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Neues zum 80. Geburtstag von John Lennon:Oh, Yolo

Beatle John Lennon and his wife Japanese Yoko Ono stage a pop concert in aid of the United Nations C

John und Yoko bei einem Unicef-Benefizkonzert 1969.

(Foto: imago/United Archives International)

John Lennon, der Wahnsinnskomponist und bestens geschulte nordenglische Komiker und Dazwischenquatscher, wäre dieser Tage 80 geworden. Bücher, Dokus, CD-Editionen rücken das Erbe des Lieblingsbeatles in neues Licht.

Von Joachim Hentschel

Einmal hat John Lennon ein Lied mit dem N-Wort im Titel gemacht und es sogar im amerikanischen Fernsehen gesungen. Im Mai 1972, da war er 31, wie heute Kevin Kühnert oder Marco Reus, und natürlich war die Sendung ein umstrittenes Ereignis. Wahrscheinlich guckten Millionen zu, hingen "an den Apparaten", wie es früher ja angeblich immer war, wenn irgendetwas lief, das auch nur entfernt mit den Beatles zu tun hatte. Moderator Dick Cavett verlas, auf Anweisung des Senders ABC, vorab eine Erklärung: Man wolle das afroamerikanische Publikum mit dieser Vorführung und dem besagten Wort auf keinen Fall beleidigen. Eine Trigger-Warnung, wie sie heute zur täglichen Etikette gehört.

Lennon, drahtig, in Schwarz, eher nicht high, argumentierte auf dem Talksofa dann erstaunlich differenziert, warum es eine feministische Geste sei, wenn er im Song die unterdrückte weibliche Weltbevölkerung mit schwarzen Sklavinnen vergliche. Der Slogan stamme von seiner Frau Yoko Ono, auch der schwarze Bürgerrechtler Ron Dellums habe ihnen sein Plazet dafür gegeben, es im Song zu benutzen. Über 600 Beschwerden gingen nach der Show ein, erzählte Dick Cavett später. Die Leute hätten sich aber nicht über das N-Wort-Lied aufgeregt. Sondern darüber, dass ABC ihnen offenbar nicht zugetraut hatte, den Kontext auch ohne Hilfestellung zu kapieren.

Vielleicht ist dieser Künstler mit seinem Polterliberalismus heute relevanter als je zuvor

Und bevor jetzt wieder irgendwer schlau anmerkt, wie angenehm und unverkrampft früher doch alles gewesen sei: Lennon und Ono wurden damals immerhin vom FBI beschattet, waren in ein bizarres Deportationsverfahren verwickelt, sollten, ein halbes Jahr vor Nixons angestrebter Wiederwahl, ganz aus den USA herausgecancelt werden. Das Gedankenspiel ist trotzdem interessant - wie würde einer wie John Lennon sich im Jahr 2020 medial schlagen? Lennon, der lang genug die politische Motivation seines Künstlertums so heilig vor sich hertrug, hätte doch geradezu chemisch reagieren müssen auf diese neue Art von digitaler Öffentlichkeit, auf das fast weltweite Großgewitterklima, die allgegenwärtige Provokation.

Am Freitag wäre er 80 geworden, und anders als mit den gerade skizzierten Fragen lässt sich gar nicht erklären, warum dieser posthume Geburtstag von einer solchen Menge an Neuveröffentlichungen und Kokolores-Aktionen begleitet wird. Anders, etwas plattfüßiger gesagt: Vielleicht ist Lennon mit seinem cholerisch-esoterischen Polterliberalismus heute relevanter als je zuvor.

So ist auf der Website der BBC seit dieser Woche ein fantastischer Podcast zu hören, in dem sich Lennons und Onos Sohn Sean mit Paul McCartney, Elton John und dem Halbbruder Julian über den Vater unterhält. Die Pay-TV-Sender Sky, Virgin und Freeview haben (ausschließlich fürs britische Publikum) einen Lennon-Kanal mit raren Dokumentationen ins Leben gerufen, und nur die Pandemie-Bedenken haben den Kinostart von "The Beatles: Get Back" verhindert, dem endgültigen Film über die letzten, beziehungsklimatisch besonders finsteren Monate der Band, den "Herr der Ringe"-Regisseur Peter Jackson aus altem Material zusammengeschnippelt hat (und der nun 2021 laufen soll). Dass Lennon schon 1980 ermordet wurde, bringt es mit sich, dass er selbst nie vor der Interviewkamera einer Dokumentarfilm-Crew saß und nichts mehr mitbekam von der großen Ära der Anthologisierung und Drittverwertung. Sie hätte ihm exzellent gefallen.

Lennon bleibt auch 2020 der Beatle, mit dem man sich identifiziert, wenn man bis zur allerletzten Wiedervorlage auf dem pubertären Recht beharrt, den allergrößten Mist zu bauen, impulsiv und sinnlos melancholisch zu sein. Der bestens geschulte nordenglische Komiker und Dazwischenquatscher, der mit "Strawberry Fields Forever" und "A Day In The Life" größten Anteil an den zwei besten Liedern der Beatles hatte.

Der gleichzeitig dumm genug sein konnte, jedem zweiten charmanten Quacksalber auf den Leim zu gehen und, so gut informiert sein politischer Aktionismus auch oft war, ein paar erstaunlich einfältige Songs zu Themen wie Demokratie, Pazifismus und Gefängnisaufständen schrieb. Vor allem begann er früh, die Trennung zwischen Werk und Privatleben demonstrativ niederzureißen, sich selbst zum Gegenstand seiner Kunst zu machen. Was eine gute Voraussetzung gewesen wäre, um mit der heiß und luftleer rotierenden Selbstbespiegelung klarzukommen, auf der heutige Prominentenexistenzen basieren.

Hier setzt die Londoner Journalistin Lesley-Ann Jones an, wenn sie im neuen, zum Geburtstag erschienenen Buch "John Lennon: Genie und Rebell" (Piper Verlag, 496 Seiten, 25 Euro) versucht, die übliche Story einmal von anderen Perspektiven aus zu erzählen. Sie wolle sich der oft genug akribisch bearbeiteten Biografie über diverse Außenwahrnehmungen nähern, über emotionale Eindrücke und vor allem weibliche Blicke, erklärt sie. Was eine exzellente Agenda sein könnte. In Lennons Leben gab es bekanntlich einige Synergien mit starken Frauen, die in der Historie am Ende doch wieder wie Randfiguren behandelt wurden.

Die Autorin scheitert dabei jedoch explosiv, was vor allem daran liegt, dass Jones - die ähnliche Bücher schon über Freddie Mercury, David Bowie und Marc Bolan geschrieben hat - ihre an sich redliche Mission als Vollmacht für komplette, boulevardeske Beliebigkeit missbraucht. Spekulative, zudem völlig belanglose Episoden wie Lennons angebliches Verhältnis zur Sängerin Alma Cogan oder die seit Jahrzehnten auf Niederniveau debattierte Frage, ob es im Urlaub mit Beatles-Manager Brian Epstein zu schwulem Sex gekommen sei (und wenn ja, wie oft), werden auf Kapitellänge hochgegeifert, windige Ferndiagnosen von Therapeuten aus ihrem Bekanntenkreis dürfen einfach so stehenbleiben. Dass Jones am Ende sogar dem Mörder Mark Chapman mehr Interesse entgegenbringt als Yoko Ono, der wichtigsten, faszinierendsten Frau in Lennons Geschichte, macht das Fiasko perfekt.

Diametral dagegen steht "John Lennon 1980: The Last Days In The Life" (Omnibus Press, 263 Seiten, ca. 17 Euro) des amerikanischen Beatles-Experten Kenneth Womack. Er repräsentiert hier freilich das Feindbild, den männlichen, korinthenkackenden Nerd - doch wundersamerweise glüht der Text, den er aus dieser Position heraus produziert hat, geradezu vor Leidenschaft und Lebendigkeit. Womacks Konzept: Er konzentriert sich auf Lennons Todesjahr und rekonstruiert es bis ins letzte verfügbare Detail. 1980 hatte Lennon in New York die Rückkehr aus der fünfjährigen Elternzeit beschlossen, im Duo mit Ono das Album "Double Fantasy" aufgenommen und veröffentlicht und nebenbei das Segeln entdeckt.

Die remasterten Stücke klingen, als sei jemand mit Glasreiniger zu Werke gegangen

Die Geschichte des vom Ruhm genervten Exzentrikers, den die überraschend zustoßende Muse sowie der hämmernde Neid auf musikalisch erfolgreiche alte Freunde zurück ins Rampenlicht drängen, bringt als Bonus noch eine triumphal plastische Anschauung davon, wie Lennons kreativer Prozess funktionierte. Im Finale schafft Womack - anders als Lesley-Ann Jones - das handwerklich-moralische Kunststück, alles zu Ende zu erzählen, ohne den Namen des Mörders ein einziges Mal zu nennen. Er verweigert Chapman explizit die Ehre, in Lennons Story mitspielen zu dürfen. So intensiv an die Nieren gehen Sachbücher wirklich nur selten.

Und auch die Musik wird zum Geburtstag frisch bewertet. Der Toningenieur Paul Hicks, inoffizieller Chef-Restaurator der Beatles-Bubble, hat 36 Lennon-Stücke nicht nur remastert, sondern aus den Originalaufnahmen der Stimmen und Instrumente neu gemischt. "Gimme Some Truth: The Ultimate Mixes", jetzt auf CD, Schallplatte und in Coffee-Table-Verpackung erhältlich, geht nicht allzu weit weg von den bekannten Versionen, klingt etwas dynamischer, genauer definiert, als wäre jemand mit einer guten Flasche Glasreiniger ans Werk gegangen. Zu den Spottliedern aus Lennons manischen Phasen passt das großartig. Bei Schmachtfetzen wie "Mind Games" vermisst man jedoch plötzlich den schlampigen Fluff, den bekokste, pornobärtige Tonmeister hier in den Siebzigerjahren hinterlassen hatten.

Die feministische Hymne mit dem N-Wort, von der am Anfang die Rede war, ist in dieser Zusammenstellung nicht enthalten, was man auch aus rein qualitativen Gründen nachvollziehen könnte. Lennon war ja selbst einer der raren öffentlichen Geister, die auch ohne Druck Fehler zugeben, von alten, wohlfeilen Meinungen zurücktreten.

Natürlich hätten wir ihn gern als weisen Pferdeschwanzgreis mit 80, der in Talkshows Boomern wie Millennials ordentlich übers Maul fährt. Aber die Möglichkeit, dass er längst mit dem Segelboot Richtung Bermuda abgerauscht wäre, sich heute hauptamtlich der Makrameekunst widmen und ab und zu für ein Filmteam über Beatles-Zeiten und die Revolution schwadronieren würde, ist fast noch größer. Und auch dieser Lennon fehlt. Shine on, geliebter Wirbelsturmkopf.

© SZ vom 10.10.2020
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