Hollywood nach Metoo Ein moralisches Wagnis auf dünnem Eis

Er habe das letzte Jahr "in tiefer Selbstreflexion" verbracht: Der ehemalige Pixar-Chef John Lasseter.

(Foto: dpa)
  • Der ehemalige Pixar-Chef John Lasseter wird die Animationsabteilung der Produktionsfirma Skydance Media übernehmen.
  • Lasseter und sein vorheriger Arbeitgeber Disney hatten ihre Zusammenarbeit beendet, nachdem Ende 2017 Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen den 61-Jährigen erhoben wurden.
  • Lasseter verkündete in einem Statement, er sei "dankbar" für die Chance.
Von David Steinitz

Der Trickfilmemacher John Lasseter, ehemals Chef von Pixar und Disney Animation, hat einen neuen Job. Der Oscar-Preisträger ("Toy Story") wird die Animationsabteilung der Produktionsfirma Skydance Media übernehmen, wie die Firma am Mittwoch bekannt gab.

Lasseter und sein vorheriger Arbeitgeber Disney hatten ihre Zusammenarbeit beendet, nachdem Ende 2017 Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen den 61-Jährigen erhoben wurden. Mehrere Mitarbeiterinnen warfen ihm vor, sie ohne ihr Einverständnis umarmt, berührt oder geküsst zu haben. Daraufhin verabschiedete Lasseter sich in eine Art Sabbatical, um über sein Fehlverhalten nachzudenken.

Im Sommer 2018 verkündete Disney-Chef Bob Iger, dass Lasseter die Firma zum Jahresende ganz verlassen werde. Ein harter Schritt, weil Lasseter einer der wichtigsten Mitarbeiter des Unternehmens war. Er gilt als größter Trickfilmpionier seit Walt Disney und hat das Genre mit Filmen wie "Wall-E", "Cars" und "Die Eisprinzessin" als Regisseur, Autor, Produzent und Mentor ins digitale Zeitalter geführt. Aber Disney verfolgt bei moralischen Verfehlungen seiner Mitarbeiter eine Null-Toleranz-Politik, nicht zuletzt, weil die Firma von ihrem familienfreundlichen Image lebt.

Welche Filme sich lohnen und welche nicht

mehr...

Der Chef der Produktionsfirma Skydance, David Ellison, fand die Sache anscheinend weniger problematisch. Sein Unternehmen ist bislang vor allem für Actionfilme wie "Mission: Impossible - Fallout" bekannt. Erst vor kurzem ist es auch ins Animationsgeschäft eingestiegen und hat derzeit zwei Trickfilme in Entwicklung. Die Rekrutierung Lasseters, der ein siebenstelliges Gehalt beziehen und an Einspielergebnissen beteiligt werden soll, ist künstlerisch natürlich ein Coup. Sie ist aber auch ein moralisches Wagnis auf sehr dünnem Eis, das Ellison genau vorbereitet hat. Laut Variety wurde Lasseter von einem Anwaltsteam verhört, das in der Causa einen Untersuchungsbericht angefertigt hat, um sicherzustellen, dass nicht noch mögliche Enthüllungen nachkommen. Zudem wurde in seinen Vertrag geschrieben, dass er für alle Schadenersatzansprüche vergangener wie künftiger Vergehen persönlich haften muss, auch finanziell.

In einem internen Schreiben an alle Skydance-Mitarbeiter teilte Ellison mit, er habe sich die Entscheidung nicht leicht gemacht. Aber er sei sich sicher, dass "John eine wertvolle Lektion gelernt hat". Lasseter verkündete in einem Statement, er sei "dankbar" für die Chance. Er habe das letzte Jahr "in tiefer Selbstreflexion" verbracht, "um zu verstehen wie ich mit meinen Handlungen unbeabsichtigt dafür gesorgt habe, dass Kolleginnen sich unwohl fühlten, was ich zutiefst bereue". Die Erfahrung habe ihn "demütig" gemacht, er könne sich aber vorstellen, dass er dadurch ein "besserer Chef" werde.

Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Die Organisation Time's Up, die sich gegen Missbrauch in der Filmindustrie einsetzt, wirft Skydance vor, die Firma würde "einen Mann mit einer machtvollen, prominenten und privilegierten Stelle ausstatten, der wiederholt der sexuellen Belästigung bezichtigt worden ist". Melissa Silverstein von der Gruppe Women and Hollywood sagte dem Hollywood Reporter: "Das ist eine grauenvolle Nachricht für alle Frauen, die sich getraut haben, ihre Erfahrungen zu schildern." Die Meldung sei der Beweis, dass Männerklüngeleien nach wie vor Alltag seien in Hollywood. Lasseter soll seinen neuen Job Ende des Monats antreten.

Kunst Männerbünde im Haus der Kunst

München

Männerbünde im Haus der Kunst

Zwei Avantgardistinnen weniger, zwei Malerstars mehr: Wie die neuen Herren im Haus der Kunst das Erbe des visionären Direktors Okwui Enwezor verspielen.   Von Jörg Heiser