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John Carpenter wird 70:Eine Mauer um das gute Amerika

1978 Halloween Resurrection Movie Set PICTURED Actress JAMIE LEE CURTIS as Laurie Strode Oct

In "Halloween" schleicht ein maskierter Mörder um die Vorstadthäuser und belauert Teenager (im Bild: Jamie Lee Curtis).

(Foto: imago/EntertainmentPictures)

Die heile Welt verschanzt sich - aber der Horror dringt trotzdem ein. Eine Würdigung zum 70. Geburtstag von John Carpenter, Filmemacher und Held des Genrekinos.

Er hat fertiggebracht, wovon Donald Trump bislang nur endlos schwadronierte. Er hat eine Mauer gebaut, die das heile, gute Amerika vom Abschaum trennt, den es verachtet und der es bedroht. Die Mauer macht Manhattan zu einem unzugänglichen Hochsicherheitsgefängnis, in John Carpenters Film "Escape from New York/Die Klapperschlange". Drinnen finden sich Gangster, Pimps und Punks, Typen wie Isaac Hayes oder Harry Dean Stanton sind am Drücker. Dummerweise stürzt ausgerechnet der Präsident der USA in dieses Drecksloch - und retten kann ihn daraus bloß der Häftling und Ex-Söldner Snake Plissken, verkörpert von Kurt Russell.

"Escape" kam 1981 in die Kinos, spielte im Jahr 1997, und wurde gleich ein Kultfilm. Auf das Prinzip von Verteidigung und Verschanzung, die Dialektik von Eindringen und Ausbrechen sind alle CarpenterFilme gebaut. Das von der Stadt abgeschnittene Polizeirevier in "Assault on Precinct 13", am Rand von L.A., das von einer Horde Jugendlicher belagert wird wie ein Fort von Indianern. Die Vorstadthäuser in "Halloween", um die der maskierte Mörder schleicht, die Teenager drin belauernd und schließlich mit dem Messer attackierend. Die Forschungsstation in der Antarktis, die ein Alien heimsucht, das alle möglichen Gestalten annehmen kann und die Männer gnadenlos dezimiert.

Carpenter ist vielleicht der letzte Kino-Handwerker, ein "Bastler"

In den Siebzigern war John Carpenter, gemeinsam mit seiner Frau und Produzentin Debra Hill, für ein paar Jahre der Held des Genrekinos. Allerdings wurde er das erst nach einem Umweg über Europa, in Deutschland lud Heinz Badewitz ihn mit seinen frühen Filmen nach Hof ein. Hier war man Form-bewusster und sensibler für Strukturen, hatte ein Ohr für Anspielungen und filmische Referenzen. "Assault" wurde gleich als Variation auf die Western von Howard Hawks gesehen, die junge Laurie Zimmer erinnerte an Lauren Bacall, und Carpenter hatte selbst die Montage besorgt, unter dem Pseudonym John T. Chance, so heißt der Sheriff John Wayne in "Rio Bravo".

Carpenter ist vielleicht der letzte Kino-Handwerker, ein "Bastler", wie der Anthropologe Claude Lévi-Strauss diesen Typus skizziert - "die Welt seiner Mittel ist begrenzt, und die Regel seines Spiels besteht immer darin, jederzeit mit dem, was ihm zur Hand ist, auszukommen". In den Achtzigern und Neunzigern blieb der Erfolg für seine Filme aus, das hängt mit dem Vordringen der allmächtigen Computereffekte zusammen, mit den monströsen Blockbustern.

Natürlich kann Carpenter von Glück sagen, dass er nie so einen aufgebrummt bekam. Er drehte noch ein wenig durchgeknallte Action mit Kurt Russell (der für ihn auch Elvis gespielt hatte), blieb dem Horror treu - zuletzt "Ghosts of Mars" und "The Ward" -, und ärgerte sich maßlos, dass sein Film "They Live" inzwischen von amerikanischen Neonazis als Parabel auf die heimliche jüdische Weltverschwörung gelesen wird: Außerirdische haben Amerika im Griff und spielen ihm eine reklamebunte Welt vor, hinter der unbewusst und heimlich Konsum- und Konformitätsparolen stecken. Heute widmet er sich der Musik, macht Videoclips zu seinen alten Scores.

An diesem Dienstag wird der Bastler John Carpenter siebzig Jahre alt.

© SZ vom 16.01.2018/doer

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