Süddeutsche Zeitung

"Blue World" von John Coltrane:Unmöglich, darüber hinwegzuhören

  • 1964 nahm John Coltrane Musik für Gilles Groulx' Film "Le chat dans le sac" auf.
  • Nun erscheint der Soundtrack erstmals mit dem Titel "Blue World" als Album.
  • Das Interessanteste an dem Album ist der Beweis für die Unmittelbarkeit seiner Wirkung, die bei manchen Hörern auf lange Strecken buchstäblich religiöse Züge annimmt.

Was muss das für ein Glücksgefühl gewesen sein, als der kanadische Regisseur Gilles Groulx am Sommerabend des 24. Juni 1964 das Aufnahmestudio von Rudy Van Gelder in Englewood Cliffs, New Jersey mit dem Karton verließ, in dem das Tonband mit der Musik war, die John Coltrane für seinen Film "Le chat dans le sac" aufgenommen hatte. Coltrane hatte noch nie einen Soundtrack eingespielt. Und sollte das danach auch nie wieder tun.

Nachdem Groulx' Nouvelle-Vague-Film über das intellektuelle Hadern zwei junger Bohémiens geschnitten, veröffentlicht und auch irgendwann wieder vergessen worden war, lagerte das Band im Archiv des Film Board of Canada. Vergangenes Jahr kam es nun in den Besitz von Coltranes Plattenfirma Impulse. Die steckte gerade mitten in den Vorbereitungen für die Veröffentlichung des verschollenen "Both Directions At Once"-Albums, das wiederum jahrzehntelang im Familienbesitz gelagert hatte. Als das dann im Sommer 2018 erstmals erschien, galt es als Sensation. "Als hätte man eine neue Kammer in der großen Pyramide gefunden", sagte der Saxofonist und Coltrane-Zeitgenosse Sonny Rollins damals. Der Fund aus Kanada musste also erst einmal warten.

Coltrane öffnete Türen, von denen Jazz- und Rockmusiker gar nicht gewusst hatten, dass es sie gibt

Am 27. September erscheint der Soundtrack nun erstmals mit dem Titel "Blue World" als Album. Und ja, es ist ein richtiges Coltrane-Album, noch dazu mit seinem wohl besten Quartett, in dem McCoy Tyner Klavier spielte, Jimmy Garrison Bass und Elvin Jones Schlagzeug. Ein paar Monate später sollten sie "Crescent" aufnehmen und im Dezember "A Love Supreme", das Album, das bis heute als einer der Höhe- und Wendepunkte des Modern Jazz gilt, weil Coltrane da nicht nur die strengen Akkordwechsel des Jazz auflöste, sondern auch eine Spiritualität in die Musik brachte, die für ihn und sehr viele Jazz- und Rockmusiker nach ihm Türen öffnete, von denen sie bis dahin noch gar nicht gewusst hatten, dass es sie überhaupt gibt.

Ein wenig kann man diesen Wandel auf dem Soundtrack schon ahnen. Auch wenn die Aufregung nicht ganz so groß ist dieses Mal. Es ist auch eher, als hätte man einen neuen Hintereingang zur großen Pyramide gefunden. Aber das kann auch ganz aufschlussreich sein. Vor allem für die Archäologie. Neues Material hatte Coltrane jedenfalls nicht geschrieben für den Film. Das Titelstück des Albums wird zwar als bislang unbekanntes Stück angepriesen, aber es ist letztlich nur eine neue Fassung des Popsongs "Out Of This World", den Bing Crosby für den gleichnamigen Film gesungen und den Coltrane zwei Jahre zuvor für sein Album "Coltrane" eingespielt hatte.

Gerade im Titelstück hört man aber, wie er den walzerhaften Kitsch des Popsongs über einem minimalistischen Bassmotiv und sparsamen Klavierakzenten im 6/8-Takt in eine Meditation lenkt, die sehr viel tiefer geht als eine Ekstase.

Als Album aus der Mittelphase von John Coltrane ist "Blue World" als eigenständiges Album durchaus auch für Nicht-Jazzhörer zugänglich und ein Erlebnis. Die im Jazz so üblichen wie lästigen Extra-"Takes", also die Mängelexemplare unter den verschiedenen Versionen der Studioarbeit, sind zwar auch hier eher etwas für die Philologen. Das eigentlich Interessante an dem Album ist aber der Beweis für die Unmittelbarkeit seiner Wirkung, die bei manchen Hörern auf lange Strecken buchstäblich religiöse Züge annimmt. Als Soundtrack, also als Funktionsmusik eines dominanten Bildmediums, entwickelt Coltranes Wirkung allerdings einen verblüffenden Effekt.

Man kann sich "Le chat dans le sac" auf Youtube ansehen (und, nachdem das Film Board of Canada selbst den Film eingespeist hat, sogar mit gutem Gewissen: https://youtu.be/HfS_SOST02M). "Die Katze im Sack" ist zwar ein genretypisch geschwätziger Film aus der Zeit, als frankophone Regisseure im Kielwasser von Jean-Luc Godard versuchten, ihre Filme als intellektuelle Grundsatzwerke zu inszenieren, aber die Rolle der Musik ist hier zentral.

Man sieht also Barbara (Barbara Ulrich) und Claude (Claude Godbout) in authentisch verwackeltem Doku-Schwarz-Weiß dabei zu, wie sie sich darum bemühen, mit vielen Zigaretten und leicht verstrahlten Monologen wie Godards Anna Karina und Jean-Paul Belmondo zu wirken. Weil Gilles Groulx ein rechtschaffener Marxist war, halten sie hin und wieder Bücher in die Kamera, die dem Weltbild des Regisseurs entsprachen. Frantz Fanons "Verdammte dieser Erde" zum Beispiel, Werke über die Revolution in Kuba und über amerikanische Ghettos. Später laufen sie durch Montreal und fahren auch noch aufs Land. Claude hadert mit sich und der Rolle seiner Heimat Quebec, Barbara hadert mit Claude.

Gleich zu Beginn aber, im Auftakt seiner Ballade "Naima", entwickelt Coltrane aus einem zweigestrichenen C eine zutiefst melancholische Ouvertüre, in der sich das Thema über einem Orgelton des Kontrabasses zum herzzerreißenden Lamento entwickelt. Dem Weltschmerz der beiden Protagonisten verhilft das zu einer Tiefe, die kein noch so guter Schauspieler aus einem so überintellektualisierten Drehbuch herausholen könnte. Und genauso funktioniert Coltrane. Er vermag auch Jahrzehnte nach seinem Tod noch den Moment des Musikhörens mit einer emotionalen, spirituellen und auch intellektuellen Substanz zu veredeln, die es unmöglich macht, einfach darüber hinwegzuhören oder sich diesem Sog zu entziehen.

Historisch gesehen ist diese Version von "Naima" eine weitere Tiefenschürfung seines vielleicht besten Stückes, auch wenn "My Favorite Things", "Giant Steps" und "A Love Supreme" musikgeschichtlich immer größeres Gewicht zugeschrieben bekamen. Als er das Stück 1960 für seine Frau Naima schrieb, war ihre Ehe schon zerrüttet. Als er sie 1964 für Gilles Groulx noch einmal einspielte, war sie schon zwei Jahre vorbei. Man hört, wie die Ballade an Tragik gewonnen hatte, auch wenn ihr das Feuer fehlt, das Coltranes Erstaufnahmen hatten, weil er seine Musiker nie proben ließ, um sie aus dem Stand heraus mit seinem neuen Material zu konfrontieren.

Später im Film gewinnen banale Momente in der Stadt durch Coltrane an Bedeutung und Symbolkraft, was er schließlich in der Schlussszene an einem gefrorenen Teich mit einem Adagio von Vivaldi noch auf die Spitze treibt. Doch weil Filmmusik immer dazu dient, einen emotionalen Raum zu schaffen, den ein Film alleine nur selten hinbekommt, zeigt sich, wie gewaltig die Wirkung von Coltrane sein kann. Gerade weil er sich nicht auf die Dynamik des Schnitts oder der Dramaturgie eingelassen, den Film nicht einmal gesehen hatte. Seine Zeitgenossen Miles Davis und Martial Solal waren da bei ihren Arbeiten für die Nouvelle-Vague-Filmer in Paris sehr viel entgegenkommender.

Denn letztlich waren die Aufnahmen für ihn und sein Quartett eine Session wie immer. Es klingt wie eine zufällige gute Laune, dass er zugesagt hatte. Groulx kannte seinen Bassisten Jimmy Garisson, der fragte nach, bekam das Okay. Nur wenige Minuten fanden sich letztlich von den 37 Minuten Musik im Film. Als eigenständiges Album aber beweist die Session eben auch noch, was eigentlich immer schon klar war. Bei John Coltrane gab es keine Routine.

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Quelle:
SZ vom 27.09.2019/luch
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