Zum Tod von John le Carré:Der Spion, der die Monarchie schrumpfen wollte

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John le Carre

Vorbildliche Manieren verbargen einen rebellischen Geist: John le Carré 2017 in Hamburg.

(Foto: Christian Charisius/picture alliance / Christian Cha)

Als junger Mann arbeitete er für den britischen Geheimdienst und lernte daraus viel für seine Karriere als Bestsellerautor: John le Carré, der Grautöne leuchten lassen konnte.

Von Sonja Zekri

Es gab da beispielsweise diese Begegnung mit Dima, dem russischen Paten. Die Sowjetunion war untergegangen und eine agile Verbrecherkaste aufgestiegen, in ihren Reihen eben jener Dima. John le Carré traf ihn in einem Moskauer Nachtclub, einer Art Amphitheater. Umgeben von Männern mit Handgranaten am Gürtel erwartete Dima ihn in der ersten Reihe, und weil das alles sehr eng und sehr steil war, blieb dem Briten nichts anderes übrig, als vor dem russischen Gangster auf die Knie zu gehen. Von einem Gespräch auf Augenhöhe zwischen den beiden Männern konnte also nicht die Rede sein, und dennoch zeigte Le Carré auch in dieser Position alles, was ihn als Zeitzeugen und Schriftsteller gleichermaßen auszeichnete - Freude an ungewöhnlichen Lebensentwürfen, ein optimistisches Geschichtsbild, Präzision im Detail.

Le Carré: Sie sind also ein Gauner?

Dima: In Russland sind alle Gauner.

Le Carré: Wie viel Geld besitzen Sie denn so? 50 Millionen Dollar, 100 Millionen?

Dima (schweigt geschmeichelt)

Le Carré: Die amerikanischen Gangsterbarone haben früher ebenfalls alle ausgeraubt. Aber dann haben sie Familien gegründet, Kinder und Enkelkinder bekommen, und schließlich mussten sie die Gesellschaft, die sie ausgeplündert hatten, selbst wieder aufbauen. Werden Sie das in Russland eines Tages ebenfalls tun?

Dima: (spricht sehr lange und aufgeregt auf Russisch. Carré versteht nichts.)

Le Carrés Übersetzer (zögernd): Ich fürchte, Mr. Dima lässt Ihnen ausrichten, dass Sie sich verpissen sollen.

John le Carré konnte Dutzende solcher Geschichten erzählen, von Präsidenten und Politikern, Künstlern und Kämpfern. Der russische Außenminister Jewgenij Primakow, ein Ex-Spion wie Le Carré, verrät ihm, dass in der englischen Abteilung des KGB die Le-Carré-Lektüre obligatorisch ist. Bei einer Recherche in Südlibanon trifft der Schriftsteller die jordanische Prinzessin Dina. Sie bringt ihrem Mann, einem palästinensischen Kommandeur, in ihrem Jaguar Pizza vorbei.

Wenn John le Carré in den letzten Jahren im Londoner Stadtteil Hampstead Besucher zum Tee empfing - er tat es nicht oft - dann saßen Jahrhunderte mit am Tisch, die Bösewichter (Kim Philby), die Opfer (des Krieges, des Brexit), vor allem aber die Uneindeutigen. Sie bildeten - auch in seinen Büchern - die größte Gruppe. Wer den schlecht gekleideten Melancholiker George Smiley als literarischen Superhelden etablieren konnte, der musste ein absolutes Gehör für menschliche Zwischentöne haben, auch, aber nicht nur in der Spionage. Es gibt nicht viele, die Grautöne so zum Leuchten bringen konnten, wie John le Carré es tat.

Als Schriftsteller schuf sich Le Carré jene Vaterfigur, die er nie hatte

Je länger man ihm bei diesen Besuchen lauschte, je tiefer er in Erinnerungen versank, desto offensichtlicher aber wurde auch ein Widerspruch. Wie passte dieses schummerige britische Reihenhaus mit Kamin und Porzellanfiguren zu dieser spektakulären Biografie? Wie passt Le Carrés formsichere Britishness zu seinen fast obszönen Ausfällen gegen den britischen Premier Boris Johnson ("saudumm") und dessen Entourage ("faschistisch")?

Vielleicht war es gar kein Widerspruch. John le Carré wurde 1931 als David John Moore Cornwell in Dorset in familiäre Verhältnisse geboren, die wenig Gutes versprachen. Die Mutter ließ den Jungen im Stich, als er fünf Jahre alt war. Der Vater, ein Hochstapler, war entweder im Gefängnis oder auf der Flucht. Immerhin besaß er Fantasie. Als er in Sankt Moritz seine Hotelrechnung nicht bezahlen konnte, gab er an, er habe beschlossen, das Haus zu kaufen. Seine Partys seien nur ein Test gewesen, um herauszufinden, ob der Service stimmt. Später schuf sich Le Carré jene Vaterfigur, die er als Kind nie hatte. Es war der graumäusige, aber zuverlässige George Smiley.

Mehr als zehn Jahre verbrachte der Junge aus Dorset auf Internaten, dann, mit 16, brach er aus, zog in die Schweiz und erschuf sich neu - als Deutscher. "Ich sprach so gut Deutsch, dass ich damals wahrscheinlich als Deutscher durchgegangen wäre", sagt er. In seinem letzten Buch "Federball" (2019) lässt John le Carré einen jungen Briten auftreten, Ed, der für die Deutschen eine schwärmerische Liebe hegt, ein "Deutschlandfieber". Sie seien die "besten Europäer", behauptet er, und zitiert sogar einen Satz, den er für Rilke hält: "Ich bin der Eine und bin Beide". Die Zeile stammt eigentlich von Stefan George ("Ich bin der Eine und bin Beide/ich bin der zeuger bin der schooss/Ich bin der degen und die scheide/Ich bin das opfer bin der stoss"), ist aber trotzdem ein Kompliment. Ed gehört der entwurzelten Generation der Johnson-Ära an, emotional ähnlich verwahrlost wie einst Le Carré. Beide, die literarische Figur und der junge Brite, sind leichte Beute für den Geheimdienst, denn dieser bot Heimat, Anleitung, Aufgabe. Bis 1964 arbeitete Le Carré für den britischen Geheimdienst, aber im Dämmerlicht seiner Wohnung in Hampstead verrät er davon einzig, dass er aus Österreich Agenten in der russischen Zone gesteuert habe.

Die fröstelige Grundparanoia passte perfekt in die Gemütslage des Kalten Krieges

Bereits damals attestieren ihm Bekannte vorbildliche Manieren, aber auch eine innere Unruhe. Die gefällige Erscheinung verbarg einen idealistischen und damit fast zwangsläufig rebellischen Geist. Was auch immer er in diesen Jahren lernte, es waren nicht nur die Methoden und Techniken, die er später für seine Romane nutzte. Schriftsteller und Spion verbinde ein beobachtendes Verhältnis zur Welt, sagte er später. Die fröstelige Grundparanoia passte perfekt in die Gemütslage der Gesellschaften im Kalten Krieg. Insofern war James Bonds gefährlichster Konkurrent der von allen Seiten verratene Alec Leamas aus "Der Spion, der aus der Kälte kam" (1963). John le Carré ließ an der Berliner Mauer Menschen sterben, aber eben auch die Gewissheit von der moralischen Überlegenheit des Westens.

Sie war, wenn überhaupt, spürbar im Humanismus des Einzelnen. In "Agent in eigener Sache" (1979) entdeckt Smiley bei seinem sowjetischen Gegenspieler Karla eine weiche Stelle. Karlas Tochter ist psychisch krank, er hat sie in ein Schweizer Sanatorium bringen lassen, und Smiley weiß das. Er erpresst Karla und zwingt ihn nach Deutschland zu kommen, als Karla die Glienicker Brücke überquert, wird er festgenommen. Dass Smiley zwar gewonnen hat, aber nicht triumphiert, sondern im Gegenteil eine Art Selbstekel empfindet, war das Maximum an Mitgefühl, das zwischen Ost und West denkbar ist.

Die wahre Meisterschaft John le Carrés aber zeigte sich, als er seinem Personal nach dem Mauerfall rasch wieder eine sinnvolle Tätigkeit verschaffte. "Der ewige Gärtner" (2001) handelte von Schweinereien der Pharmakonzerne in Afrika, "Marionetten" (2008) von einem jungen Tschetschenen, der nach dem 11. September ins Getriebe verschiedener Geheimdienste gerät. Oft sind die Handlungsfäden fein, fast unsichtbar, mit Knoten an unvermuteter Stelle. Ein Satz oder auch sein Fehlen können eine Geschichte in ihr Gegenteil verkehren. Inzwischen schrieb er nur noch Bestseller. Seine Bücher werden in die ganze Welt übersetzt und so gut wie immer verfilmt.

"Das sind wir in unserer schlimmsten postkolonialen Ausprägung"

John le Carré hätte zur Ruhe kommen können, im Alter, durch den Ruhm, aber dann bog das britische Königreich politisch leider falsch ab. Er warb vergeblich für den Verbleib in der EU, dann beantragte er einen irischen Pass und reiste zum ersten Mal in seinem Leben nach Irland. Dort fand er das Haus seiner Großmutter, eine winzige Hütte in einer gewaltigen, menschenleeren Landschaft, aus der einst Millionen vor Hunger und Armut geflohen waren. "Ich hatte nie eine wirkliche Mutter", sagt Le Carré , "aber plötzlich tauchte ich in dieses Leben ein. Ich ernannte meine Großmutter zur Mutter."

Seine Wut milderte das nicht. Britannien im Brexit-Fieber - "das sind wir in unserer schlimmsten postkolonialen Ausprägung", sagte er, sein "persönlicher Hass auf Boris Johnson" wachse von Stunde zu Stunde. Das alles klingt furchtbar martialisch, aber wenn er dann Lösungsvorschläge machte, merkte man den Sinn fürs Märchenhafte. Eine winzig kleine Monarchie solle Großbritannien werden. "Ich würde die Queen aufs Fahrrad setzen, Privatschulen abschaffen und das Oberhaus auflösen. Das wären mal die ersten Schritte, damit es wieder vorwärts geht."

Er wird dazu keine Gelegenheit mehr haben. John le Carré, Weltbürger, Zeitzeuge, großer Literat, der den Verrat zur Kunst erhoben hat, ist am Samstag mit 89 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben.

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