Filmfestival Locarno:Glücklicher Ritter

Locarno Film Festival 2021 - Awards Winner Ceremony

John Landis nimmt in Locarno einen Ehrenleoparden in Empfang.

(Foto: Rosdiana Ciaravolo/Getty Images)

Der "Blues Brothers"-Regisseur John Landis erhält in Locarno den Ehrenleoparden für sein Werk. Begegnung mit einem, der nicht mehr sein will, als er ist.

Von Isabel Pfaff

Es ist weit nach Mitternacht, als sich der Zauber von Comedy-Legende John Landis entfaltet. John Blutarsky (John Belushi) stapelt da gerade das halbe Angebot der Campus-Cafeteria auf sein Tablett, lutscht Sandwiches ab, stopft sich Burger in den Mund und prustet schließlich cremefarbenen Kartoffelbrei in die Gesichter seiner gaffenden Kommilitonen. Vielleicht ist es auch die Szene, in der Eric Stratton (Tim Matheson) die Frau des Dekans (Verna Bloom) verführt, dabei den Gentleman mimt und ihren Mantel dann doch souverän in die Ecke pfeffert. Oder ist es doch das Finale, als die zerstörungswütigen Mitglieder der Delta-Studentenverbindung eine Parade buchstäblich in die Luft gehen lassen?

Er habe versucht, eine Atmosphäre aus "Energie und Chaos" zu schaffen, hat Regisseur John Landis einmal über "National Lampoon's Animal House" (auf Deutsch: "Ich glaub' mich tritt ein Pferd!") gesagt, jenen 43 Jahre alten Film, der in dieser warmen Augustnacht einige Tausend Zuschauer auf der Piazza Grande von Locarno zum Lachen bringt. Der Versuch ist geglückt, der Film über eine völlig freidrehende Studentenverbindung im Jahr 1962 transportiert diese Energie bis heute.

" Blues Brothers "

Der wohl bekannteste Film von John Landis sind die "Blues Brothers" aus dem Jahr 1980.

(Foto: OBS)

Rausch, Zerstörungswut, Anarchie, aber auch einfach Freude an grenzenlosem Quatsch: Davon lebt "Animal House" (1978), davon leben auch andere Landis-Filme wie die "Blues Brothers" (1980) oder "Trading Places" ("Die Glücksritter", 1983). Eigentlich schlichte Geschichten, oft mittelmäßig gespielt, und doch so hinreißend komisch, übertrieben und frei, dass die Fans bis heute nachwachsen. Immer wieder sind in diesen Tagen "Blues Brother"-Doubles auf Locarnos Straßen zu sehen; der Kleinste unter ihnen ist vielleicht acht Jahre alt. Und auf der Piazza Grande sitzen in der "Animal House"-Nacht ein halbes Dutzend junge Männer und rufen in Anspielung auf die legendären Delta-Partys "Toga! Toga! Toga!". Landis, das ist zu spüren, ist Kult.

Locarno schreibt nun mit an der Legende: Die 74. Ausgabe des Festivals hat den Regisseur, Drehbuchautor und Produzenten am Wochenende mit dem Ehrenleoparden ausgezeichnet, dem Preis für Meisterinnen und Meister des zeitgenössischen Kinos. "John Landis ist ein echtes amerikanisches Genie", begründet Giona A. Nazzaro, künstlerischer Leiter des Festivals, die Ehrung. Der 71-Jährige sei eine Schlüsselfigur bei der Erneuerung des amerikanischen Filmschaffens seit den Siebzigern gewesen und habe Horror und Komödie, Musical und Film Noir auf einzigartige Weise gekreuzt.

Die Begeisterung Nazzaros - wohlgemerkt, er leitet ein Festival, das berühmt ist für sein Faible für Autorenfilme - ist echt. Er ist ständig an Landis' Seite an diesem Wochenende, stellt "Trading Places" als Film vor, den "wir in Locarno wie verrückt lieben", und lässt den Regisseur bei einer Podiumsdiskussion praktisch ohne Unterbrechung reden.

Landis wirkt wie seine Filme: nicht besonders intellektuell, aber mitreißend

Und so erzählt Landis, verschmitzte Augen in bärtigem Gesicht, unter einem Zeltdach in der Tessiner Mittagshitze wilde Storys: von seinen Anfängen als Junge für alles bei einem Filmdreh in Jugoslawien ("ich wurde unentbehrlich für die Crew"), seinen Stuntman-Jobs ("plötzlich saß ich auf einem Pferd!") und von den Western-Filmsets in Spanien und Italien, wo er als nicht einmal zwanzigjähriger Komparse reihenweise erschossen oder erstochen wurde ("dass der Blutbeutel nur so spritzte"). Landis spielt Szenen nach, lästert, flucht.

Er wirkt an diesem Nachmittag ein bisschen wie seine Filme: nicht besonders intellektuell, aber mitreißend. Das Sympathische ist, dass dieser Mann in Jeans und kariertem Hemd gar nicht mehr sein will. Er erzählt ohne Skrupel davon, wie er fast nicht in die Gewerkschaft der US-Regisseure aufgenommen worden wäre, weil er weder Schul- noch Studienabschluss hat. Oder dass sein erster Film "Schlock" (1973) im Grunde "schrecklich" sei - aber eben das eine Ziel erfüllte: sich endlich Regisseur nennen zu können.

Bei der Begegnung mit Landis wird auch klar: Er ist unbestritten eine Ikone, aber eben doch eine Ikone des Kinos von gestern. Auch wenn viele seiner Filme bis heute anarchische Freude versprühen, folgen sie letztlich doch überholten Erzählmustern - und sind mehrheitlich Männer-Filme. Ob die Studentenverbindung Delta in "Animal House", die Blues Brothers mit ihrer Band und all ihren männlichen Verfolgern oder die Parodie der weißen männlichen Eliten in "Trading Places": Frauen sind bei Landis selten treibende Kräfte, eher hübsche Dummchen oder, bestenfalls, unterstützende Begleiterinnen männlicher Protagonisten. Selbst Jamie Lee Curtis, die in "Trading Places" die gewitzte Prostituierte Ophelia spielt, bleibt nur der Sidekick für Eddie Murphy und Dan Aycroyd, die beiden Männer, die im Film ihre Rollen tauschen. Das ist natürlich nicht immer Landis' Schuld, schließlich hat er viele der Drehbücher nicht selbst geschrieben.

Dass er aus einer anderen Zeit kommt, merkt man auch in Locarno. Dort schwärmt Landis von Jamie Lee Curtis, die nicht nur "süß" und "nett" gewesen sei, sondern auch unglaublich intelligent - als sei das ziemlich ungewöhnlich. Auch der unglaubliche Materialeinsatz in Landis' Filmen - zerstörte Malls, Essensschlachten, Berge von kaputten Autos - wirkt heute seltsam unpassend. Doch auch wenn man schlucken muss, wenn Dan Aycroyd reinstes Blackfacing betreibt oder Landis einen Blechberg nach dem anderen auftürmt: Eine gewisse Zügellosigkeit gehört zu dem befreienden Slapstick dazu, für den Landis - zu Recht - geliebt wird.

Seit 2010 hat Landis nicht mehr Regie bei einem Kinofilm geführt. Und als er den Ehrenleoparden auf der Piazza Grande entgegennimmt, wirkt er auch nicht wie einer, der ein Comeback plant. Stattdessen sagt er einen Satz, der zu ihm, dem Meister von gestern, sehr gut passt: "Ich bin glücklich, dass ich sieben oder acht Filme gemacht habe, die noch heute angeschaut werden. Das ist sehr befriedigend."

© SZ
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