Sachbuch "Fenster ins Gehirn - Wie unsere Gedanken entstehen":Landkarte im Kopf

Gehirn

Querschnitt-Modell eines menschlichen Gehirns.

(Foto: Armin Weigel/dpa)

Die Gedanken sind frei. Nur wie lange noch? John-Dylan Haynes' neues Buch zum Stand der Hirnforschung.

Von Markus C. Schulte von Drach

Facebook zum Beispiel, immer schon begierig auf alle Informationen, die es über seine Nutzer bekommen kann, will auch lernen, Gedanken zu lesen. Vordergründig geht es dem Unternehmen um das Verfassen von Textnachrichten. Aber ob es dabei bleibt? Schließlich ist es ein alter Traum, die Gedanken anderer lesen zu können, und häufig wäre man wohl bereit, mehr zu zahlen als den "penny for your thoughts", der seit Hunderten von Jahren im angelsächsischen Raum angeboten wird. Lügner hätten keine Chance mehr, Betrug und Verrat würden unmöglich. Deshalb haben sich in der Vergangenheit Wissenschaftler schon im Auftag des amerikanischen Geheimdienstes CIA mit Gedankenübertragung durch menschliche Medien beschäftigt. Von Mentalisten, die in ihren Shows die Gedanken von Zuschauern zu lesen scheinen, geht große Faszination aus. Und Visionäre wie Elon Musk geben sich überzeugt, in absehbarer Zeit das Gehirn sogar vollständig "auslesen" zu können.

Tatsächlich aber können weder CIA-Agenten, von der Polizei bezahlte Lügen-Experten, noch Mentalisten Gedanken lesen. Sie nutzen vielmehr die feinen Signale, die über den Gesichtsausdruck, die Körperhaltung oder physiologische Reaktionen wahrgenommen oder gemessen werden können. Und was Elon Musk vorschwebt, ist bislang reine Science Fiction. Das Gedankenlesen bleibt vorerst ein (Alb-)Traum. Zum Glück. Nicht einmal die Gedanken wären dann ja noch frei. Aber wird es noch lange so bleiben? Hirnforscher arbeiten intensiv daran, herauszufinden, was im Kopf vor sich geht. Bei dem Versuch, zu verstehen, wie das Bewusstsein entsteht und das "Ich" sich einfindet, kommt die Forschung um den Versuch, Gedanken zu lesen, gar nicht herum. Von der Philosophie wird sie dabei mit neugieriger Skepsis beobachtet.

Es geht Haynes nicht darum, Sensationen zu verkaufen

Einer, der dabei in Deutschland bislang am weitesten gekommen ist, ist John-Dylan Haynes, Direktor des Berlin Center for Advanced Neuroimaging und Professor am Bernstein Center for Computational Neuroscience der Berliner Charité. Seine Erkenntnisse stellt er nun in einem Buch vor, dessen eher zurückhaltender Titel bereits zeigt, dass es nicht darum geht, Sensationen zu verkaufen. "Fenster ins Gehirn" heißt das Werk, das Haynes gemeinsam mit dem Journalisten Matthias Eckoldt verfasst hat.

Das Fenster ist einerseits natürlich das Buch selbst, über das ein Blick ins Haus der Gedanken geworfen wird. Zugleich spielt Haynes damit auf sein wichtigstes Werkzeug an: Den Kernspin- oder Magnetresonanztomografen (MRT), der in der Medizin eingesetzt wird, um Gewebestrukturen detailliert darzustellen. Der Untertitel verspricht darüber hinaus Auskunft darüber, wie unsere Gedanken entstehen und - das ist dann doch das eigentliche Thema - wie man sie lesen kann. Das ist geschickt formuliert, denn das "wie" verspricht viel, schränkt aber zugleich ein. Denn im Geiste lässt es sich ergänzen durch ein "und wie es nicht funktioniert".

Um es vorwegzunehmen: Haynes behauptet nicht, er könnte mit "Brain-Reading" (Hirn-Lesen) tatsächlich Gedanken so auslesen, wie sie die Denkenden selbst erleben, etwa als Satz wie "Ich lese gerade ein Buch über Hirnforschung" oder "Ich liebe meinen Partner". Wie seine Studien belegen, können die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in einem speziellen "funktionellen" MRT unter bestimmten Voraussetzungen aber ziemlich zuverlässig feststellen, an was Menschen gedacht haben. Und damit ist es wohl legitim, von Gedankenlesen zu sprechen.

Haynes und sein Team beobachteten dazu etwa die Hirnaktivität ihrer Versuchsteilnehmer, wenn diese in der Röhre des MRT liegen und an vorgegebene Dinge denken - einen Hund, eine Katze, das Brandenburger Tor. Erinnert sich dieselbe Person später erneut an eines davon, können die Wissenschaftler mit großer Trefferquote anhand der Hirnscans identifizieren, welches es war. Ihr Computer erkennt wieder, was er zuvor gelernt hat. Mit den MRT-Scans wird dabei, wie Haynes es beschreibt, ein Blick aus der Vogelperspektive auf wiederkehrende, wiedererkennbare Muster von Gedankenaktivität in verschiedenen Bereichen auf der Landkarte des Gehirns geworfen.

Sachbuch "Fenster ins Gehirn - Wie unsere Gedanken entstehen": John-Dylan Haynes, Matthias Eckoldt: Fenster ins Gehirn - Wie unsere Gedanken entstehen und wie man sie lesen kann. Ullstein Buchverlage, Berlin 2021. 304 Seiten, 24 Euro.

John-Dylan Haynes, Matthias Eckoldt: Fenster ins Gehirn - Wie unsere Gedanken entstehen und wie man sie lesen kann. Ullstein Buchverlage, Berlin 2021. 304 Seiten, 24 Euro.

Hirnforscher weltweit haben die Technik inzwischen so weit entwickelt, dass sie schon Hinweise darauf finden, wovon Menschen im MRT geträumt oder was sie gefühlt haben. Sie können sogar relativ gut bestimmen, ob ihre Versuchspersonen sich entschieden haben, welche von zwei Aufgaben - Subtrahieren oder Addieren -, sie lösen wollen, noch bevor sie damit beginnen. Und: Diese Entscheidung lässt sich anhand bestimmter Messungen schon erkennen, bevor die Probanden selbst sich bewusst entschieden haben. Damit steckt man unmittelbar in der Diskussion darüber, ob der Mensch einen freien Willen hat.

Um informierten Kritikern zuvorzukommen: Haynes verweist selbst auf die Schwächen der Kernspin-Methode, die die Aktivität in bestimmten Hirnbereichen nicht mit Sicherheit, sondern nur mit einer hohen Wahrscheinlichkeit anzeigen kann. Es braucht ausreichend viele Scans für seriöse Daten. Denn: Selbst ein toter Lachs, das zeigte 2005 ein legendäres Experiment, lässt im fMRT einige Bildpunkte aufleuchten. Doch da die Fachleute bei der Bildanalyse deutlich häufiger richtig liegen als falsch, vertrauen sie weiterhin auf die Methode.

Was ist zu halten von Lügendetektoren oder der Idee, die Persönlichkeit eines Menschen komplett zu digitalisieren?

Um den Lesern die Forschungsergebnisse verständlich zu machen, führt Haynes in die Grundlagen der Hirnprozesse ein, aber nur knapp und nachvollziehbar, biografische Einsprengsel lockern den harten Stoff auf. Zum gleichen Zweck werden etliche Cartoons eingesetzt. Ob das gefällt, ist Geschmackssache. Auf jeden Fall aber gelingt es Haynes, in dem nur 300 Seiten dicken Buch die wichtigsten Fragen, die es zur Gehirnforschung und ihren Konsequenzen, anzusprechen. Er diskutiert Möglichkeiten, Grenzen, Sinn und Vertretbarkeit von Lügendetektoren, von Technologien, die terroristische Gedanken oder psychische Krankheiten identifizieren sollen, er geht ein auf die Versuche, Prothesen oder Videospiele über das Gehirn zu steuern, Textnachrichten über Gedanken zu erstellen, das Neuromarketing und die Vorstellungen eines Ray Kurzweil, der daran arbeitet, die Persönlichkeit eines Menschen komplett auf einen Computer zu übertragen und so unsterblich zu machen.

Noch, so Haynes, seien die Ergebnisse des Brain-Reading von "begrenzter Aussagekraft", wenn es um Gedanken, Erinnerungen, Gefühle, Produktpräferenzen oder politische Eindellungen geht. Doch viele Möglichkeiten zeichnen sich zumindest ab, natürlich auch solche des Missbrauchs. Um Fehler zu vermeiden wie sie bei den Social Media gemacht wurden, "sollte im Vorfeld dafür gesorgt werden, dass jede Verwendung von Daten verboten ist, der nicht ausdrücklich zugestimmt wurde". Dafür fordert Haynes rechtlich verbindliche Regeln zur Verwendung des Brain-Reading. Dazu müsste allerdings zuerst eine Antwort auf die Frage gefunden werden: "Was wollen wir überhaupt dürfen?" Als Hirnforscher sieht sich Haynes in der Verantwortung, über die Möglichkeiten und Gefahren zu informieren. Dass diese mit zunehmenden Erkenntnissen auch seiner eigenen Grundlagenforschung wachsen, aus diesem Dilemma bietet auch er keinen Ausweg.

(Einen Vortrag des Hirnforschers John-Dylan Haynes zu seinem Buch finden Sie hier.)

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