Johannes Gross (XXXVI) Der Verlorene

SZ-Serie (XXXVI): Johannes Gross - eitel, zwanghaft, zu schlau für diese Welt

Von HANS-JÜRGEN JAKOBS

(SZ v. 11.07.2003)

(Foto: Foto: dpa)

Der Kluge ist einsam. Der Belesene noch mehr. Johannes Gross hat darunter gelitten, wie er einmal aphorisierte, dass die Bibel und die Bücher der griechischen Mythologie nicht mehr Grundlage der Verständigung in der deutschen Gesellschaft sei. Wie soll man sich da unterhalten, mag er gedacht haben, und schrieb vierzehntäglich kurze Weisheiten im unvergesslichen Magazin der Frankfurter Allgemeinen.

Etwa: "Wenn einer heute sagt, er sei ein political animal, bestärkt es den Verdacht, dass er ein Scheusal ist."

Oder: "Niemand wird so gestreichelt wie das Opferlamm auf dem Weg zur Schlachtbank."

Mit diesem "Notizbuch" ließ er die geistige, literarische und sonstige Welt teilhaben an seinen Gedankenstreifzügen, die meist ein Hauch von Melancholie umwehte. Ihm fehlte der ideologische Purismus, der sonst "Meinungsmachern" zu eigen ist. Dafür war er in seinem Konservativismus zu unberechenbar. Und doch hatte es Gross, der CDU-geführten Regierungen distanziert sehr nahe stand, zum Sprachrohr dieses Milieus gebracht.Wer seine ziselierten Beobachtungen liest, spürt den Unterschied zu aktuellen Mitte-Rechts-Erklärern, die Pointen eher angestrengt suchen, gern in einem "Tagebuch".

Johannes Gross, dem bekennenden Gourmet, schienen die Thesen irgendwie zuzufliegen.

Fast vier Jahrzehnte versuchte er, den Deutschen einen - seinen - Spiegel vorzuhalten. Er war Politikchef der Deutschen Zeitung und Chefredakteur der Deutschen Welle, in herausragenden Positionen bei den Wirtschaftsblättern Capital und Impulse, in deren merkantil geprägten Verlag Gruner + Jahr er dank seiner Vorstandsmitgliedschaft mehr Kultur brachte, ohne gleichwohl die Geschäfte zu stören. Gross - genialisch, eitel, sensibel - war auch gern Talkmaster im Fernsehen (Die Bonner Runde); jedoch merkte das ZDF 1996 bei der Show Tacheles, dass die Wohlgewogenheit des Wortes, die Brillanz eines Gedankens, nicht mehr recht in eine Mediengesellschaft passt, in der sich die Leute mit Slogans und PR-Stilisierung irgendwelche Scheingefechte für den Tag liefern.

Johannes Gross, Krawatten-Mann des Jahres 1981, war kein Kandidat für das moderne Entertainment, nicht einmal als Vorzeige-Intellektueller. Die Vielzahl von Programmen habe das Fernsehen insgesamt banalisiert, befand er resignierend: "Wir werden gewiss überflutet, aber nicht von Reizen." Und: "Die Leute, die sich durch Lektüre informieren und orientieren, und die Leute, die sich dem Fernsehen anvertrauen, leben auf verschiedenen Planeten."

Wohl seine größten Stärken hatte dieser leise verzweifelnde Bildungsbürger, dessen Vorfahre Johann Heinrich Jung-Stilling den Roman Heimweh schrieb, als Autor von Büchern wie Die neue Gesellschaft (1958), Die Deutschen (1967), Absagen an die Zukunft (1970) und die Begründung der Berliner Republik (1994). An der Spree, hoffte der gebürtige Westerwälder, würden die Deutschen zum "hauptstädtischen Dialog" finden und verlieren, was sie nach Nazi-Schande und Kriegskatastrophe prägte: der Mangel an Selbstbewusstsein.

"Die Bundesrepublik ist eine glückliche und ausgeglichene Schöpfung", schrieb Gross 1967, im Jahr der Notstandsgesetze und des Benno-Ohnesorg-Mordes. Logisch, dass er den Sozialistischen Deutschen Studentenbund als "Fortsetzung des Wandervogels mit anderen Mitteln" sah.

Später mokierte sich der studierte Jurist und Philosoph über den schwachen Bundesstaat ("Der Gründergeist von 1949: Die Länder sind wichtig, Europa ist wichtig, die Bundesrepublik steht zur Disposition") und über die kulturelle Avantgarde: "Die Autoren bleiben mit ihrer Kunst allein."

Noch später dozierte in seiner gespreizt-sarkastischen Art: "Die Deutschen, muss man sagen, wollen literarisch das Elend haben, von dem sie selber glauben, dass sie es eigentlich verdient hätten. Trübsinn würzt den Genuss des Wohlstands."

Gross war anders. Er setzte seinem Verlag eine Flasche Dom Perignon auf die Verlagsrechnung, für ein dienstliches Gespräch mit einer wichtigen Persönlichkeit - ihm selbst. Die öffentliche Wohlfahrt aber, das Soziale, war ihm genauso verhasst wie die Öko-Kultur oder der Siegeszug der Zote. In solchen Fragen konnte der Pointenkünstler schon mal Niveau verlieren.

Dem konservativen Intellektuellen gefiel schon immer die Existenz am Katzentisch der Mächtigen. Von Kanzler Konrad Adenauer war er mal zehn Minuten lang um Einschätzung eines Problems gebeten worden; richtig beraten hat er dann dessen Nachfolger Ludwig Erhard. Und als Helmut Kohl 1982 nach der sozial-liberalen Ära aufstieg, war der scharfzüngige Publizist präsent, ohne irgendein ein Amt zu bekommen.

Auch ein ganz großer journalistischer Posten in einem großen Medium blieb ihm versagt, etwa beim ZDF, wo er im Gespräch war, oder vor genau 20 Jahren für die Chefredaktion der Illustrierten Stern. Doch die eher links-orientierten Journalisten dort, geschockt vom Skandal der gefälschten Hitler-Tagebücher, wehrten sich mit allerlei Aktionen erfolgreich gegen den Herold der Wende, der etwa von der Kohl-Regierung erwartete, sie müsse nun "auf wichtigen Gebieten eine fundamental andere Politik ins Werk setzen (...), als die des trabenden Sozialismus ihrer Vorgängerin".

Solche Lagebeurteilungen wollte man in Hamburg nicht. Und hatte dieser Gross nicht auch den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit in Deutschland als "glatte Lüge" bezeichnet? Und nur den konservativen, aristokratischen Widerstand gegen Hitler als "moralisch begründet" gewertet?

Die Stern-Redaktion protestierte unten auf der Straße gegen die mögliche Personalie. Gross tafelte oben in einem Nobelhotel. Er verzichtete auf den Job.

Der Nicht-Ökonom und Kunstfreund machte fortan Blätter über die Ökonomie, schrieb seine Editorials in Capital und Impulse. Voller Bedauern fand der streitbare Herausgeber, dass der Wirtschaftsjournalismus im Vergleich zum politischen Journalismus "lammfromm" sei, Wirtschaft als Heiligtum angesehen werde und all die studierten Volks- und Betriebswirte in den Redaktionen nicht mit gesundem Misstrauen an ihr Sujet herangehen würden: "Wie könnte es sonst vorkommen, dass Pressetexte von großen Konzernen in manchen Redaktionen bloß umgeschrieben, zu einem Zweiteiler verdichtet und ins Heft gehoben werden?" Es kommt heute noch vor.

Glücklich wurde der Jäger des Bonmots, den es gern nach Paris in seine Wohnung auf der Ile Saint-Louis zog, auch mit dem Deutschland des Helmut Kohl nicht; und Rot-Grün sah er bereits 1995 als "antibürgerliche Parlamentsmehrheit". Gross war irgendwie zu schlau für diese Welt, ein gescheiter Verlorener, den der Nachweis zwanghaft umtrieb, dass der Geist nicht notwendigerweise links steht, sondern auch weiter rechts zuhause sein kann. Schon früh erlebte er Widersprüche und Bedrohungen als "gespenstisch": "Alles funktioniert, aber im Grunde stimmt nichts", klagte er. Und: "Man muss nur ein bisschen kratzen, dann hat man die Magma, die nicht mehr kontrollierbar ist."

Niemand sei vor dem Tode glücklich zu preisen, nach dem Tode auch nicht, schrieb Gross im Juli 1999 im letzten Notizbuch im FAZ-Magazin, das auch eingestellt wurde. Der Meister-Aphoristiker starb im Alter von 67 Jahren am 29. September 1999. Wenige Monate später erschien noch mal ein Buch mit seinen letzten Notizen aus vier Jahren. Eine lautet: "Wo der Mensch im Mittelpunkt steht, ist für die meisten Leute kein Platz."