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John Malkovich in Wien:Casanovas Dämonen

Die Geschichte einer Selbstfindung: John Malkovich spielt in Wien den berühmtesten Liebhaber aller Zeiten, er singt und lächelt sein semidiabolisches Lächeln. Ein Probenbericht.

"Alle liebten, was Gutes an ihm war, und das Schlechte verziehen sie ihm", schrieb Lorenzo Da Ponte in seinen Memoiren über Casanova - die beiden waren sich in Venedig begegnet und trafen sich wieder in Wien und in Prag, und es gibt sogar eine Legende, nach der Casanova Da Ponte zur Seite gestanden haben soll, als er das Libretto schrieb zu Mozarts "Don Giovanni". Die Verbindung zwischen Casanova und den Mozart/Da Ponte-Opern liegt nahe. Und wenn man schon ein Stück zusammenfügt aus Don Giovanni, Così fan tutte, dem Figaro und Casanovas Erinnerungen, der Geschichte seines Lebens - dann ist Wien der beste Ort dafür, wo sich in den achtziger Jahren des 18. Jahrhunderts Da Ponte und Casanova wiederbegegneten, im Graben.

Actor Malkovich performs on stage during a dress rehearsal for the stage play 'The Giacomo Variations' in Vienna

Alle liebten, was Gutes an ihm war, und das Schlechte verziehen sie ihm: Gemeint ist Giacomo Casanova, hier verkörpert von John Malkovich (Bild). Der US-Darsteller spielt derzeit die Titelrolle in dem Wiener Bühnenstück  "The Giacomo Variations".

(Foto: REUTERS)

Nur ein paar hundert Meter weiter im Ersten Bezirk, im Ronacher, laufen seit Mitte Dezember die Proben zum Stück "The Giacomo Variations", das heute Abend uraufgeführt wird - mit John Malkovich als Casanova. Der steht nun morgens oben auf der Probenbühne des Ronacher zwischen den Fragmenten des Bühnenbildes, Bett, Frisiertisch und Kaffeetischchen, Casanovas zentrale Wirkungsstätten, von pompösen Rokoko-Röckchen überdacht. Weil es gleich losgehen soll, machen sich alle erst mal ein wenig warm, John Malkovich trällert also ein wenig vor sich hin. Malkovich singt? "Wenn Sie", sagt er mit seinem berühmten semidiabolischen Lächeln, "es so nennen wollen." Ein genüssliches Grinsen, ein bisschen weise und ein wenig sanftmütig mit einem Quäntchen Boshaftigkeit, ein Cheshirekatzengrinsen, das zur Not allein im Raum schweben könnte.

John Malkovich singt also "Viva la libertà" aus Don Giovanni, zusammen mit zwei echten Profis. Das Stück hat Michael Sturminger ihm auf den Leib geschneidert, der auch schon Autor und Regisseur war des musikalischen Dramas "The Infernal Comedy" über den Frauenmörder Jack Unterweger: Mit dem war Malkovich zuletzt auf Welttournee, gastierte auch bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen, und Martin Haselböck hat dazu die Musik ausgewählt und wird jetzt dirigieren. Alles wie beim letzten Mal, aber ein wenig leichter; dieser Casanova ist zwar am Ende seines Lebens, philosophiert über das, was er gelernt hat, und liebt ein letztes Mal.

Es wird dennoch kein trauriger alter Casanova sein, der der Vergangenheit nachhängt, sondern einer, der in seinen Erinnerungen schwelgt. "Indem ich mir die genossenen Freuden ins Gedächtnis zurückrufe", heißt es in "Histoire de ma vie", Casanovas Memoiren, "erneuere ich sie und genieße ihrer zum zweiten Mal; der Leiden aber, die ich ausgestanden habe und die ich jetzt nicht mehr fühle - ihrer lache ich." Die Memoiren sind Grundlage der "Giacomo Variations". Gemeinsam mit der Schauspielerin Ingaborga Dapkunaite, die abwechselnd die Frauenrollen übernimmt, und Malkovich sind zwei junge Sänger auf der Bühne, die die schwierigeren Gesangsparts übernehmen, Casanova ist nicht immer er selbst: Wenn er singt, wird er zu Don Giovanni und Almaviva, zu Figaro und Leporello.

In den beiden Casanovas auf der Bühne, Sänger und Malkovich, vermengen sich der junge und der alte Casanova, Szenen aus seinem Leben. "Der Ansatz beim Schreiben war: Was bleibt übrig, wenn man auf sein Leben zurückblickt?" In einer Szene erzählt der alte Casanova von seiner Kindheit, wie seine Großmutter ihm eine Geschichte vorlas, als er im Fieber dalag, und als er aufsah, hatte sie kein Buch."Die Szene gibt es so nicht in den Memoiren - das ist nicht Casanovas Großmutter, sondern meine", so Sturminger. Er hat eine Fiktion gesponnen aus dem, was in den Tausenden von Seiten steht. "Casanova ist die Geschichte einer Selbsterfindung, eine Selbstbehauptung in einer Welt, die dir nicht erlaubt, jemand zu sein, und schon gar nicht, autonom zu sein.

Bin ich schon wieder zu laut?

Casanova, der nicht adlig war und immer im Dienst stand, wollte sein eigener Herr sein: Das macht ihn zu einer modernen Figur", sagt Sturminger. "Natürlich war Casanova zu alt für die französische Revolution, aber Viva la libertà - das war sein Ding." Und das passt ja auch zu dem konsequent unkonventionellen John Malkovich. Haselböck, sagt er, habe Malkovich mit den Liedern eine Aufgabe gestellte, die sich meistern lässt: "Viele Rollen sind zu Mozarts Zeiten ohnehin von Schauspielern gesungen worden, sie waren nicht für Opernsänger geschrieben - und wir haben ihm solche Stücke ausgesucht." Ein etwas komischer Effekt ist dabei aber beabsichtigt. Allerdings ist es keineswegs so, als würde Malkovich im Chor untergehen, schon gar nicht bei Viva la libertà. "Bin ich", fragt er fröhlich, nachdem er ordentlich mitgeschmettert hat, "schon wieder zu laut?"

Malkovich, eine Theaterlegende, groß geworden mit der Steppenwolf-Truppe in Chicago in den Siebzigern, bevor er ein Filmstar wurde, verweist gern darauf, dass er das Kino im Gegensatz zur Bühne für eine relativ leblose Kunst hält - und selbst wenn man das Kino über alle Maßen liebt: Wer ihm je bei Theaterproben zugesehen hat, versteht, was er meint. Das Drehen von Filmszenen wird so von Technik bestimmt, dass das Spiel zwangsläufig in Einzelteile zerfällt, die ungestörte Präsenz, selbstvergessene Bewegung im Raum, das entsteht auf der Bühne. Und bei Proben kann man eben sehen, wie die Bewegung aus Improvisation sich verdichtet, den Wechsel in der Körperspannung zwischen Spiel und Pause - was mit der Präsenz, die Malkovich auf der Bühne hat, viel zu tun hat.

Da probiert er beispielsweise herum, wie er ein Sträußlein Kondome zerpflücken und dem Liebespaar im Himmelbett zuwerfen wird, scherzt dann ein wenig über die Klagen der Sopranistin, was ihre Großeltern wohl sagen werden, die sich das fertige Stück unbedingt ansehen wollen, und sagt dann - da ist wieder das ganz breite Cheshirekatzengrinsen: Beim Steppenwolf-Theater haben wir, wenn die Eltern von jemandem im Publikum saßen, erst so richtig losgelegt. Man kann sich lebhaft vorstellen, was das heißt, wenn er richtig loslegt, aufdreht, leidet, charmiert, einen rührt, die Bühne beherrscht. Ein langweiliger Casanova wird Malkovich bestimmt nicht; und sollte das viele Üben seinen Gesang doch nicht zu einer richtig großen Sinnenfreude gemacht haben - tja, dann muss man halt das Gute lieben und das Schlechte verzeihen.