, der andere seine Sujets in verbliebenen Nischen sucht, nimmt sich Franzen unerschrocken dem vermeintlich toten Zentrum an: middle America. Und er tut das in einem erzählerischen Modus, an dem die Realität in den Augen der meisten vor langer Zeit mit kreischendem Lachen vorübergezogen ist: dem guten alten Realismus mit seinem Vertrauen in elaborierte psychologische Porträts, der unter fadenscheinigem Kulissenmaterial verborgenen Präsenz des Autors und seiner raffinierten Suspense-Ökonomie, der sich der Leser lustvoll zu unterwerfen hat. Franzen schreckt nicht einmal davor zurück, immer wieder auf Tolstois "Krieg und Frieden" anzuspielen.

2010 ist das Jahr, in dem sich das digitale Buch in Amerika durchgesetzt hat. Hunderte von Buchhandlungen schließen, die Großkette Barnes and Noble taumelt, und Millionen von Amerikanern haben aufgehört, gedruckte Bücher zu kaufen - mit möglicherweise dramatischen Konsequenzen dafür, wie Bücher gekauft und gelesen werden. Auch diese Sorgen soll Franzens Buch beruhigen.

Es gibt sie noch, die guten Bücher: Mit "Freedom" wird die Literatur selbst gefeiert.

© SZ vom 17.08.2010/rus

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