"Jonas" im Kino Jeder Schulalbtraum relativiert sich

Augenblicke der Wahrheit, der Wirklichkeit abgerungen: In seinem Film "Jonas" verwandelt sich Christian Ulmen in jene gequälte Kreatur zurück, die er als 18-jähriger Schüler vielleicht einmal war. Dabei zwingt er echte Lehrer zur Offenbarung ihrer Berufsauffassung, die berührender ist als gedacht.

Von Tobias Kniebe

Hohe alte Doppelfenster, Wandfarbton Eierschale, Möbel Kunstkiefer. Dazu eine mickrige Stechpalme in der Ecke. Kein Zweifel, hier ist alles echt. Dies ist das reale Büro eines Brandenburger Schuldirektors. Und der Mann, dem es gehört, spielt darin auch die Rolle, die er immer spielt.

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"Jonas" im Kino

Den Albtraum Schule besiegen

Stell Dir vor, es ist Schule: Christian Ulmen hat sich auf den Versuch eingelassen und sitzt in "Jonas" noch einmal im Klassenzimmer. Der Kinofilm wurde sechs Wochen lang mit echten Lehrern und Schülern gedreht und relativiert unfreiwillig die Härte des Schulalltags.

Dr. Thomas Drescher leitet die Paul-Dessau-Gesamtschule in Zeuthen, und obwohl man hier nichts über seinen Hintergrund erfährt, erkennt man in ihm doch gleich einen Staatsdiener des zusammengewachsenen Deutschland: Ein akkurater Mittelscheitel mündet im graublonden Pferdeschwanz, eine warme Kumpelstimme wirbt um Verständnis. Sie erklärt die Regeln des Systems, in einfachen Worten, für Anfänger. Was aber diese Regeln auch gleich noch viel umstößlicher erscheinen lässt.

Ihm gegenüber sitzt der Schüler Jonas, der nun sein Urteil empfangen wird. Jonas ist 18 Jahre alt, er ist anderswo schon mehrfach durchgefallen oder rausgeflogen, aber die Paul-Dessau-Gesamtschule hat ihm eine letzte Chance gegeben. Seine Probezeit ist nun um - wird er weitermachen dürfen? Jonas lugt nervös durch seinen spätpubertären Haarvorhang, mit seinem bewährten Hundeblick: Bin hier nur der Kasper. Bin harmlos. Nicht böse sein kann.

Noch bevor der Schulleiter zur Sache kommen kann, nestelt Jonas an seinem Portemonnaie, fördert ein Bündel Euroscheine zutage, schiebt es in Richtung Schulleiter. "Das sind 5000 Euro", sagt er knapp. Und Dr. Pferdeschwanz nickt und lächelt milde im Gegenschuss, als wäre dies ein normales Ereignis, ganz im Rahmen des Schulalltags: "Hmmm. Haste heute morgen wohl frisch gedruckt?"

An dieser Stelle ist nun der Hinweis wichtig, dass der Schulleiter und seine Schule zwar echt sind, Jonas aber natürlich nicht. Jonas ist der Schauspieler Christian Ulmen, der hier seine eigene Art des Improvisationstheaters betreibt. Sein Film "Jonas" handelt von der Idee, sich mit 36 Jahren noch einmal den eigenen Schul-Albträumen zu stellen, sich in jene gequälte Kreatur zurückzuverwandeln, die man mit achtzehn vielleicht war. Der Film ist also eine Mischung aus Faschingsverkleidungsscherz und knallharter Sozialdokumentation.

Zum Mitspielen verpflichtet

Und nicht die erste von Ulmens Exkursionen in die Wirklichkeit. Er liebt es, sich vollständig im Denken und Fühlen einer selbsterfundenen Kunstfigur zu verlieren, mit der er dann zu den Menschen rausgeht. Mit seinem kongenialen Co-Regisseur Robert Wilde hat er dieses Konzept fürs Fernsehen entwickelt, ist dort auch schnell in den innersten Höllenkreis des Fremdschämens vorgedrungen: "Mein neuer Freund" hieß die erste, geniale, quälend peinliche Serie, dann gab es die Figur "Uwe" im Internet. International inspiriert ist das, von Sacha Baron Cohen und seinen "Borat"- und "Brüno"-Kamikazefilmen. Aber hier sind seine Intentionen wesentlich milder.

Der Bestechungsversuch im Direktorat zum Beispiel: Er ist nicht böse in dem Sinn, dass hier eine reale Entlarvung von Gier oder Korruption droht. Man vergisst es leicht, wenn man die Szene auf der Leinwand sieht - aber tatsächlich sind zwei Kameramänner und zwei Tonmänner ja mit im Raum, die jede Reaktion der Protagonisten aufzeichnen. Ulmen kennt das, aber Dr. Drescher? Der hat im Lauf des Films frappierend die erste Regel der Improvisation verinnerlicht: Was immer dein Gegenüber dir anbietet - erst einmal musst du mitspielen.

Das könnte nun leicht in fröhliches Laientheater ausarten, würde nicht gleich ein anderer, hochinteressanter Impuls sichtbar. Denn Drescher hat erkennbar zwar eingewilligt, an der Seite von Ulmen sich selbst zu spielen. Das heißt aber nicht, dass er zugleich seine Persönlichkeit, die Würde und Verantwortung seines Amtes, ja das ganze Schulsystem, für das er steht, dabei aufs Spiel setzen möchte - ganz im Gegenteil: Er will es kommunizieren. Das kann er nur mit seiner realen Persönlichkeit und seinen realen Überzeugungen tun, und diese bestimmen nun, wie er auf Ulmens Überraschung reagieren kann. "Sie haben mir gesagt, dass ein Schüler hier 5000 Euro kostet", erklärt Jonas alias Ulmen in der Bestechungsszene. "Ich kann das doch spenden." Dr. Pferdeschwanz Drescher zögert keine Sekunde. "Das brauchst du aber nicht", sagt er. "Und das können wir auch gar nicht annehmen." Warum nicht? Auch da kommt die Antwort mit leichtem Lächeln, praktisch ohne Nachdenken. "Weil Papa Staat schon ausreichend Geld hat, um den Schulbetrieb hier auch so zu finanzieren."

Berührend und schön

Und das ist dann wirklich enthüllend, es legt den Mann in seinem ganzen Denken und Fühlen bloß - ein Augenblick der Wahrheit, der Wirklichkeit abgerungen. Genau darum geht es Ulmen und seinem Team, und genau darum ist er - hinter seiner ewigen Clownsmaske, die er auch in Interviews niemals ablegt - einer der klügsten Filmkünstler im Land.

Das Bemerkenswerte an "Jonas" ist, wie viele solcher Momente der Wahrheit ihm gelingen - die man in ihrer ganzen Unplanbarkeit wirklich als Geschenke betrachten muss. Der strenge Mathelehrer mit der Physis eines Thilo Sarrazin, der allen Ernstes sauer wird, als er den Schauspieler-Schüler bei einer Klassenarbeit abschreiben sieht; die bullige Ethiklehrerin, die sich von Jonas in eine Kirche locken und letzte Fragen nach dem Glauben stellen lässt, mit denen sie selbst erkennbar ringt. Oder die weißhaarige Musiklehrerin, die sich weigern muss, im Klassenzimmer eine Flasche Champagner mit Jonas zu köpfen - obwohl sie das Angebot tatsächlich schmeichelt und rührt.

Schwer zu sagen, was bei diesem Großexperiment am Ende herauskommen sollte, und ob es überhaupt eine klare Intention dabei gab. Man kann aber sagen, was man jetzt sieht: Menschen, die festgelegte Rollen spielen, in einem Schulsystem, das oft als unmenschlich, hart und seelenlos beschrieben wird. Menschen aber auch, die - von Ulmen herausgefordert - offenbaren müssen, wie sehr sie diese Rollen mit Leben und Seele ausfüllen. Was da im Fall der Paul-Dessau-Gesamtschule zum Vorschein kommt, kann schließlich jeden Schulalbtraum relativieren: Es ist gar nicht hässlich, sondern berührend und schön.

JONAS, D 2011 - Regie: Robert Wilde, Christian Ulmen. Buch: Johannes Boss. Kamera: Frank Lamm. Schnitt: David Gruschka. Mit Christian Ulmen, Dr. Thomas Drescher. Delphi, 110 Minuten.